50 Jahre Frauenstimmrecht

Christiane Brunner Die Nichtwahl

Dore Heim

Die 100. Bundesratswahl am 3. März 1993 war der Knaller! Nie zuvor hatte eine Nichtwahl in den Bundesrat eine grössere und nachhaltigere politische Wirkung entfacht als die Nichtwahl von SP-Kandidatin Christiane Brunner. Und nie zuvor war Schweizer Politik aufregender gewesen als in der Woche vom 3. bis zum 10. März 1993.

ERSTE GEWERKSCHAFTS-CHEFIN. Christiane Brunner (73) war die erste Frau an der Spitze einer Gewerkschaft – und des Gewerkschaftsbundes. Von 1982 bis 1989 war die Juristin Chefin beim VPOD und von 1992 bis 2000 bei der Metallgewerkschaft Smuv, einer Vorgängerorganisation der Unia. 1994 bis 1998 teilte Brunner sich das SGB-Präsidium mit GBI-Chef Vasco Pedrina. Und von 2000 bis 2004 war sie SP-Präsidentin. (Foto: Keystone)

Es waren sieben Tage, die die Schweiz veränderten. Sie wurde vom Brunner-Effekt regelrecht erschüttet: Die Nichtwahl der unerschrockenen Gewerkschafterin sorgte für eine politische Mobilisierung der Frauen über alle Parteien und ­sozialen Unterschiede hinweg. Das hatte das Land seit der Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts 1971 nie mehr erlebt. Und nochmals bediente Mann sich der ganzen frauenfeindlichen Klaviatur, mit der Mann die Schweizerinnen jahrzehntelang politisch unmündig gehalten hatte.

1993 bediente Mann sich
nochmals jener frauenfeindlichen
Klaviatur …

DIE DRECKKAMPAGNE

Kaum hatte SP-Bundesrat René Felber am 13. Januar seinen Rücktritt bekanntgegeben, kam der Name von Christiane Brunner ins Spiel. Sie war damals Präsidentin der Metallgewerkschaft Smuv (heute Unia) und Genfer Nationalrätin. Ebenfalls im Rennen um den frei werdenden Bundesratssitz: SP-Mann Francis Matthey aus Neuenburg. Er bleibt stets unter dem Radar der Medien und der Öffentlichkeit. Gegen Brunner hingegen polemisiert man von Beginn weg. Die Organisatorin und Lichtfigur des Frauenstreiks von 1991 war für viele Männer eine nicht annehmbare Provokation. «Was bloss in dieses Land gefahren ist?» entsetzte sich zum Beispiel die «Weltwoche»: «Eine Gewerkschafterin mit schmaler Kinderhand und grossen Augen in den Bundesrat?» Und der «Blick» hechelte: 5 Kinder. 3 Männer. Karriere im Turbo. Harmonie perfekt. Doch Bern tuschelt weiter.»

Die SP beschliesst, Brunner als einzige Kandidatin ins Rennen zu schicken. Jetzt geht die Hetze erst recht los. Ein anonymer Brief kursiert im Parlament und bei den Bundeshausjournalisten: Es gebe Nacktfotos von Brunner, und sie habe abgetrieben. Aus der Kindfrau wird jetzt eine Sex- und Skandalnudel. Befeuert wird die dreckige Kampagne nachweislich von einem schillernden SP-Nationalrat aus Genf, der Dritten gegenüber versichert, die Nacktfotos gesehen zu haben. Ist die Smuv-Präsidentin zu wenig links, zu angepasst und zu machtorientiert zugleich? Oder geht es um etwas ganz anderes? Brunner kam aus bitterarmen Verhältnissen und löste mit ihren blonden Haaren und ihrem frechen Look tiefsitzende Ängste bei Männern aus. Und offenbar auch Phantasien. Es wurde ihr das Bild der «Serviertochter» angehängt. Und Mann fragte hinter vorgehaltener Hand: «Kann so eine in den Bundesrat?»

… mit der Mann die Schweizerinnen jahrzehntelang
politisch unmündig gehalten hatte.

DIE ZWILLINGSSCHWESTERN

Gierig greifen die Medien die Gerüchte auf, keine einzige Zeitung fordert Beweise, auch nicht die SRG. Spekuliert wird nur noch über den Inhalt der Nacktfotos, bis Christiane Brunner am 9. Februar an einer Medienkonferenz die «Fake News» entschieden dementiert. Die Verleumder rächen sich am 3. März: «Gewählt ist Francis Matthey mit 130 Stimmen.»
Die SP hat sich in den zehn Jahren seit der Nichtwahl von Bundesratskandidatin Lilian Uchtenhagen verändert. Den Spitzen von Fraktion und Partei wird im Vorfeld der absehbaren Wahl von Francis Matthey klar, dass die Basis diesmal den Austritt aus dem Bundesrat beschliessen würde. Unmittelbar nach der Wahl kommt es zu einer heftigen Fraktionssitzung. Matthey, unter Druck, verlangt eine Woche Bedenkzeit.

SP-Präsident Peter Bodenmann und Parteisekretär André Daguet als Chauffeur brausen in den nächsten Tagen in einem gemieteten roten Mercedes mit Autotelefon kreuz und quer durch die Schweiz, von einer Sitzung zur nächsten. In Neuenburg verhandeln sie am Küchentisch mit Francis Matthey. Im Zürcher Bahnhofbuffet mit den übrigen Bundesratsparteien. Mit Christiane Brunner und Ruth Dreifuss in der Westschweiz. In Zürich beschliessen die Delegierten, an Christiane Brunner als Kandidatin festzuhalten und gleichzeitig der Fraktion den Auftrag zu erteilen, eine Lösung zu finden. Christiane Brunner entscheidet, gemeinsam mit Ruth Dreifuss zu kandidieren. Die beiden Sozialpolitikerinnen treten nun als «Zwillingsschwestern» auf.

Diese verzuckerte Inszenierung der Untrennbaren, garniert mit der Sonnenbrosche, die sie tragen, wird die wütenden Frauen vor dem Bundeshaus besänftigen. Es funktioniert auch, dank der professionellen Haltung der beiden Protagonistinnen. Sie stellen ihre politischen Ziele über persönliche Animositäten. Ein Glücksfall für die Schweiz und die Frauen. Am 10. März wird Ruth Dreifuss im dritten Wahlgang gewählt, als erste SP-Frau und erste Jüdin und als 100. Mitglied der Landesregierung. Ihr Äusseres entsprach dem bürgerlichen Frauenbild, und sie war für die meisten Parlamentarier ein unbeschriebenes Blatt.

work-Serie: Stimmrechtsfrauen

Am 7. Februar 2021 wird das natio­nale Stimm- und Wahlrecht der Frauen in der Schweiz 50jährig. Bis dann wird Gewerkschafterin und Historikerin Dore Heim die unerschrockensten und wichtigsten «Frauenrechtlerinnen» in einer work-Serie porträtieren. Bisher gewürdigt wurden: Katharina ­Zenhäusern, die als erste Schweizerin abstimmen ging. Iris von ­Roten, eine der ­radikalsten Denkerinnen der ­Sache der Frauen. Emilie Lieberherr, «Animal politique» wie keine andere Politikerin in der Schweiz. Josi Meier, die CVP-Politikerin, die sich eine ­eigene Meinung leistete. Martina Hälg-Stamm, die ­Pionierin in Mostindien. Dora Schmidt, die erste Bundesbeamtin der Schweiz. Die kompromisslose Revolutionärin Rosa Bloch. Und Margarethe Faas-Hardegger, die Anarchismus, Abtreibung und freie Liebe propagierte. Alle Teile der Serie gibt es hier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.