Die Kompromisslose: Rosa Bloch

Sie war die Rosa Luxemburg der Schweiz: Rosa Bloch-Bollag. Agitatorin, Publizistin und Revolutionärin. Als einzige Frau sass sie im Oltener Aktionskomitee zur Vorbereitung des Generalstreiks.

UNGESTÜM: Während die Arbeiter in der Beiz saufen und revolutionäre Reden schwingen, planen und organisieren die Frauen den Aufruhr, angeführt von Rosa Bloch. (Foto: Sozialarchiv)

Ihr Name war Programm: Rosa! Rosa wie die deutsche Revolutionärin Rosa Luxemburg. Diese war für Rosa Bloch-Bollag ein wichtiges Vorbild. Rosa Bloch kommt 1880 in Zürich in einer verarmten Kaufmannsfamilie zur Welt. Ihr Jurastudium muss sie abbrechen und wird erst Verkäuferin, dann Schmuckhändlerin, was ihr in den ersten Parteijahren den despektier­lichen Spitznamen «Brillanten-Rosa» einträgt.

Mit nicht ganz 42 Jahren stirbt sie 1922 an einer missratenen Kropfoperation. Ihr Mann Siegfried Bloch glaubt an ein Komplott. Der Nachruf im Zürcher «Volksrecht» liest sich ambivalent: «Sie hat mit ihrer ungestümen Art die leidenschaftlichsten Gegenangriffe provoziert.»

PROVOKATIV. Nach ihrer legendären Rede als erste Frau vor dem Zürcher Kantonsrat beim Verlassen des Rathauses, am 17. Juni 1918. (Foto: Sozialarchiv)

BLOCH ORGANISIERT DIE FRAUEN

Die Rechte der Frauen und die Lage der Arbeiterinnen sind der Antrieb dieser rastlosen, überaus begabten Organisatorin und Publizistin. Rosa Bloch-Bollag verantwortet «Die Vorkämpferin», eine Zeitung der Arbeiterinnenbewegung. Sie nimmt als einzige Frau 1918 Einsitz im neu gegründeten Oltener Aktionskomitee zur Vorbereitung des Generalstreiks. Ihr ist es zu verdanken, dass das Frauenstimm- und -wahlrecht im Programm des Komitees an zweiter Stelle steht. Nach wenigen Wochen tritt sie aber zugunsten des linksradikalen Fritz Platten aus dem Komitee wieder aus.

Die Bewegung auf der Strasse wird das Wirkungsfeld von Rosa Bloch. Die Arbeiter hocken im Wirtshaus. Ihr Fluchtpunkt vor der häuslichen Misere und der Ort, wo Politik gemacht wird. Den Frauen ist der Zutritt zu dieser Männerbastion verwehrt, schnell haben die, die dort verkehren, den Ruf weg, Prostituierte zu sein. Also treffen sich die Frauen in den Arbeiterinnenvereinen. Diese werden zum treibenden Motor der Revolutionsbewegung, masslos unterschätzt von den Männer­genossen. Allen Frauen voran organisiert Bloch den Widerstand gegen Mietwucher, Preistreiberei und das Nichtstun der Regierung. Während die Arbeiter in der Beiz saufen und lärmen und revolutionäre Reden schwingen, planen und organisieren die Frauen in disziplinierten Sitzungen den Aufruhr.

Rosa Bloch hält als erste Frau im Zürcher Rathaus eine kämpferische Rede gegen Ausbeutung und ­Wucher.

FRISCHE OBERARM-QUETSCHUNGEN

Der Kriegsausbruch im Sommer 1914 trifft die Schweiz schlecht vorbereitet: Es fehlt an Grundnahrungsmitteln, der Getreidevorrat ist bereits nach kurzer Zeit aufgebraucht. Die Not in den Arbeiterhaushalten wächst mit jeder Woche. Die Löhne der Männer fehlen. Sie stehen im Aktivdienst an den Grenzen. Die kärglichen Zuverdienste der Arbeiterfrauen reichen nicht aus, um die Mieten zu bezahlen und die Kinder zu versorgen. Hunger und Elend machen sich breit.

Da nehmen die Arbeiterinnen das Heft in die Hand: Ab Juni 1916 gehen sie auf die Wochenmärkte und fordern die Bauern und Gemüsehändler auf, ihre übersetzten Preise zu senken. Kommen diese ihnen nicht entgegen, werden die Körbe ausgeleert, und die Frauen bedienen sich selbst. In Zürich verursacht der Streit von Rosa Bloch mit einer Händlerin einen Auflauf und ruft einen Polizisten auf den Plan. Dieser versucht handgreiflich, Rosa zu verhaften. Vergeblich, denn die Zuschauenden solidarisieren sich mit ihr. Sie beschwert sich noch gleichentags beim zuständigen Polizeivorsteher wegen «acht frischer Quetschungen am linken Oberarm». Nun mischen sich auch die bürgerlichen Frauenorganisationen ein. Sie unterstützen die Forderungen der Arbeiterinnen nach einer Preissenkung und staatlicher Kontrolle der Lebensmittel. Denn immer mehr Menschen sind auf die Essens­austeilung in den Volksküchen angewiesen. Nur der Bundesrat begreift es nicht: Im April 1918 beschliesst er eine weitere Erhöhung des Milchpreises.

Im Juni 1918 ist ein Sechstel der schweizerischen Bevölkerung notstandsberechtigt, hat also Anspruch auf verbilligte Lebensmittel und Brennholz. Erneut gehen die Frauen auf die Strasse. Über tausend versammeln sich in strömendem Regen am 10. Juni in Zürich. Unter Anführung von Rosa Bloch marschieren sie zum Rathaus und fordern eine Anhörung durch das Kantonsparlament. Zähneknirschend wird der Delegation Einlass gewährt, aber erst zu einem Termin eine Woche später. Vermutlich hofft man auf eine Abkühlung der «hysterischen Weiber». Aber da haben die Politiker nicht mit Rosa Bloch gerechnet. Diese hält als erste Frau im Zürcher Rathaus eine kämpferische Rede gegen Ausbeutung und Wucher. Ein unerhörtes Ereignis, über das in der ganzen Schweiz berichtet wird.

LICHT AUS DEM OSTEN

Nach dem abgebrochenen Generalstreik ist die Versorgung weiterhin nicht gut. Rosa Bloch macht erneut Druck mit anderen Frauen. Sie marschieren Anfang 1919 zur Zürcher Kantonsregierung und wollen ihre Forderungen überreichen. Aber die Stimmung hat gedreht, «der Bloch» wird das Reden verboten, die Forderungen unfreundlich zurückgewiesen.

Die Frauen werden auch in der So­zialdemokratischen Partei immer wieder übergangen. Die roten Patriarchen klammern sich an ihre Posten und Ämter und wollen die Frauen auch dort nicht ran­lassen, wo sie mitmachen dürften, trotz fehlendem Stimm- und Wahlrecht: in den Genossenschaften, in Vereinen und in kantonalen Schul- und Armenbehörden. Und bei den ersten kantonalen Abstimmungen zum Frauenstimm- und -wahlrecht zeigt sich: auch die Genossen wollen es nicht!

Blochs Zeitung «Die Vorkämpferin»* wird eingestellt. Es kommt zu einer Parteispaltung. Im März 1921 trennt sich der linke Flügel von der Sozialdemokratie und gründet die Kommunistische Partei der Schweiz. Rosa Bloch setzt darauf, dass «das Licht aus dem Osten kommt». Nur ein Jahr später weiss sie allerdings schon, dass die Gleichberechtigung der Frauen auch in ihrer neuen Partei nur zweitrangig ist. Dann stirbt sie, viel zu früh.

* Die Zeitung «Die Vorkämpferin» wurde vollständig digitalisiert und ist heute hier online zugänglich.

work-Serie: Stimmrechtsfrauen

Am 7. Februar 2021 wird das natio­nale Stimm- und Wahlrecht der Frauen in der Schweiz 50jährig. Bis dann wird Gewerkschafterin und Historikerin Dore Heim die unerschrockensten und wichtigsten «Frauenrechtlerinnen» in einer work-Serie porträtieren. Bisher gewürdigt wurden: Katharina ­Zenhäusern, die als erste Schweizerin abstimmen ging. Iris von Roten, eine der ­radikalsten Denkerinnen der Sache der Frauen. Emilie Lieberherr, «Animal politique» wie keine andere Politikerin in der Schweiz. Josi Meier, die CVP-Politikerin, die sich eine eigene Meinung leistete. Und Martina Hälg-Stamm, die Pionierin in Mostindien. Und Dora Schmidt, die erste Bundesbeamtin der Schweiz. Alle Teile der Serie gibt es hier: www.rebrand.ly/frauenstimmen

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