Pionierin in Mostindien: Martina Hälg-Stamm

Ihr Jugendbild zierte 1938 die 30-Rappen-Briefmarke, die der Maler Carl August Liner gestaltet hatte. Zu dem Zeitpunkt ist die junge Appenzellerin bereits 24 Jahre alt und hat mit dem langbezopften Sinnbild der Helvetia nichts mehr gemein.

MARTINA HÄLG: «Die Begleitmusik zum Frauenstimmrecht muss, nach dem Tempo zu schliessen, in Männer-Ohren als Trauermarsch tönen.» (Foto: Peter Lauth)

Martina Stamm darf zwar das Gymnasium besuchen und verbringt danach zwei Jahre Sprachaufenthalt in England und in Rom. Aber dann muss die Tochter des Forstmeisters ihrem Bruder beim Studium den Vortritt lassen. Sie wird Prokuristin.

Martina Stamm als Helvetia.

Gleich bei Kriegsausbruch meldet sich Stamm für den Aktivdienst im militärischen Frauenhilfsdienst (FHD), macht die Fahrprüfung und hofft auf den Einsatz als Fahrerin. Stattdessen wird sie in den Innendienst im Bundeshaus abkommandiert, bis 1942 arbeitet sie in der Generaladjutantur. Danach geht sie als Sekretärin in den Kanton Thurgau und heiratet den Sozialdemokraten und Lehrer Otto Hälg. Was die typische Nachkriegsbiographie einer schweizerischen Hausfrau und Mutter sein könnte, ist die Initialzündung für eine Politikerin der ersten Stunde in einem der rückständigsten Kantone der Schweiz.

Martina Hälg-Stamm schreibt in der «Thurgauer AZ», in der «Thurgauer Zeitung», im «St. Galler Tagblatt». Um der Mutter von drei Kindern Ellbogenfreiheit zu verschaffen, kauft Otto ihr eine Waschmaschine. Eine der ersten, die auf den Markt ­kommen. Was ihn einen vollen Monatslohn kostet. Hälg kämpft für das Wahl- und Stimmrecht der Frauen. Mit wenig Erfolg: Die Thurgauer Männer lehnen 1959 das Frauenstimm- und -wahlrecht mit über 80 Prozent der Stimmen ab.

1971 schafft es Martina Hälg ins Kantons­parlament: ­Zusammen mit 129 Männern!

«KANDIDIERE NICHT ALS KÖCHIN!»

Hälg kann schon 1965 in der Sekundarschulbehörde von Romanshorn Einsitz nehmen, denn das brandneue Schulgesetz bestimmt: «Frauen sind wählbar.» Dennoch lehnen die Thurgauer Männer 1971 das Frauenstimmrecht zum zweiten Mal ab. Diesmal mit 56 Prozent der Stimmen. Sozialdemokratin Hälg kommentiert: «Wir müssen Geduld haben mit unseren Thurgauer Männern. Sie gehen nicht schneller, als die Musik spielt. Die Begleitmusik zum Frauenstimmrecht muss, nach dem Tempo zu schliessen, in ihren Ohren als Trauermarsch tönen.»

Im eigenen Leben spielt bei der Frau mit der Waschmaschine aber ganz andere Musik: Sobald dies Frauen möglich ist, kandidiert sie im Herbst 1971 für den Nationalrat. Ein Journalist der «Thurgauer Zeitung» fragt sie nach ihrem liebsten Kochrezept. Martina Hälg entgegnet, sie bewerbe sich nicht als Köchin. Erst im Dezember 1971 kommt das kantonale Frauenstimm- und -wahlrecht, mit einer historisch tiefen Stimmbeteiligung der Thurgauer. Hälgs Nationalratskandidatur war chancenlos. Jetzt kandidiert sie fürs Thurgauer Kantonalparlament. Sie wird gewählt und sitzt als erste und einzige Frau im Grossen Rat. Zusammen mit 129 Männern.

AMBOSS – UND NICHT HAMMER

In ihrer ersten Motion fordert sie gleichen Lohn für gleiche Arbeit im öffentlichen Dienst. Die weiblichen Staatsangestellten sind 3 bis 5 Lohnklassen tiefer eingestuft als ihre Kollegen am selben Arbeitsplatz. Das wird jetzt korrigiert. Martina Hälg stellt sich auch gegen die thurgauischen Frauenvereine, denn die fordern vermehrten Näh-, Koch- und Hauswirtschaftsunterricht für Mädchen auf der Sekundarstufe. Hälg sagt: «Ich kann mich dem nicht anschliessen.» Und setzt durch, dass für Mädchen der gleiche Pflichtunterricht gesetzlich verankert wird wie für Buben.

Ihre politische Karriere beurteilte Martina Hälg nüchtern so: «damit man nicht keine hat». Aber sie sagte ebenfalls: «Auch die Selbstbewussten unter uns werden früher oder später erkennen, dass wir eben doch Amboss sind und nicht Hammer.» Hälg kämpfte bis zum ­Lebensende gegen den Thurgauer Filz. Mit über 80 Jahren machte die Sozialdemokratin für eine grüne Regierungsratskandidatin in Romanshorn im Wahlkampf Werbung. Von Tür zu Tür. Einmal mehr vergebens, aber unverdrossen.

work-Serie: Stimmrechtsfrauen

Am 7. Februar 2021 wird das ­nationale Stimm- und Wahlrecht der Frauen in der Schweiz 50jährig. Bis dann wird Gewerkschafterin und Historikerin Dore Heim die unerschrockensten und ­wichtigsten «Frauenrechtlerinnen» in einer work-Serie porträtieren. ­Bisher gewürdigt wurden: Katharina Zenhäusern, die als erste Schweizerin abstimmen ging. Iris von ­Roten, eine der radikalsten Denkerinnen der Sache der Frauen. Emilie Lieberherr, «Animal politique» wie keine andere Politikerin in der Schweiz. Und Josi Meier, die CVP-Politikerin, die sich eine eigene Meinung leistete. Alle Teile der Serie gibt es hier.

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