Editorial

Armes, reiches kleines Land!

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Exponentielles Wachstum wird häufig unterschätzt, weiss die Wissensmaschine Wikipedia. Und genau das passiert vielen in der zweiten Coronawelle. Die Fall­zahlen steigen derart rasant, dass Kantonsspitäler Alarm schlagen müssen. So in Freiburg: Im Viertelstundentakt fährt dort inzwischen der Rettungsdienst mit Coronakranken im Notfall vor. Die Pflegenden sind am Limit, schon wieder! Längst hat die Schweiz das umliegende Europa bei den Ansteckungen überholt. Und das Lockdown-Domino läuft: Jura, Freiburg, Neuenburg, Genf, Waadt und Wallis haben (bis Redaktionsschluss) Beizen und Bars sowie Museen und Sportzentren geschlossen. Welcher Kanton wird als nächster den Ausnahmezustand ausrufen?

Wir können uns einen zweiten Lockdown leisten.

KÄ LUSCHT! Die Schweiz hat inzwischen pro Tag rund 6 Mal mehr Neuinfizierte als Deutschland. Verhältnismässig auf die Bevölkerungszahl gerechnet. Das ist unerhört. Und bisher auch ungehört. In Deutschland müssen jetzt für den November trotzdem alle Hotels, Restaurants usw. schliessen. Die Regierung bezahlt den geschlossenen Betrieben 75 Prozent des Vorjahresumsatzes. Bis zu zehn Milliarden Euro will sie in die Hand nehmen. Und Finanz­minister Olaf Scholz sagt: «Es ist noch genug Geld da!» Und was sagt Ueli Maurer, Scholz’ Bruder im Amte? Der SVP-Bundesrat machte bisher auf Corona-Chaschperli und trötzelte: Maske? «Kä Luscht!» Corona-App? «Machi ä nöd!» Ein zweiter Lockdown? «Können wir uns nicht leisten!» Armes, reiches kleines Land!

SCHNELLER FÜRSCHI. Allein die Schweizerische Nationalbank machte in den ersten 9 Monaten dieses Jahres 15 Milliarden Gewinn. Aber einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten? Milliardär Christoph Blocher erhält nun doch noch und rückwirkend sein Bundesrats-Ruhegehalt von 1,1 Millionen Franken. Aber einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten? Pro Jahr werden in der Schweiz schätzungsweise mindestens 30 Milliarden Steuern hinter­zogen. Aber einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten? Dies, obwohl Hunderttausende Lohn­abhängige, Wirte, Gewerblerinnen und Kulturschaffende seit Monaten im Corona-Regen stehen. Weil sie am Teillockdown ersticken. Die Umsatzeinbrüche der Beizen und Hotels sind dramatisch. Das hat offenbar jetzt auch Ueli Maurer realisiert. Und macht etwa mit dem Härtefall-Fonds schneller fürschi als geplant. Gerade exponentiell ­wachsend ist seine Luscht allerdings noch nicht grad.

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