Editorial

Bitte jetzt kein Chaos!

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Wenn es kommt, wie die Abstimmungs­umfrage von SRF prophezeit, dann geht die SVP-Kündigungsinitiative den Bach runter. 61 Prozent der Befragten wollen sie ablehnen. Das ist hocherfreulich. Doch noch ist der Mist nicht gekarrt. Wir können’s nicht gsorget geben. Denn Umfragen sind nur Umfragen. Und als wir es zuletzt gsorget gaben, wurden wir bös überrascht. Die SVP-Masseneinwanderungsinitiative kam durch – und wir rieben uns verdattert die Augen. Das darf nicht wieder passieren. Nicht am 27. September, denn zu viel steht auf dem Spiel. Unia-Chefin Vania Alleva sagt es in ihrem Aufruf so: «Die SVP-Kündigungsinitiative ist brandgefährlich – weil sie alles angreift, was die Arbeitnehmenden in diesem Land hart erkämpft haben.» Die Löhne, die Gesamt­arbeitsverträge, die Gewerkschaften usw. Und vor allem: Die Blocher-Partei will zurück zur Kontingentspolitik. Zur Baracken-Schweiz, wie sie vor der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 herrschte. SVP-Milliardärin Magdalena Martullo-Blocher schwärmt noch heute vom damaligen Saisonnierstatut.

Es hielt die Italienerinnen und Italiener rechtlos, die halfen, die Schweiz zu bauen. Martullo rühmt: «Wenn Tiefqualifizierte damals arbeitslos wurden, kehrten sie in ihre Heimat zurück, und wir mussten nichts bezahlen.»

Corona­krise: Der Bund muss wieder ran.

LICHT… Nichts bezahlen, das war das eine. Terrorisieren und wegjagen das andere. Die Kinder der Saisonniers waren hier nicht erwünscht. Wer sie dennoch zu sich in die Schweiz holte, musste sie verstecken. Tausende Kinder und Eltern zitterten täglich davor, dass sie die Fremdenpolizei entdecken würde. Eine neue Forschungsarbeit bringt nun ein bisschen mehr Licht in dieses Kapitel schweizerischen Fremdenhasses (Seite 9). Und zeigt: Es war noch schlimmer, als bisher angenommen. Sogar einen zweieinhalbmonatigen Säugling wollte die Fremdenpolizei im Juli 1969 ausweisen. Das Kind war in den Augen der Behörden ein «irregulärer Aufenthalter ohne Anspruch auf Bewilligung». Und musste weg. Auch das darf nicht wieder passieren. Oder wie es Unia-Mitglied Milanka Kurti Fankhauser sagt, die in der Tourismus­branche arbeitet: «Ich bin gegen die Kündigungsinitiative der SVP. Wir brauchen nicht noch eine grössere Krisensituation, vor allem nach dem, was wir jetzt erlebt haben mit Corona.»

… UND SCHATTEN. Corona lebt. Leider. Wir haben die Pandemie noch lange nicht ausgestanden. Gerade explodieren in der Waadt die Ansteckungen wieder. Die Leute wurden lockerer. Sie wollten den Sommer geniessen. Jetzt vermelden die Behörden: Die Situation ist entgleist. Nach sechs Monaten Coronakrise wird klar: Die Kantone haben’s nicht im Griff. Das verunsichert und ist gefährlich, wie work-Autor Clemens Studer aufzeigt. Die Corona-Leugner randalieren. Sie wittern eine Covid-19-Verschwörung und wähnen die Demokratie in Gefahr. Das Chaos wächst. Dass es übernimmt, darf nicht passieren. Der Bund muss wieder ran!

2 Kommentare

  1. Peter Bitterli

    „Der Bund muss wieder ran!“ Aber klar doch. Auch wenn es sozusagen keine Erkrankten, dafür leere Spitäler gibt. Autorität und Gefolgschaft. Das gefällt den Sozialisten. Väterchen Berset wird‘s richten. Bundesrat befiehl, wir folgen.

  2. Peter Bitterli

    „Die Leute wurden lockerer. Sie wollten den Sommer geniessen. Jetzt vermelden die Behörden: Die Situation ist entgleist. Nach sechs Monaten Coronakrise wird klar: Die Kantone haben’s nicht im Griff.“ Was für eine göttliche Logik!

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