Was, wo, wie, wann läuft am ersten digitalen Tag der Arbeit

1. Mai: Viral, aber ohne ­Virus

Patricia D'Incau

Das gab es noch nie! Der Tag der Arbeit live am Bildschirm. Wegen Corona geht der Gewerkschaftsbund ­jetzt online. Und den ­traditionellen 1.-Mai-Bändel gibt es jetzt ebenfalls digital. Alles auf www.mai2020.ch.

1.-MAI-KUNDGEBUNG: Dieses Jahr auf dem Balkon. (Foto: SGB)

2019 war «das Jahr der Strassenproteste», schreibt die britische Wirtschaftszeitung «Financial Times». Ein weltweit «historischer Höhepunkt» der politischen Massenbewegungen sei das Jahr gewesen, analysieren auch andere. Und dann kam Corona und verbannte die Menschen von der Strasse. War’s das jetzt also mit dem ­politischen Ungehorsam?

Sicher nicht! Schliesslich gibt’s auch online findige Methoden, um den Mächtigen in die fetten Waden zu beissen. Und das ist dringend nötig in Zeiten von Corona: denn von den USA bis Bangladesh stellen Firmen jetzt Angestellte einfach vor die Tür. In der Schweiz sogar trotz Notkrediten und Kurzarbeit.

12 STUNDEN NONSTOP

«Jetzt erst recht!» finden da die Gewerkschaften. Und sorgen dafür, dass 2020 nicht als das erste Jahr ohne 1. Mai in die Geschichte eingeht. Sondern als das Jahr mit dem ersten digitalen Kampftag.

12 Stunden lang dreht sich im Netz alles um die ak­tuell brennendsten Themen wie Lohn, Gesundheitsschutz, Kinderbetreuung, Krisenbewältigung. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) bündelt Beiträge aus allen Regionen zum schweizweit ersten ­«Gewerkschafts-TV».

Gesendet wird über die zentrale Plattform www.mai2020.ch. Auf dem Programm: Podiumsdiskussionen über «Linke Antworten auf die Krise» und Gleichstellung, Live-Gespräche über Tieflöhne und immer höhere Lebenskosten, über prekäre Arbeitsbedingungen von «Freien» in der Medienbranche, über Lohndruck und Stress in den Betreuungsberufen, die Situation von Geflüchteten in Griechenland und und und (siehe Spalte rechts). Dazu: der Appell «Solidarisch aus der Krise» zum digital Unterschreiben und Weiterverbreiten. Und Dutzende 1. Mai-­Video-Botschaften aus der ganzen Schweiz.

Ab 13 Uhr sendet der SGB die 1.-Mai-Kundgebung live aus dem Studio im Zürcher Volkshaus: traditionell und doch mal anders. Mit Stimmen aus den Betrieben, Studiomoderation und Zuschaltung prominenter Köpfe aus dem In- und Ausland. Darunter Unia-Chefin Vania Alleva, SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard, Grünen-Chefin Regula Rytz, der deutsche «Linke»-Urvater Gregor Gysi und der SPD-Vizevorsitzende Kevin Kühnert.

Traditionell, aber anders ist schliesslich auch der 1.-Mai-Bändel. Den gibt es dieses Jahr als Profilbanner für Facebook, als Mail­signatur – und als Plakat für den Balkon (alles unter: www.mai2020.ch). Und wer trotz allem nicht auf den Stoffbändel verzichten möchte: Das Zürcher ­1.-Mai-Komitee hat einen Vorrat. Bestellbar ­unter: www.1mai.ch (Richtpreis: 4 Franken).

VIRTUELLE DEMOS

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass der Gewerkschaftsbund neue (Online-)Wege geht: Schon beim letztjährigen Frauenstreik stampfte er zusammen mit Radioprofis ein exklusives Online­radio aus dem Boden. So war Frau von überall und rund um die Uhr am grossen Streik dabei.

Und a propos Frauen: Auch die Frauenstreikkomitees haben in diesen Corona-Zeiten ihre Arbeit ins Internet verlegt. Die Bernerinnen luden schon in der Woche vor dem 1. Mai zu Online-Diskussionen. Über den Anstieg häuslicher ­Gewalt wegen Corona, über Care-Arbeit und das nationale feministische Konjunkturprogramm. Und per Whatsapp riefen Aktivistinnen gerade zum Mail-Protest gegen den Stämpfli-Verlag. Dort erscheint bald der juristische Kommentar zum neuen Gleichstellungsgesetz. Zu den Herausgebern kürte der Verlag nicht nur drei Männer und keine einzige Frau. Sondern mit Boris Etter auch noch ausgerechnet den früheren Verleger des Männermagazins «Maxim». Der Protest hatte Erfolg: Stämpfli hat Etter gespickt.

Und nicht nur die lila Welle rollt virtuell weiter. Sondern auch die grüne: Am 24. April fand der weltweite Klimastreik erstmals online statt. Unter den Hashtags #climatestrikeonline und #Digital­Strike fluteten die Jugendlichen Facebook, Instagram & Co. mit Protest-Selfies. Und trafen sich beim 24stündigen Online-Happening zum Schilder-Basteln, Filmschauen und Wirtschaftswachstums-Seminar. Digital marschiert ist auch schon der «March against Syngenta & Bayer». Am 25. April haben rund 3000 Aktivisten und Aktivistinnen den Agrar- und Chemie­multis Syngenta, Bayer und BASF in Basel ihren traditionellen Frühlingsbesuch abgestattet. Und zwar virtuell, über Google Maps.

Und der nächste Onlineprotest folgt dem 1. Mai auf dem Fusse: Am 3. Mai steht eine schweizweite Netz-Demo «für einen solidarischen und nachhaltigen Wiederaufbau» auf dem Programm. Die Forderung: Ein Corona-Konjunkturprogramm, das nicht nur sozial gerecht, sondern auch klimafreundlich ist. Organisiert wird die Demo von Greenpeace, Versammlungsort ist die Videokonferenz-Plattform Zoom. Aber dort soll die Demo nicht bleiben: «Nach Einbruch der Dunkelheit werden wir sie gut sichtbar, an ­einem öffentlichen Ort, spektakulär plazieren», heisst es dazu.

Mag der kleine Corona-Virus also auch noch so hartnäckig sein: der widerständige Geist ist es auch. Und der hält sich jetzt fit für die Zeit danach.

TV-Tipp: Der 1. Mai ­historisch

130 Jahre in 46 Sekunden: Das SGB-Video zum 1. Mai rollt den «Tag der Arbeit» von
1890 bis heute mit historischem Bildmaterial und schwindelerregendem Zeitraffer auf:
rebrand.ly/zeitraffer.

DIE GROSSE DOKU. Den passenden Stoff für den 1. Mai daheim liefert der Dok-Film «Nicht länger nichts» auf Arte. Er erzählt die ganze «Geschichte der Arbeiterbewegung» in vier ­Teilen. Abendfüllend und gratis abrufbar auf: rebrand.ly/arbeiterbewegung.


Der erste virtuelle 1. Mai Das Programm

Alle Infos und das ganze Programm gibt es unter: www.mai2020.ch

Tamara Funiciello.

«Linke Antworten auf die Krise»
Die Unia lädt Vertreterinnen und Vertreter der Gewerkschaften und linken Parteien zur Diskussion über linke Strategien und Auswege in der Corona-Krise. Wie kann sichergestellt werden, dass nicht die Arbeitenden für die Krise bezahlen? Wie schützen wir unsere Gesundheit am ­Arbeitsplatz? Wie forcieren wir jetzt den öko-­sozialen Umbau der Wirtschaft?
Mit Vania Alleva (Präsidentin Unia), Tamara Funiciello (Nationalrätin SP, Foto), Enrico Borelli (Regio-Sekretär Unia Zürich-Schaffhausen), Franziska Ryser (Nationalrätin Grüne). Moderation: Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work.

Unia-Podium: «Corona und die Frauen.Weil Applaus nicht reicht»
Die Corona-Krise trifft Frauen besonders stark. Im Verkauf, in der Pflege und in anderen essentiellen Berufen arbeiten vorwiegend weibliche Angestellte. Und allen voran übernehmen Frauen die zusätzliche Betreuungsarbeit. Gute Gründe, um zu fragen: Wie beeinflusst die ak­tuelle Situation die Frauen in der Arbeitswelt? Und: Welche Lösungsansätze gibt es, um die (absehbare) Wirtschaftskrise abzufedern?
Mit Lisa Mazzone (Nationalrätin Grüne), Tabea Rai, (Gewerkschaftssekretärin Unia), Aude Spang (Unia-Frauensekretärin), Emine Sariaslan (Sozialarbeiterin). Moderation: Leena Schmitter (Mediensprecherin Unia).

Balkonaktion: Lärm für unsere Löhne
Mit Trommeln, Kochtöpfen und allem, was Krach macht, an die Fenster und auf die Balkone treten und für fünf Minuten lautstark daran erinnern, dass dieser Tag den Arbeitenden gehört.

Gregor Gysi.

Livestream: 1.-Mai-Kundgebung
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) sendet live aus dem Studio im Zürcher Volkshaus. Mit Stimmen von Gewerkschaftsmitgliedern und Zuschaltung prominenter Köpfe wie: Gregor Gysi (ehem. Die Linke), Kevin Kühnert (Vizevorsitzender SPD), Patti Basler (Kabarettistin), Regula Rytz (Präsidentin Grüne), Vania Alleva (Präsidentin Unia), Pierre-Yves Maillard (Präsident SGB). Moderation: Natascha Wey (VPOD) und David Roth (Syndicom).

«Ein Lohn zum Leben»
Der Tieflohnsektor wird auch in der Schweiz immer grösser. Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten. Für viele wird das Leben in der Stadt Zürich unerschwinglich. Das darf nicht sein. Wer arbeitet, soll davon ­leben können.
Live-Gespräch mit Markus Bischoff (GBKZ, Kantonsrat AL), Natascha Wey (VPOD, Gemeinderätin SP), Philipp Nussbaumer (Geschäftsleiter Streetchurch).

«Flüchtlingslage in Griechenland»
Gespräch mit Liska Bernet (Gründerin Hilfswerk «Glocal Roots») und Rahel Schmucki (Journalistin). Abrufbar auf der Website und der Facebook-Seite der SP Stadt Zürich.

Natascha Wey.

«Velo- und Foodkuriere in der Schweiz –gewerkschaftliche Perspektive auf eine boomende Branche»
Gespräch mit David Roth (Zentralsekretär Syndicom), Gilles Rosse (Co-Präsident Branchenvorstand Kuriere). Moderation: Lena Allenspach (stv. Leiterin Kommunikation Syndicom).

«Wirtschaft in Zeiten von Corona»
Ein Gespräch zwischen Jacqueline Badran (Natio­nalrätin SP) und David Gallusser (Geschäftsleitung SP Stadt Zürich). Abrufbar auf der Website und der Facebook-Seite der SP Stadt Zürich.


Weitere Artikel zum Thema:

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.