Editorial

Shopping-Harakiri

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Der Verkauf ist in der Krise. Manor schliesst Filialen. Und die Migros verkauft Globus an einen vorbestraften Tiroler Gewerkschaftsfresser. Derweil die Möbel-Pfister-Gruppe und ein Teil der Interio-Läden kürzlich vom österreichischen Möbelkonzern XXXLutz über­nommen wurden. Der Schweizer Detailhandel hat richtig die Krise. So wie wir manchmal beim Shoppen. Zu heiss, zu eng, zu schrill: Joghurt-Türme, Kleiderberge, Parfuminvasionen und Black-Friday-Krieg. Ein kalter Schweissausbruch – und wir verlieren die Nerven. Und erst die Verkäuferinnen und Verkäufer! Sie müssen nicht nur uns aushalten, sondern chrampfen auch noch permanent am Limit. Weil die Chefs «Stunden sparen». Das zeigt die work-Umfrage bei 10 Verkäuferinnen von Aldi bis Migros. Und es ist gewollt. Denn Filialleiterinnen und Filialleiter machen ihre Einsatzpläne nach den zu erwartenden Umsatzzahlen. Dazu passen Arbeit auf Abruf und unterirdische Arbeitsverträge. Wie bei Esprit-Verkäuferin Nadine Schmid: Sie ist «0 bis 100 Prozent» angestellt. Das heisst, Esprit kann sie nach Belieben einsetzen. Oder auch nicht.

Ich konsumiere, also bin ich!

SONNTAG, ADE! Der Detailhandel ist eine Frauen- und eine Tieflohnbranche. Und der Markt ist gesättigt. Das erklärt Unia-Chefin Vania Alleva im work-Interview. Sie ist eine der besten Kennerinnen des Schweizer Detailhandels. Wachstum für einzelne Anbieter sei nur noch durch Verdrängung anderer möglich. Durch zusätzliche Verkaufsflächen und Mammut-Ladenöffnungszeiten. Der Coop-Laden im Berner Bahnhof hat inzwischen von 6 bis 23 Uhr geöffnet. 17 Stunden lang. 7 Tage die Woche. Ich konsumiere, also bin ich! Kundin und Königin. Mit diesem Slogan warben die Lädeler-Turbos schon immer. Das zeigt der work-Überblick über die Geschichte der Ladenöffnungszeiten. Schon 1961 verlangten die Deregulierer dringend Abendverkäufe. Und stierten sie durch. Dann verlängerten sie die Werktage und den Samstag. Und grillierten den Sonntag. Weil Bahnhöfe, weil Tankstellenshops, weil «Tourismuszonen». Ja, die Deregulierer sind erfinderisch. Und aufsässig: Bis heute servierten sie uns 22 Abstimmungen, die allesamt den Sonntag zum Werktag machen wollten. 16 davon gingen bachab. Auch die Gewerkschaften sind halt hartnäckig.

GAV FÜR ALLE. Verrückt, aber wahr: Zalando macht in der Schweiz längst mehr Umsatz als alle Schweizer H&M zusammen. Mit seinem Versprechen «schnell und versandkostenfrei» verdrängt der Onlinehandel die Läden. Und drückt auf die Arbeitsbedingungen in der ganzen Branche. Denn «schnell und versand­kostenfrei» geht für die Firmen nur auf, weil sie extrem prekäre Jobs zu Tiefst­löhnen anbieten. Viel Scheinselbständigkeit und viel Subunternehmertum. Unia-Chefin Alleva fordert deshalb jetzt einen Branchen-GAV. Einen für alle. Und gegen das grosse Shopping-Kamikaze-Harakiri.

Das alles und mehr lesen Sie auf den 6 Extra-Seiten Detailhandel.

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