Editorial

Wenn Mauern fallen

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Selbst Max Frisch hatten die Schlapphüte von der Schnüffelpolizei im Visier. Überwachen den Schriftsteller und notieren fleissig: wohin er reist, mit wem er verkehrt, was er unterschreibt und: dass sich seine Tochter «im Kreise der ‹Progressiven Mittelschüler CH›» tummelt. Selbst im grossen Frisch, diesem Patrioten und Demokraten, sieht der Schweizer Staatsschutz einen Staatsfeind. Es herrscht der Kalte Krieg. Und ätzender Antikommunismus. Auf dem rechten Auge blind, fichieren die Schnüffler blindwütig vor allem Linke, Gewerkschafterinnen, Journalisten, soziale Bewegungen und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Ein Drittel aller in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und Ausländer sind erfasst, als der Fichenskandal 1989 auffliegt. Eine parlamentarische Untersuchungskommission war bei ihrer Arbeit auf ein bisher geheimes politisches Überwachungs­system bei der Bundesanwaltschaft gestossen. Diese hat Fichen von 900’000 Menschen angelegt. Die Schweiz erbebt im Schock. Und der 78jährige Frisch ist so was von stinksauer.

Manchmal springt die Geschichte
aus den Gleisen.

1989. Mit Schere und Leim macht er sich mehr als ein Jahr danach über seine Staatschutzakte her. Zerschneidet dieses «Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität», klebt die Schnipsel auf ein neues Blatt und kommentiert sie hämisch bis harsch. Mit diesem «verluderten» Über­wachungsstaat verbinde ihn nichts mehr ausser dem Reisepass «den er nicht mehr brauchen werde», tippt er wütend in die Tasten. Drei Wochen später ist er tot.

Nur knapp hat er noch den Berliner Mauerfall erlebt. Und gesehen, wie danach auch in der Schweiz Mauern fallen. Kopp-Affäre, Fichen­skandal und Armeeabschaffungs-Initiative: Wow, all diese politischen Erdbeben in einem Jahr! Historiker Hans Ulrich Jost analysiert in seinem Essay: «1989 verlor die Schweiz ihre Unschuld». Und ihre mühsam gebastelten Mythen. Nichts mehr und nichts weniger kann manchmal passieren.

1789. Und die Moral daraus? Nichts ist fest, nichts ist für immer. Plötzlich springt die Geschichte aus den Gleisen. Und die Mauern fallen. Oder wie es work-Autor Jean Ziegler zu sagen pflegt, wenn ihn seine Gegner wieder mal als Revolutionsromantiker verlachen: «Denken Sie wirklich, man hat am Tag vor dem Sturm auf die Pariser Bastille gewusst, dass morgen die Französische Revolution ausbricht?»

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    „Mit diesem «verluderten» Über­wachungsstaat verbinde ihn nichts mehr ausser dem Reisepass «den er nicht mehr brauchen werde», tippt er wütend in die Tasten. Drei Wochen später ist er tot.“
    Und dann kommt schon der Mauerfall. Und ich dachte doch wirklich, jetzt werden die „Bürgerlichen“, das „Klima“, irgend ein Ismus oder wenigstens Putin für Frischs Tod verantwortlich gemacht.
    Aber „Schlapphüte“ ist gut, wirklich. So plastisch, so originell, so eigenständig. Und das ganz Tolle ist, dass Hans Stutz, der Cincera der Linken, ja wirklich Schlapphut trägt.

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