Darum setzten die Klima-Rebels Myriam (37) und Silvio (27) auf zivilen Ungehorsam:

«Lieber Aktionsmodus als Schockstarre»

Anne-Sophie Zbinden

Für das Klima streiken und demonstrieren, das ist für sie zu wenig. Deshalb hat die Umweltorganisation Extinction Rebellion kürzlich die Limmat giftgrün gefärbt. work hat eine Rebellin und ­einen Rebellen in ­Zürich getroffen.

GIFTGRÜN, ABER UNGIFTIG: Am 10. September färbten die Extinction Rebels die Limmat in Zürich grün. (Foto: Extinction Rebellion Zürich)

work: Was nützt eine grün eingefärbte Limmat dem Klima?
Silvio: Wir wollten schockieren mit der toxisch grünen Limmat. Die Leute aus ihrem Alltag reissen, um auf die Dringlichkeit der Klimakrise hinzuweisen. Wir wollten zeigen, dass es auch uns trifft, dass die Klimakrise nicht etwas weit Entferntes ist.

Silvio, du bist Architekt, derzeit im Zivildienst. Myriam, du bist Mutter eines zweijährigen Kindes, und arbeitest 80 Prozent in einer Beratungsfirma. Wieso macht ihr bei Extinction Rebellion (XR) mit?
Myriam: Die Klimakrise beschäftigt mich schon länger. Ich habe daran gedacht, einer Partei beizutreten oder bei einer NGO mitzumachen. Aber diese Strukturen funktionieren für diese Klimakrise nicht.

Silvio: Privat versuche ich schon lange, den Konsum und CO2-Emissionen zu reduzieren. Das kann für eine gewisse Zeit ein gutes Gefühl geben, aber es wird einem auch schnell bewusst, dass das nicht die Lösung ist. Das wird nie für alle auf freiwilliger Basis funktionieren. XR hat mir Mut und Hoffnung gegeben. Es hilft, in einen Ak­tionsmodus zu kommen, anstatt in Schockstarre zu bleiben.

Was sind die Forderungen von Extinction Rebellion?
Myriam: Eine Netto-Null-Schweiz beim CO2 bis 2025. Dann: Der Bundesrat muss über die Klimakrise und den Biodiversitätsverlust wahrheitsgetreu informieren, die Krise anerkennen und den nationalen Klimanotstand ausrufen. Plus: Wir wollen eine Bürgerinnen- und Bürgerversammlung, die gemeinsam mit Experteninnen und Experten den Plan aus der Klimakrise vorgibt …

Silvio: … ja, diese Versammlung sehen wir als Ergänzung zum bestehenden politischen System. Es braucht sie, weil die Politik die nötigen Entscheide nicht trifft. Politikerinnen und Politiker denken in anderen Fristen und vor allem an ihre Wiederwahl.

«Vielen Leuten ist noch gar
nicht bewusst, wie gross die Klimakrise ist.»

Und wie wollt ihr den CO2-Aus­stoss reduzieren, um die Netto-Null 2025 zu erreichen?
Myriam: Wir kennen die Fakten seit fast 50 Jahren. Jetzt müssen wir handeln. Es gibt absolut keine Alternative dazu. Konkrete Vorschläge machen wir als Organisation nicht, das ist ­Sache der Bürgerversammlung und dann der Politik. Wir stehen jedoch in Kontakt mit Wissenschaftern, die Lösungen haben. Zum Beispiel die US-amerikanische Gruppe Drawdown Project. Sie haben extrem viele ­Lösungsansätze in allen möglichen Gebieten.

In verschiedenen Medien wurde bereits über eine Spaltung der Klimabewegung berichtet. Wie steht ihr zur Klimajugend?
Myriam: Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Partnerinnen. Und wir machen natürlich auch mit bei den Klimastreiks und auch an der nationalen Klimademo in Bern.

Ihr möchtet mindestens 3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung für den zivilen Klima-Ungehorsam mobilisieren. Das wären gut 290 000 Menschen. Warum gerade so viele?
Silvio: Wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung an einer Bewegung beteiligt sind und aktiv den Alltag stören, kann das zu einem gesellschaftlichen Wandel führen. Und die Wissenschaft geht davon aus, dass, wenn 3,5 Prozent einer Bevölkerung aktiv werden, auch eine breite Bevölkerungsschicht mit den Anliegen dieser Aktivistinnen und Aktivisten sympathisieren wird.

Eure Website klingt ein bisschen nach Weltuntergangssekte. Findet ihr es sinnvoll, mit der Angst zu politisieren?
Myriam: Uns geht es nicht darum, Leuten unnötig Angst zu machen. Wir kreieren auch keine Weltuntergangsszenarien wie Sekten, sondern Szenarien, die auf wissenschaftlichen Zahlen und Erkenntnissen basieren. Wir bringen Fakten, nicht irgendeinen Glauben. Vielen Leuten ist noch gar nicht bewusst, wie gross die Klima­krise ist. Das ist ein Problem: Denn solange wir die Dringlichkeit des Pro­blems nicht verstehen, können wir nicht entsprechend handeln. Wir zeigen den Leuten, was sie gegen die Klimakrise tun können. Wir denken, dass es viele Möglichkeiten gibt zu handeln. Aber das müssen wir jetzt tun, sonst ist es zu spät.

Mit allen Mitteln?
Myriam: Wir sind für die Demokratie. Aber wir stellen fest, dass die Politikerinnen und Politiker nicht genügend schnell handeln, und dagegen wollen wir vorgehen.

Silvio: Wir setzten bewusst das Mittel des gewaltlosen zivilen Ungehorsams ein, weil solche Aktionen den Alltag so sehr stören können, dass der Druck auf die Politik sehr schnell sehr gross wird. Aber es gibt auch viele kreative Aktionen, in denen es darum geht, Leute zu informieren. So haben wir beispielweise einen Trauermarsch für die ausgestorbenen Arten organisiert.

Extinction Rebellion zeigt viele Videos, auf denen Aktivistinnen und Aktivisten von der Polizei abgeführt werden. Habt ihr nicht die Befürchtung, als Ökoterroristen abgestempelt zu werden?
Silvio: Die Festnahme eines friedlichen Demonstranten zeigt, wie gewalttätig das System ist, und es zeigt auch den Notstand, in dem wir uns befinden. Aber nochmals: Wir handeln nicht aus Lust auf Chaos und Krawall. Es ist uns sehr wichtig, dass wir gewaltfrei sind. Gewaltlosigkeit ist ein wichtiger Bestandteil von XR. Sehr viele von uns waren noch nie politisch aktiv. Erst durch den Klimanotstand fühlen wir uns gezwungen, aktiv zu werden.

Myriam: In London hat XR 12 Tage lang wichtige Knotenpunkte der Stadt blockiert. Natürlich gab es Leute, die extrem irritiert waren. Aber die Rebellen haben dann mit den Leuten, auch mit der Polizei, gesprochen. Und bekamen sehr viele ­positive Reaktionen. Das Risiko, auf ­Unverständnis zu stossen, ist uns bewusst, aber das Risiko, nichts zu tun, ist noch viel grösser. Wir müssen stören. Eine Demo am Samstag stört die Wirtschaft nicht. Eine Onlinepetition können die Politikerinnen und Politiker ignorieren. Solange alles wie normal läuft, gibt es keine Chance, etwas zu verändern.

Und wie bereitet ihr euch auf solche Aktionen vor?
Silvio: Jede Aktion ist unterschiedlich, deshalb werden sie auch unterschiedlich vorbereitet. Handelt es sich um eine Aktion des zivilen Ungehorsams, müssen wir an einem Training (Non Violent Direct Action) teilnehmen, wie es beispielsweise auch Greenpeace für gewaltlose Aktionen des zivilen Widerstandes anbietet.

Hand aufs Rebellenherz, wie weit würdet ihr in eurem Widerstand gehen?
Silvio: Ich habe mich kürzlich bei einer gewaltfreien Blockade in Lausanne verhaften lassen. Und ich würde es wieder tun.

Myriam: Ich würde nicht an einer Aktion teilnehmen, bei der ich festgenommen werden könnte, weil ich als Mutter eine Verantwortung habe. Aber wenn wir in einem halben Jahr noch nicht weiter sind, kann ich das nicht mehr ausschliessen.

Extinction ­Rebellion: Der Ursprung der Klima-Rebels

Extinction Rebellion (XR) ist eine weltweite soziale Bewegung, die sich mit Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams für den Klimaschutz einsetzt. Sie wurde im Oktober 2018 in Grossbritannien ins Leben gerufen. Dort ist der Einfluss des Klima­wandels viel akuter, weil die steigenden Meeresspiegel in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren grosse Küstenstädte bedrohen, darunter auch London.

FAKTEN. An der Gründung von XR waren viele ­Wissenschafter und Wissenschafterinnen beteiligt. Etwa Roger Hallam, ehema­liger Biobauer und Soziologe, Gail Bradbrook, Physikerin, die Ökonomin Kate Raworth oder die berühmte ­Physikerin und Globalisierungs­kritikerin Vandana Shiva. Auch die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg war bei der «Declaration of Rebellion» in London dabei.

WELTWEIT. Extinction Rebellion ist in fast 60 Ländern vertreten. In der Schweiz hat XR bis jetzt mehrere ­Hundert Aktivistinnen und Aktivisten und 13 Lokalgruppen.


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