New York Times, Hindustan Times, al-Arabiya, CNN & Co.:

Der Schweizer 14. Juni ging um die ganze Welt

Ralph Hug

Der grosse Schweizer Frauen­protest beschäftigte die Medien auf der ganzen Welt. Eine Presseschau.

FULMINANT: Hunderttausende waren am 14. Juni in der ganzen Schweiz violett, phantasievoll und fröhlich unterwegs. (Foto: Danielle Liniger)

Da rieben sich wohl viele die Augen: Was ist denn in der Schweiz los? So lasen sie zum Beispiel in der «New York Times»: «Schweizer Frauen gingen am Freitag zu Tausenden für einen nationalen Streik auf die Strasse und gaben ihrer Frustration über tiefsitzende Benachteiligungen in einem der reichsten Länder der Welt Ausdruck.» Oder in Hongkong bei «China Daily»: «Unzufriedenheit über Sexismus und Ungleichheit am Arbeitsplatz treibt diesen Streik an.» Und aus Dubai meldete der saudische Sender al-Arabiya kurz und
bündig: «In der Schweiz streiken Frauen für den gleichen Lohn.»

AL-ARABIYA: «In der Schweiz streiken Frauen für den gleichen Lohn.» (Foto: ZVG)

ECHO VON 1991

Die Nachrichten und Bilder vom Schweizer Frauenstreik gingen um die Welt. In so manchem Beitrag klingt Erstaunen mit: Warum ein solcher Streik ausgerechnet in einem der reichsten Länder der Welt? Da waren Analysen gefragt. Die Agentur Reuters, die viele Medien auf der ganzen Welt bedient, erklärte es so: Die Kundgebung sei ein Echo des Streiks von 1991.

Zwanzig Jahre nach Erlass des Gleichstellungsartikels würden Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Und bei Bewerbungen für Jobs würden Frauen weiterhin routinemässig gefragt, ob sie wirklich kompetent seien. Der linksliberale britische «Guardian» zählt die Versäumnisse der Schweiz in Sachen Emanzipation auf und bilanziert: «Das Land liegt bei der Gleichheit der Geschlechter hinter den meisten europäi­schen Nachbarn zurück.» Auch «Spiegel Online» aus Hamburg stellt fest, die Schweiz zähle bezüglich Geschlechtergleichheit zu den rückständigsten Ländern Europas.

«Die Schweiz zählt zu den rück­ständigsten Ländern Europas.»

MASSENBILDER

Es gab spektakuläre Fotos zu sehen. Häufig gedruckt wurde die Projektion des Frauenlogos am Roche-Turm in Basel. Meist standen aber bunte Massen von protestierenden Frauen in den Strassen von Zürich, Bern und Genf im Vordergrund. Auch die lila erleuchtete Kathedrale von Lausanne schaffte es in die Weltpresse. Die «Gulf Times», eine Zeitung aus Katar, druckte ein Bild aus Bern ab mit einer Demonstrantin und ihrem Schild mit der Aufschrift «I’m a woman, hear me roar» (Ich bin eine Frau, hört mich brüllen). Die «Times of India» wollte es noch ein bisschen spektakulärer. Sie zeigte ihren Leserinnen und Lesern eine barbusige Aktivistin aus Bern, die mit einem Hammer auf eine Holzbeige eindrischt, die das Patriarchat symbolisiert.

Die Lesenden des japanischen Portals «Japan News / Yomiuri Shimbun» mussten gar den Eindruck gewinnen, dass die Schweiz brenne und die Revolution ausgebrochen sei. Das Foto zeigt eine vermummte Aktivistin beim Abbrennen eines Feuerwerkskörpers, blutroter Rauch vernebelt die Strassen.

Zitattext

UNIA IN HINDUSTAN

Die «New York Times» zitierte die 43jährige Demonstrantin Rahel Lüthy, die sagt: «Es geht nicht nur um Lohngleichheit. Wir müssen das Patriarchat zerstören!» Solche radikalen Statements aus der braven Schweiz sorgten für viel Aufsehen. Und zwar bis nach Kasachstan in Zentralasien. Dort brachte ein Sender Bilder von demonstrierenden jungen Mädchen mit Parolen auf der Stirn sowie ein Kurzinterview mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga, welches das Westschweizer Fernsehen eingeholt hatte. Dank dem Frauenstreik genoss auch die Unia als Mitorganisatorin globale Aufmerksamkeit. So in der «Hindustan Times». Das Blatt aus Indien zitierte die von der Unia verbreitete work-Studie des Büros BASS zum grossen Lohnklau an den Frauen. Die Studie im Detail hier: rebrand.ly/basslohnklau.

«Spiegel Online» interviewte die Studentin Valentina Achermann und wollte von ihr wissen, ob wohl wieder ganze dreissig Jahre vergehen müssten, damit sich etwas ändere. Achermann antwortet: «Es kann nicht sein, dass schon meine Grossmutter und meine Mutter deswegen auf die Strasse gegangen sind. Wir wollen die Gleich­stellung jetzt.»


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