Bibliothekarin Fabienne Biedermann (28) hat ihre Kolleginnen vom Frauenstreik überzeugt

«Unser Beruf wird oft unterschätzt»

Patricia D'Incau

Seit Monaten gibt Fabienne Biedermann alles für den Frauenstreik. In ihrer Freizeit, aber auch bei der Arbeit in der Bibliothek der Universität Bern.

FABIENNE BIEDERMANN: «Mich schockiert, dass es einfach als normal hingenommen wird, dass Frauen Angst haben, wenn sie nachts alleine unterwegs sind.» (Foto: Foto: Severin Nowacki)

Samstagvormittag, 10 Uhr, im Herzen der Berner Länggasse: Fabienne Biedermann sitzt in einer Bäckerei, rührt in ihrem Milchkaffee. Kof­feinfrei, ihrem Hals zuliebe. Erst kürzlich hatte sie eine Mandeloperation. Eigentlich halb so wild, findet die 28jährige. Aber eben auch nicht unbedingt der beste Zeitpunkt – so kurz vor dem Frauenstreik.

«Es läuft gerade unglaublich viel», sagt Biedermann. Seit Monaten arbeitet sie im Berner Frauenstreik-Kollektiv auf den 14. Juni hin. Zusammen mit über zweihundert anderen Frauen: Berufstätigen, Pensionierten, Hausfrauen, Müttern. Jetzt, auf der Zielgeraden, geben die Bernerinnen noch einmal alles. Alleine an diesem Samstag stehen drei Veranstaltungen an: vormittags eine Aktion gegen Gewalt an Frauen, nachmittags ein Infostand in der Stadt und abends Barbetrieb, um die Streikkasse zu füllen. Biedermann ist dabei, wann immer sie kann. Mit einem Stapel Flyer zieht sie dann durch die Stadt, spricht Fussgängerinnen an, informiert über den Streik. «Die meisten Frauen reagieren positiv, viele sind neugierig», sagt Biedermann. Aber klar, manchmal gebe es auch Ablehnung. Sie zuckt mit den Schultern: «Das gehört halt dazu. Und wenn dir eine ­Sache genug wichtig ist, dann nimmst du das in Kauf.»

TYPISCHER «FRAUENBERUF»

Wichtig ist Biedermann auch ihr Beruf. Sie ist Bibliothekarin, hat die Lehre in der Nationalbibliothek gemacht. Seither ist sie immer mit einem Bein im Job geblieben. Auch als sie die Berufsmatur nachholte, die Matura abschloss und Germanistik studierte.

Gerade arbeitet sie Teilzeit in einer der vielen Bibliotheken der Universität Bern. Biedermann sagt: «Der Lohn ist nicht das Problem bei uns.» Dafür aber die Geringschätzung, die ihr Beruf erlebt. Aufwendige Recherchen und die Arbeit nach komplexen Regelwerken gehören für eine Bibliothekarin zum Alltag, und doch: «In vielen Köpfen herrscht das Bild von Frauen, die nur Regale einräumen und jeden Mucks mit einem strengen Blick bestrafen.» Ein Klischee, das sich hartnäckig hält. Vor allem, weil der Beruf ein sogenannter Frauenberuf ist. Das ärgert Biedermann. Aber nicht nur das: «Mich schockiert, dass es in unserer Gesellschaft einfach als normal hingenommen wird, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Oder dass Frauen Angst haben, wenn sie nachts alleine auf dem Heimweg sind.» Biedermann weiss: Die Abwertung dessen, was Frauen tun, ist real, «und zwar in ­allen Lebensbereichen». Also war klar: am Frauenstreik muss sie mitmachen – und mit ihr am besten die ganze Bibliothek.

«Wir werden am 14. Juni Streik­buttons tragen und bis 15 Uhr arbeiten.»

RICHTIGE ARGUMENTE

Zuerst war das nur eine Idee. «Ich wusste nicht, wie ich meine Kolleginnen auf den Streik ansprechen könnte», erinnert sich Biedermann. Bis sie – gerade erst Gewerkschaftsmitglied geworden – zu einem Unia-Workshop ging. «Wie streike ich im Betrieb?» lautete das Thema. Rund 20 Frauen waren da. Darunter, wie es der Zufall wollte, eine Hilfsassistentin von der Uni-Bibliothek. Die beiden Frauen fanden sich ­sofort.

Am Kurs versprach Unia-Sekretärin Stefanie von Cranach: «Wenn ihr etwas machen wollt, dann helfe ich euch.» So schmiedeten sie Pläne, suchten Strategien. Und Biedermann verlor keine Zeit mehr. Sie kontaktierte Kolleginnen aus verschiedenen Bibliotheken, von denen sie vermutete, dass sie dabei wären. Jede der Frauen traf sie einzeln zum Kaffee. Und während dieses Netzwerk langsam wuchs, knüpfte Fabienne Biedermann Kontakte zu anderen Uni-Streikgruppen: den Studentinnen, den Dozentinnen und einer Gruppe, die Mensa- und Reinigungsangestellte organisiert.

Rückblickend weiss Biedermann: «Es hat geholfen, dass wir sagen konnten: Wir Bibliothekarinnen preschen nicht voran, sondern sind ein Teil des Ganzen.» Ausserdem sei der Frauenstreik kein klassischer, sondern ein gesellschaftlicher Streik: «Wir sind Frauen. Und wir nehmen in erster Linie als Frauen teil.»

SCHON JETZT EIN ERFOLG

Jetzt steht Biedermann kurz vor dem Ziel: Mitarbeiterinnen von fast allen Uni-Bibliotheken haben sich für die nächste Sitzung angemeldet, manche ­haben ihre Auslage nach einem Streikthema gestaltet. Und: Das Programm für den 14. Juni steht. «Wir werden Streikbuttons tragen und bis 15 Uhr arbeiten. Ab dann sollen wenn möglich nur noch Männer hinter der Theke stehen», erzählt Biedermann.

Zusammen mit ihren Kolleginnen wird sie dann in Richtung Bundesplatz spazieren. Mit einem Zwischenhalt auf der grossen Schanze, wo sich alle Frauen aus dem universitären Bereich sammeln. Biedermann verrät: «Es wird auch von uns eine Rede geben.» Nicht sie wird sie halten, sondern eine ihrer Arbeitskolleginnen. Das freut die junge Bibliothekarin ­b­­e­sonders. Sie spürt: Der Frauenstreik hat schon jetzt gewirkt.

Wegen Gratisarbeit, Sexismus & Co: Auf zum Frauenstreik!

«Es reicht!» finden Tausende Frauen in der Schweiz und rufen zum Streik. Sie haben die Nase voll von Sexismus, Gewalt und Diskriminierung. Noch immer verdienen Frauen rund 20 Prozent weniger als Männer, haben eine rund 37 Prozent kleinere Rente und über­nehmen den Grossteil der unbezahlten Care- und Hausarbeit. Gigantische 100 Mil­liarden Franken haben Frauen so weniger Einkommen als Männer. Pro Jahr! Obwohl sie gleich viele Stunden arbeiten.

APPELL. 16 Forderungen umfasst der natio­nale Streikappell (rebrand.ly/forderungen). Dazu gehören: Lohngleichheit, generelle Arbeitszeitreduktion, Mindestlöhne und «eine Wirtschaftspolitik, die bezahlte und unbe­zahlte Care-Arbeit ins Zentrum rückt». Dazu eine gerechte Verteilung von Haus- und Sorge­arbeit und ein nationaler Präventionsplan zur Bekämpfung von Gewalt.


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