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Klimawandel: Verzicht bringt uns nicht weiter

Nur ein ganz kleiner Teil der Menschen verzichtet freiwillig auf das Fliegen oder geht vegan durchs Leben. Es braucht deshalb für den ökologischen Umbau effiziente Luft-Wasser-Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, erneuerbare Treibstoffe, Wind- und Solarenergie.

NICHT EGAL: Die Klimajugend fordert eine klimaneutrale Schweiz. Das heisst, bis 2030 aus sämtlichen fossilen Brennstoffen auszusteigen. (Foto: Keystone)

Die protestierende, vorab studentische Jugend will bis 2030 eine klimaneutrale Schweiz. Fast alle Parteien umarmen die Jugend­lichen, obwohl sie nicht im Ernst daran denken, bis 2030 aus dem CO2 auszusteigen. Die Taktik der Freisinnigen, aber auch der Grünen und der SP: die Jugend umarmen und so fest an sich drücken, bis diesen noch Bewegten langsam, aber sicher der Schnauf ausgeht.

FEGEFEUER. Nur ein kleiner Teil der Menschen verzichtet freiwillig auf das Fliegen oder geht vegan durchs Leben. Ein ökologischer Umbau, der auf Verzicht setzt, tut der Seele gut, aber bringt uns nicht weiter. Alles erinnert etwas an jenen Ablass­handel, gegen den Martin Luther im späten Mittelalter anpredigte.

In der neuesten Nummer bringt das deutsche Solarstrom-Magazin «Photon» das Problem auf den Punkt: «Für den CO2-Ausstieg wäre der Ersatz von Kesseln und Öfen durch Wärmepumpen nötig. Die aber laufen mit Strom, was direkt zu einem heiklen Punkt führt: Praktisch alle Szenarien für eine komplett erneuerbare Energieversorgung, ob nun mit einem im Vergleich zu heute höheren oder niedrigeren Primärenergiebedarf, gehen von einem in Zukunft wesentlich höheren Anteil des Stromsektors aus. Elektromobilität ist ein Stichwort, ein anderes lautet ‹Power to gas›, also die Wasserstoffproduktion per Elektrolyse zur anschliessenden Methanerzeugung (oder zur direkten Verwendung in Brennstoffzellen). Praktisch immer wird eine im Vergleich zu heute nicht geringere, sondern sehr viel grössere Stromerzeugungsleistung benötigt.»

VOGELSCHISS. Die Schweiz muss die Atomkraftwerke abstellen. Und gesamthaft 130 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. 35 bis 40 Milliarden mit den bestehenden Wasserkraftwerken. Und neu 100 Milliarden Kilowattstunden mit Strom aus Sonne und Wind. Nur so sind folgende Ziele erreichbar:

  • Heizen und Kühlen des bestehenden, sanft zu renovierenden Gebäudeparks inklusive Produktion des Warmwassers vorab mittels effizienter Luft-Wasser-Wärmepumpen.
  • Umstellung des gesamten privaten Fuhrparkes auf elektrisch angetriebene Autos, Busse und Lastwagen. Sobald autonom gesteuerte Fahrzeuge zur Verfügung stehen, brauchen wir nicht mehr vier Millionen Autos, sondern nur mehr eine Million.
  • Auf kurzen Distanzen werden sich Elektroflieger durchsetzen. Auf mittleren und längeren Distanzen müssen die Flugzeuge mit neuen, erneuerbaren Treibstoffen unterwegs sein. Sogar im weniger sonnigen Deutschland ist aufgrund jüngster Ausschreibungen klar: Solarstrom ist günstiger als Windstrom. Den Zuschlag bekamen Anlagen, die den Strom pro Kilowattstunde für 4,4 bis 5,5 Rappen liefern. Tendenz weiter sinkend.

Früher führten alle Wege nach Rom. Heute gibt es verschiedene Möglichkeiten, die für die Schweiz notwendigen 130 Milliarden Kilowattstunden Strom halbwegs bedarfsgerecht zu produzieren:

  • Wir produzieren pro Kopf 12 000 Kilowattstunden im nordafrikanischen Atlasgebirge mit Windkraftwerken und Solaranlagen. Und transportieren diese mit unterirdischen Gleichstromkabeln in die Schweiz. Im Rahmen eines (nicht-imperialistschen) Marshallplanes, eines Konjunkturprogramms für Nordafrika.
  • Wir produzieren den Strom in den Alpen mit bifazialen Solar­zellen, die – ein grosser Standortvorteil – im Winter mehr Strom liefern als im Sommer.

In beiden Varianten werden sich die Kosten zwischen 100 und 150 Milliarden Franken bewegen. Ein Vogelschiss, wenn man bedenkt, dass allein die Nationalbank über einen faktischen Staatsfonds in der Höhe von 750 Milliarden Franken verfügt.

Links zum Thema:

  • rebrand.ly/makroskop
    Wir sind in einer neuen Phase des Kapitalismus. Die Bankzinsen liegen bei null. Trotzdem rutschen wir in eine Rezession. Weil sich niemand verschulden will. Die Haushalte können es nicht, weil zu wenig Geld ihre grösste Sorge ist. Die grossen Unternehmen sind inzwischen Sparbüchsen, welche die Aktionärinnen und Aktionäre plündern. Und politische Schuldenbremsen verhindern sinnvolle staatliche Investitionen. Die Spirale dreht sich in die falsche Richtung. Auf der Homepage von Makroskop werden verschiedene Ansätze diskutiert. Der kleinste gemeinsame Nenner: Erstens müssen die Löhne und Renten real subito steigen. Und zweitens müssen die Staaten sich verschulden, um mehr zu investieren. Etwa in den ökologischen Umbau.
  • rebrand.ly/marshall-plan
    Auch viele Linke fordern einen Marshallplan für Afrika. Dieser Arte-Beitrag lehrt uns, die Geschichte etwas kritischer zu betrachten. Deshalb braucht es einen, wenn schon, nicht imperialistischen Marshallplan für Afrika.

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