Sibir: Die wahre Revolution

Die Trotzkisten-Bewegung in der Schweiz war klein, aber einflussreich. Jetzt liegen ihre Memoiren und Dokumente vor.

RML-THEATER: Der 1973 gestürzte und erschossene chilenische Präsident Salvador Allende in einer Aufführung 1974 in Bern. (Foto: Philippe Graef / AEHMO)

Er war der «eiskalte Revolutionär». Aber nur in der Werbung. Der junge Ingenieur Hans Stierlin erfand 1944 den geräuschlosen Kühlschrank. Er gründete die Firma Sibir und begann, in Schlieren einen günstigen Kühlschrank fürs Volk zu produzieren. Das Gerät veränderte Tausende von Schweizer Haushalten. Eine echte Revolution. Doch die Umwälzung, die Stierlin eigentlich im Sinne hatte, blieb aus. Er war Trotzkist und glaubte an einen unbürokratischen Sozialismus.

Viele Trotz­kisten machten steile Karrieren.

HEIMLICHE FINANZIERUNG

Stierlin war seit der Jugend ein Anhänger des russischen Revolutionärs Leo Trotzki, der die «permanente Revolution» propagierte. Heimlich finanzierte Stierlin die Gruppierung «Marxistische Aktion Schweiz». Geld gab er auch dem Publizisten Heinrich Buchbinder, einst der bekannteste Trotzkist im Land. Als Unternehmer blieb er aber im Hintergrund. In seiner Fabrik experimentierte er mit fortschrittlichen Arbeitsbedingungen. Es gab Einheitslöhne und reduzierte Arbeitszeiten. So düpierte der linke Patron die rechte Metallgewerkschaft Smuv.

Sibir gibt’s immer noch, wenn auch nur noch als Handels- und Servicefirma. Ebenso lebt die trotzkistische Bewegung weiter, vor allem in der Westschweiz mit dem «Mouvement pour le socialisme» oder bei einer jüngeren Generation mit der Zeitschrift «Der Funke».

BERUFSREVOLUTIONÄR

Die Hochblüte war jedoch in den 1970er Jahren. Damals formierte sich die «Revolutionäre Marxistische Liga» (RML). Sie zählte rund tausend Aktive und verstand sich als Teil der IV. Internationale, eines Verbunds von trotzkistischen Gruppen, die gegen den Stalinismus waren. Man sah sich als Avantgarde und fühlte sich als Berufsrevolutionär. Wichtig waren theoretische Schulung, Hingabe an die Partei und Selbstdisziplin. Es gab pro Woche bis zu sechs Sitzungen. Dies ist in den Memoiren von 110 Ehemaligen nachzulesen, die online publiziert sind und bald in Buchform erscheinen (siehe Box). Als die Frauen-, Anti-AKW- und Ökobewegung Fahrt aufnahm, mutierte die strenge Programmpartei RML 1980 zur «Sozialistischen Arbeiterpartei» (SAP). Laut Marx soll ja die Arbeiterklasse Trägerin der Revolution sein. RML-Exponenten machten bei den Gewerkschaften Karriere, etwa Vasco Pedrina oder ­Andreas Rieger, die beide die Unia führten. Andere in Verwaltung und Wirtschaft wie Serge Gaillard, heute Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, oder Ex-Nov­artis-Chef und Grossabzocker Daniel Vasella. Jo Lang wurde als grüner Nationalrat und Hanspeter Uster als Zuger Regierungsrat bekannt.

Fast vergessen ist heute das Engagement von Trotzkisten während des algerischen Unabhängigkeitskampfs in den 1950er Jahren. Unter ihnen der Journalist Walter Kern, der Reportagen für die Gewerkschaftspresse schrieb. Der Staatsschutz hatte die RML-Leute ständig im Visier. Sie wurden lückenlos überwacht und haben dicke Fichen. Dies, obwohl sie letztlich bloss «Revolutionäre ohne Revolution» gewesen seien, wie sich ein Ehemaliger heute ausdrückt.

RML/SAP-Ehemalige: Blick zurück, ohne Zorn

Im Sozialarchiv Zürich lagern viele Dokumente der trotzkistischen Bewegung. Sie werden jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Zeitschrift «Aether» gibt darüber Auskunft (www.aether.ethz.ch). Demnächst erscheint der Sammelband von Jacqueline Heinen «1968 … Jahre der Hoffnung» im Verlag Edition 8 (www.edition8.ch). 110 Ehemalige blicken im Rahmen eines kollektiven Memoirenprojekts auf ihr Engagement zurück. Wer sich schon jetzt einlesen will: rebrand.ly/aehmo.

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