Karl Hirschfeld war Jude, Kommunist und Immigrant
Er war alles, was man nicht wollte

Die ­Filmschaffenden ­Stina Werenfels und ­Samir würdigen mit «Hirschfeld – unbekannter ­Bekannter» einen Mann, der in der Schweiz vergessen ging, auch weil man ihn ­vergessen wollte.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 5:58
RETTETE DAS SCHAUSPIELHAUS VOR DEN NAZIS: Doch Direktor durfte Kurt Hirschfeld nie werden. (Foto: PD)

«Hochwürden haben gesagt, man muss das annehmen. Und ich habe es angenommen. Jetzt ist es an Euch, Hochwürden, Euren Jud anzunehmen.» Der neue Film von Stina Werenfels und Samir beginnt mit «Andorra» von Max Frisch. 1961 im Zürcher Schauspielhaus aufgeführt. «Hirschfeld – Der unbekannte Bekannte» erzählt die Geschichte von Kurt Hirschfeld, Jude, Kommunist, Immigrant. Und als Intendant der Mann, dem das Zürcher Schauspielhaus seinen Ruf als Zentrum des kulturellen Widerstands gegen den Faschismus verdankt. Und der in Vergessenheit geriet, wohl auch, weil man ihn vergessen wollte. Seine Tochter Ruth Hirschfeld fasst das Verhältnis Zürichs und der Schweiz zu ihrem Vater so zusammen: «Man wollte ja eigentlich nicht einen Juden und einen Deutschen und schon gar keinen Kommunisten in der Schweiz.»

Stürmisches Leben

Der Film entfaltet sich in einem bewusst ruhigen Rhythmus. Die Kamera verweilt lange auf Gesichtern, Szenen haben Zeit zum Atmen. Er widersteht der Versuchung, die damals hektischen Zeiten formal übersetzen und abbilden zu wollen. Die Versuchung muss gross gewesen sein, denn der Stoff ist so atemlos wie die Zeit, in der er spielt. Kurt Hirschfeld wird 1902 in eine jüdische Kaufmanns­familie hineingeboren. Er wächst in Lehrte auf, der Eisenbahnstadt bei Hannover. Die Familie ist in der Stadt angesehen, betreibt einen Herrenkonfektionsladen. Hirschfeld studiert Philosophie, Soziologie, Germanistik. Das, was ihn interessiert, nicht das, was man von ihm erwartet: das Geschäft später zu übernehmen. Und er macht Theater. Und wie! Ab 1930 ist er Dramaturg am Hessischen Landestheater in Darmstadt. Er plant vierzehn Uraufführungen für die Spielzeit 1933. Dann wird Hitler Reichskanzler. Hirschfeld wird entlassen. Weil er Jude ist, weil er Kommunist ist, weil er Theatermachen als politische Zeitgenossenschaft begreift und damit bedrohlich wird. Er flieht nach Berlin und taucht unter. Dann kommt erst der Anruf aus Zürich. Und dann Geld für das Billett.

Frisch warnt

Was Hirschfeld in der Schweiz aufbaut, ist mehr als ein Spielplan. Er holt, wen er kennt, nach Zürich: Therese Giehse, Wolfgang Langhoff, Ernst Ginsberg. Schauspielerinnen, Regisseure, Menschen ohne Heimat. Das Schauspielhaus wird zum Sammelbecken der Vertriebenen. Zum Arbeitskollektiv. Zum Gegenprogramm des faschistischen Mainstreams und jenen, die sich diesem anpassten. Theater nicht als Kunst um der Kunst willen. Theater als Widerstand, das weckt Widerstand. Nicht nur beim anpasserischen Bürger- und Beamtentum. Auch ein Jungautor warnt damals vor dem «Emigrantentheater», das eine «leichtfertige Deutschfeindlichkeit» an den Tag lege und bei dem die Gefahr bestehe, dass «die Weltoffenheit übertrieben» werde. Der Mann heisst Max Frisch. Und wird später von Hirschfeld gefördert. Intendant Michael Hampe sagt es im Film so:

Dürrenmatt und Frisch waren nicht von Anfang an, was sie später im Weltruhm bedeuteten. Die hat Hirschfeld systematisch entwickelt.

Moskau retour

Doch bevor Kurt Hirschfeld Sterne des Nachkriegstheaters zum Leuchten bringen kann, muss er das Schauspielhaus zuerst einmal verlassen. Er flieht nach Moskau, von wo aus er für die NZZ berichtet, und kann danach nur dank einem Trick und Solidarität des Basler Theaters wieder in die Schweiz einreisen. Wieder in Zürich, rettet der Kommunist zusammen mit aufgeschlossenen Grossbürgern und der Stadt Zürich das bis dahin private Schauspielhaus vor der Übernahme durch die Nazis. Direktor darf er allerdings nicht werden. Das verfügt Heinrich Rothmund, Chef der Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement und offener Kämpfer gegen die «Verjudung der Schweiz». Erst 1961 ist Hirschfeld als Direktor genehm. 1964 stirbt er. Die Grabrede hält Max Frisch.

Kein Geld von Zürich

Frisch hat seinen Hirschfeld angenommen. Die Schweiz nicht. Zürich auch nicht. Sein Nachlass befindet sich in New York, «weil in der Schweiz sich niemand dafür interessierte», wie Tochter Ruth Hirschfeld sagt. Und für den Film gab es aus dem städtischen Kulturtopf nichts. Filmemacherin Stina Werenfels dazu in der «NZZ am Sonntag»:

Ausgerechnet die Zürcher Filmstiftung wollte uns nicht unterstützen, obschon wir ihr das Projekt sorgfältig vorgestellt hatten. Doch die Kommissionen machten erst ein undurchsichtiges Buster-Keaton-Gesicht, und dann sagten sie Nein.

Der Film kam mit viel Engagement, Geduld und Crowdfunding doch zustande. Er ist sehr sehenswert.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.