Ohne Migration keine Schweiz
Neuer Sammelband über Mythen, Fakten und ­Perspektiven der Migration

Ein neues Buch räumt auf mit Migrationsmythen, die sich in der Schweiz bis weit in die Mitte der Gesellschaft festgesetzt haben. Und zeigt Wege auf: weg von der SVP-Sündenbockpolitik hin zu echten Lösungen.

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JAHRHUNDERTBAUWERK GOTTHARD: Ohne Migration wäre der Tunnel nie Wirklichkeit geworden. (Foto: Alamy)

Kaum ein anderes Land hat über Jahrhunderte so grundlegend von der Migration profitiert wie die Schweiz: Swatch, Rolex, Ovomaltine? Ohne Migration gäbe es diese stolzen Schweizer Marken nicht. Das Jahrhundertbauwerk Gotthard? Ohne Mi­gration nicht machbar, heute nicht, damals nicht. Bergsport? Nicht von Schweizern erfunden. Die Liste könnte endlos und bis in die Gegenwart fortgeführt werden. Migration ist Teil der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft. Dieser Tat­sache widmet sich der neue Sammelband «Migrationsland Schweiz. Mythen, Realitäten und Perspektiven», herausgegeben von Pascal Zwicky. Migration wird dabei weder als Ausnahmezustand noch als «Multikulti-Schwärmerei» betrachtet, sondern als gesellschaftliche Realität, an deren Umgang sich letztlich entscheidet, ob eine Gesellschaft bereit ist, die Demokratie zu verteidigen. Fünf rechte Mythen unter der Lupe:

Mythos Überfremdung

Rechte Parteien wie die SVP prägen die Erzählung über Migration, indem sie Ängste schüren und simple Lösungen präsentieren. So schreibt Politologe Philipp Lutz in seinem Beitrag, der politische Umgang mit Migration sage oft mehr über die Selbstbilder und Ängste einer Gesellschaft aus als über die Migration. Entscheidend ist dabei der Ausschluss der «Anderen», also der Migrantinnen und Migranten. Wer ist aber das «Wir»? Für die SVP ist dies der Hellebarden schwingende Eidgenosse, der ein ländliches Idyll gegen alles Fremde verteidigt. Eine offensichtliche «Phantasiegestalt», wie die ehemalige Politikerin Sanija Ameti in ihrem Beitrag schreibt. Dabei war das «Wir» in der Schweiz stets ein pluralistisches, denn es kennt keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Religion und keine gemeinsame Kultur. Dass es den Rechten in ihrer Erzählung über Migration um Spaltung der Gesellschaft in «Wir» und die «Fremden» geht, unabhängig von den gesellschaftlichen Realitäten, zeigt exemplarisch die Entstehung des Begriffes «Überfremdung», der sinngemäss bis heute die rechte Erzählung prägt: Als erster erwähnte der Zürcher Armensekretär Carl ­Alfred Schmid 1900 die «Überfremdung». Damals lag der Ausländeranteil bei lediglich 12 Prozent.

Mythos Migration ist Schuld an Staus und verstopften Zügen

Staus und volle Züge zu Spitzenzeiten sind Tatsachen. Doch das hat viel mit strukturellen und politischen Versäumnissen zu tun. So ist es nicht gelungen, die Mobilität vom Auto auf den ÖV umzustellen und die Bahninfrastruktur genügend auszubauen. Noch immer fahren die Hälfte der Pendlerinnen und Pendler mit dem eigenen Auto zur Arbeit. Dabei weisen die Züge in der Schweiz eine durchschnittliche Auslastung von nur einem Drittel aus, schreibt Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone. Ausserhalb der Spitzenzeiten seien die Züge grundsätzlich nicht voll. Auch der Preis sei entscheidend: Die Kosten des Autoverkehrs seien inflationsbereinigt gesunken, während die Preise für Zugfahrerinnen und -fahrer ständig gestiegen seien.

Mythos Migration als Grund für die Zubetonierung der Schweiz

Dem SVP-Schreckgespenst der zubetonierten Schweiz hält Lisa Mazzone entgegen: Die Entwicklung der überbauten Fläche hat nicht direkt mit der Bevölkerungszunahme zu tun. Denn: Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges hat die überbaute Fläche in der Schweiz um ein Fünffaches zugenommen, während sich die Bevölkerung in derselben Periode nur verdoppelt hat. Die zubetonierte Fläche nimmt also viel schneller zu als die Bevölkerung. Hingegen hat der durchschnittliche Flächenverbrauch in der Schweiz stark zugenommen: 1980 beanspruchte eine Person durchschnittlich 34 Quadratmeter, im Jahr 2000 waren es 44 Quadratmeter. In der Fachsprache heisst die Zubetonierung Zersiedelung und wurde mit der Revision des Raumplanungsgesetzes 2013 stark gebremst. Pikant: Die SVP hat die Revision erbittert bekämpft. Die Revision hatte zum Ziel, bestehende Bauzonen nach innen zu verdichten. Damit dies gelingen kann, müssen die Bauprojekte von hoher Qualität und sozialverträglich sein.

Mythos Migration als Ursache für Gewalt gegen Frauen

In der Schweiz werden 95 Prozent aller Tötungsdelikte an Frauen durch Männer verübt – viele davon im Kontext von Partnerschaft. Die Täter kommen aus allen sozialen Schichten, religiösen Prägungen, Bildungsgraden und Herkunftsländern. Was sie alle eint, sei nicht ihre Nationalität, sondern ihre Vorstellungen von Geschlechterrollen und ein Bedürfnis nach Macht und Kontrolle, schreiben die Autorinnen Miriam Suter und Natalia Widla. Migrations- oder Fluchtgeschichten seien Risikofaktoren und könnten zu Gewalt führen. Aber nicht wegen der Herkunft, sondern wegen des Kontrollverlustes. Wer Gewalt gegen Frauen als «Ausländerproblem» vereinfache, verhindere die ­Suche nach echten Lösungen. Denn Femizide und sexualisierte Gewalt geschehen nicht am Rand der Gesellschaft, sondern in ihrer Mitte. Das bedeutet nicht, dass kulturelle Unterschiede ­irrelevant sind. Doch Herkunft ist nicht die Hauptursache.

Mythos Asylchaos

Die SVP betont immer wieder, es kämen zu viele und die Falschen. Doch wenn die Rechten von einer Quote von drei Vierteln «falscher Flüchtlinge» sprechen, sei dies eine grobe Irreführung, schreibt Grünen-Politiker Balthasar Glättli. Denn nicht die Asylquote, sondern die Schutzquote, die Asyl- und vorläufige Aufnahme zusammenfasst, zeige, ob tatsächlich schutzbedürftige Menschen bei uns Schutz suchen oder nicht. Und diese Quote betrug 2014 bis 2023 durchschnittlich 75 Prozent. Das zeige klar: Es kommen wenige, und es kommen die richtigen.

Sanija Ameti, Lisa Mazzone, Nadja Mosimann, Cédric Wermuth, Pascal Zwicky (Hrsg.):
Migrationsland Schweiz. Mythen, Realitäten und Perspektiven. Verlag edition 8, 264 Seiten. Mit einem Beitrag von Unia-Präsidentin Vania Alleva.

Vernissagen
Bern: 15. April, 19 Uhr im Progr, mit Unia-Präsidentin Vania Alleva

Zürich: 20. Mai, 19 Uhr in der Zentralwäscherei

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