ABB wird zerlegt, Aktionäre machen Kasse
Der «Schlächter von Stockholm»

Bei ABB zittern ­Tausende um ihren Job. Der Konzern ist zum Opfer ­einer Heuschrecke ­geworden.

PLAGE: Wie Heuschrecken fallen die Aktionäre über ABB her und hinterlassen eine Einöde. (Fotos: Keystone, Getty / Montage: work)

Lange wehrte sich ABB-Chef Ulrich Spiesshofer gegen die Aufspaltung: Das sei falsch, bringe nichts und zerstöre nur Synergien. Jetzt aber verkauft er das Herzstück des Konzerns, das Geschäft mit den Stromnetzen, an Hitachi. Die Demontage des Schweizer Industrie-Flaggschiffs wird Tatsache.

Spiesshofer sagt jetzt, man müsse mit der Zeit gehen und sich auf die «Industrie 4.0» konzentrieren, das heisst, auf die Automatisierung. Er entpuppt sich damit als Wendehals. Und zeigt, dass das, was ein CEO verkündet, nur so lange gilt, als es seinen Kapitalgebern passt. Drei Leuten passte es nicht mehr:

  • Lars Förberg (53): Der Schwede ist Chef des aggressiven Fonds Cevian Capital. Seine Devise heisst: Firmen aufkaufen, zerlegen und Kasse machen. Cevian hält gut 5 Prozent der ABB-Aktien. Förberg sitzt seit einem Jahr im ABB-Verwaltungsrat.
  • Jacob Wallenberg (63): Der Chef aus der reichsten schwedischen Industriellenfamilie hält mit seiner Investor AB zehn Prozent der ABB-Aktien.
  • Peter Voser (60): Der Verwaltungsratspräsident ist die graue Eminenz bei ABB. 2002 rettete er als Finanzchef das Unternehmen aus der Krise. Danach krempelte er den Ölriesen Shell um.

Der Spitzname von Cevian lautet «Schlächter von Stockholm». Diesem Ruf wird der Fonds auch bei ABB gerecht. Vor vier Jahren stieg Förberg mit Aktienkäufen ein. Sogleich forderte er die Aufspaltung. Der Konzern sei nicht rentabel genug. Dabei steigerte ABB noch 2017 den Gewinn auf 2,2 Milliarden Dollar, 17 Prozent mehr. Jetzt ist Förberg am Ziel, ABB wird zerlegt. Das war aber nur möglich, weil er mit Wallenberg und Voser im Verwaltungsrat gemeinsame Sache machen konnte. Und Spiesshofer mit Umstrukturierungen bereits vorspurte. Am Schluss musste der CEO die Aufspaltung in der Öffentichkeit nur noch als Sprung in die digitale Zukunft gut verkaufen.

Vom Erlös aus dem Verkauf geht
kein Rappen zu ABB.

KAHLGEFRESSEN

ABB ist Opfer einer Heuschrecke geworden. So heissen Finanzritter, die auf schnellen Profit aus sind. Was mit den ausgenommenen Firmen geschieht, kümmert sie wenig. Hauptsache, es fallen fette Millionen ab. Auch hier. Förberg, Wallenberg & Co. haben durchgesetzt, dass der Erlös aus dem Verkauf zu hundert Prozent in die Taschen der Aktionäre geht, also in die eigenen. Und kein Rappen ins Unternehmen. Die Beute beträgt gemäss Deal 7,8 Milliarden Dollar. Es könnten sogar noch mehr werden, wenn ABB sämtliche Aktien der Stromnetzsparte abstösst. Bis jetzt sind es nur 80,1 Prozent.

So läuft heute der Finanzkapitalismus. Ein Ex-ABB-Mann sagt: «Der Wahnsinn ist, dass Minderheitsaktio­näre ein Unternehmen einfach filetieren können.» Auch Patrons vom alten Schlag wie Edwin Somm (85) bleibt die Luft weg. Für den früheren ABB-Chef und einstigen Präsidenten der Maschinenindustriellen ist das «Kapitalismus in Reinform», wie er Medien sagte. ABB ist ein Lehrstück. Wenn sich neues Kapital (Cevian) mit der alten Geldaristokratie (Wallenberg) verbündet, sind selbst Grosskonzerne geliefert. Cevian ist mit 13,5 Milliarden Dollar die viertgrösste Heuschrecke der Welt. Sie operiert mit dem Vermögen von Reichen und von Pensionskassen. Auch die Zürich-Versicherung ist dabei. Förberg sitzt mit seinem Stab in Pfäffikon SZ. Nach Angaben des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» soll er pro Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag einstreichen.

Die Beute beträgt rund 7,8 Milliarden US-Dollar.

WEITER FILETIEREN

Und was passiert mit ABB? Spiess­hofer gibt demnächst die Details der neuen Unternehmensstruktur bekannt. Sie ist bereits so ausgerichtet, dass jederzeit weitere Teile abgestossen werden können. Tausende Mitarbeitende weltweit zittern jetzt um ihren Job. Sie fragen sich, ob sie in der «New ABB» noch Platz finden. Spiesshofer hat letztes Jahr am Hauptsitz in Zürich bereits 500 Stellen gestrichen. Bessere Karten könnten jene Mitarbeitenden haben, die zu Hitachi wechseln. Der japanische Mischkonzern übernimmt unter anderem auch die beiden ABB-Werke in Genf und im Tessin, wo Transformatoren für Züge gebaut werden (siehe Box). Zwar geben die Japaner keine Jobgarantien ab. Doch Hitachi ist auch ein Hersteller von Zügen. Beobachter meinen deshalb, dass es für die beiden ABB-Werke nur besser werden könne – falls die Übernahme rechtzeitig wirksam werde.

ABB Genf: Miese Stimmung bei den Mitarbeitenden

NICHT MIT UNS! ABB-Mitarbeitende protestierten 2017 gegen die Auslagerung.

Entgegen der Ankündigung hat ABB im Werk in Meyrin GE bis jetzt keine Jobs ins polnische Lodz verlagert. Es ist von «Verzögerungen» und einem «Aufschub von 15 Monaten» die Rede (work berichtete). ABB hatte im November 2017 die Auslagerung von 150 Arbeitsplätzen des Transformatorenwerks angekündigt. Doch die Büezer wehrten sich: Sie liessen die Arbeit ruhen und führten eine «kollektive Konsultation» durch, um Vorschläge für den Erhalt ihrer Jobs auszuarbeiten. Mit Erfolg: Sie rangen so der ABB einen geringeren Stellen­abbau, eine Fristerstreckung und ­einen besseren Sozialplan ab. Aber die Stimmung ist mies.

KRANK. Wegen der übervollen Auftragsbücher müssen sie seit Monaten Überstunden schieben, manche wurden auch krank oder ­haben ­gekündigt. Die Betriebsleitung su­cht das Heil in schlechter bezahlten ­Temporärarbeitenden. Es gab auch einzelne Entlassungen. Die Unia verlangt eine sofortige Behebung der unhaltbaren Zustände.

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