Ein Branchenkenner über die Polen-Pläne der ABB:

Kommerzieller Selbstmord

Marie-Josée Kuhn

Ulrich (Ulli) Spiesshofer, oberster ABB- Chef (Honorar 2015: 9,1 Millionen Franken) hat einen Plan mit vielen Stellschrauben. Ein Element seiner «Next Level Strategie 2015–2020» ist die «Achse Schweiz-Polen».

Achse Schweiz-Polen: ABB-Chef Ulrich Spiesshofer. (Foto: Keystone)

So nennt man das in der Teppichetage im «Cityport» in Zürich Oerlikon. Dort ist das Hauptquartier des ABB-Konzerns. Was bedeutet diese Achse konkret? Um Kosten zu senken, werden Arbeitsplätze ostwärts nach Polen und in andere Billiglohnländer verlagert. So hat ABB bereits Personalabteilungsdienste und andere Konzernfunk­tionen nach Polen bugsiert.

Es sind aber auch schon ganze Produktionseinheiten aus Westeuropa nach Polen verschoben worden. Und nun will CEO Spiesshofer auch noch rund 150 von rund 250 Arbeitsplätzen im Genfer Werk ABB Sécheron in die polnische Stadt Lodz verschieben. Dies, nachdem ihm die Stadt Genf einen äusserst lukrativen und werbewirksamen Auftrag für eine Elektrobuslinie (Tosa) verschafft hat. Auch in der Hoffnung, die ABB werde in Genf weiter produzieren lassen.

UNAUSGEGORENE STRATEGIE. ABB Sécheron in Meyrin-Satigny ist die weltweit führende Herstellerin von Traktions-Transformatoren. Solche braucht es in Wechselstromzügen und -lokomotiven. Der Eisenbahnmarkt wächst deutlich stärker als der Durchschnitt der Weltwirtschaft. Die Auftragsbücher in Meyrin-Satigny sind deshalb voll – der Betrieb macht satte Gewinne. Das sagen die Branchenkenner. Das sagt die Belegschaft. Die ABB will während des laufenden Konsultationsverfahrens keine Auskunft geben.

Verlagerung ist ein Schuss in den eigenen Fuss.

Kein Wunder also, stösst Spiesshofers Kahlschlagplan bei der Belegschaft auf hartnäckigen Widerstand, und zwar vom Arbeiter in der Produktion bis zum Werkmanagement (siehe «Dicke Luft in Genf»). Frei nach Vicky Leandros heisst es: «Ulli, wir fahren nicht nach Lodz!» Die Büezer wollen den Verlagerungszug stoppen.

Aber auch Kenner der Branche schütteln den Kopf. Sie halten Spiesshofers Verlagerung nach Polen für «unausgegoren». Ein typisches Beispiel, wie eine Strategie übers Knie gebrochen werde: «Ohne jede Rücksicht auf konkrete Umstände und negative Auswirkungen auf Gewinnmargen der Firma ABB.»

Ein ABB-Manager, der nicht genannt sein möchte, nennt Spiesshofers Polen-Plan schlicht «kommerziellen Selbstmord». Wieso? «Mit der Verlagerung der Traktions-Transformer-Produktion in ein Billiglohnland erzeugt Spiesshofer einen enormen Preisdruck auf die eigenen Produkte.»

SPIESSHOFER SCHULDET GENF ETWAS. Die Abnehmerinnen der Produkte von ABB Sécheron sind Firmen wie Bombardier und Alstom, also Herstellerinnen von Zügen. Der Insider erklärt: «Kaum haben diese aus der Gerüchteküche von der Produktionsverlagerung nach Polen gehört, kam die knallharte Forderung auf den Tisch, ABB solle die Preise um 10 bis 15 Prozent und mehr reduzieren.» Spiesshofer könne die Lohnkosten pro Transformator mit der Verlagerung gerade mal von etwa 12 auf etwa 4 Prozent reduzieren. Die Konsequenz, so der ABB-Insider: «Auch im besten Fall bringt die Produktion in Polen unter dem Strich weniger Gewinne, im schlimmsten Verluste.» Die ganze Verlagerung sei somit ein Schuss in den eigenen Fuss: «Und gefährdet die führende Stellung der ABB in Sachen Traktions-Transformatoren.»

Kommt dazu, dass die geplante Produktions­linie für Endmontage und Tests in Lodz noch gar nicht bereitstehe. «Die Ankündigung der Verlagerung kommt daher ohne Not und verfrüht», sagt der Insider. Das Gute dabei sei, dass CEO Spiesshofer die Fehlentscheide seiner Manager immer noch korrigieren könne, wenn er wolle. Und Genf belassen, was er dem Kanton schuldig sei: die Aufrechterhaltung der Produktion.


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