Editorial

Paris – Doha

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Katar sei wie Schwamendingen, nur zwei Einkaufszentren, nix los. So redete einst Ex-Nati-Spieler Hakan Yakin über das kleine Emirat am Persischen Golf. Das war vor zehn Jahren. Inzwischen überstrahlt der heisse Wüstenfleck nicht nur Schwamendingen, sondern die halbe Welt. Denn Katars Herrscher, Scheich Tamim bin Hamad al Thani, Enkel von Sheik Khalifa bin Hamad bin Abdullah bin Jassim bin Mohammed Al Thani, hat einen Plan. Katar soll überall ganz vorne mitspielen: in der Wirtschaft, im Sport, im Tourismus. Deshalb lässt al Thani wie wild investieren. Der Staatsfonds Qatar Investment ­Authority (QIA) hat global geschätzte 300 Milliarden Dollar in Immobilien, Ländereien und Unternehmen gesteckt. Er hält Anteile an der Credit Suisse, aber auch die Schweizer Luxushotels «Bürgenstock» am Vierwaldstättersee und «Schweizerhof» in Bern stehen auf seiner Liste.

SCHLAGSCHATTEN. Scheich al Thani baut auch wie verrückt. Derzeit für 220 Milliarden Dollar unter anderem acht Fussballstadien und sogar eine ganze Stadt: Lusail City. Dort wird am 21. November 2022 die Fussball-WM angepfiffen. Und seit der Scheich 2002 ins Internationale Olympische Komitee eingezogen ist, sammelt er Weltmeisterschaften. Er finanziert, was sich finanzieren lässt, mit allen Mitteln. Zum Beispiel den Skandal-Fussballclub Paris Saint-Germain. Für exzessive 215 Millionen Euro im Jahr erkaufte sich der staatliche Konzern Qatar Tourism Authority (QTA) offenbar verdeckt Spieler. Das zeigen die neusten «Spiegel»-Enthüllungen, die auch böse Schlagschatten auf Fifa-Chef Gianni Infantino werfen.

HOFFNUNG. Vor Jahren noch Wüste. Jetzt Prunk-City aus Marmor, Gold und Glas. Am Tag jedoch ist Doha menschenleer: Genau einen Katarer hat work-Reporterin Patricia D’Incau draussen angetroffen. Die restlichen 299’999 Einheimischen können den ganzen Tag lang schlafen. Sie müssen nicht arbeiten. Gas und Öl spülen ihnen pro Jahr je 125’000 Dollar ins Portemonnaie. Arbeiten, das ist was für die Fremden, wie D’Incaus ­Reportage eindrücklich zeigt. Für die über 2 Millionen Arbeitssklavinnen und -sklaven aus Indien, Nepal, Bangladesh und den Philippinen. Ihre Sorgen und Nöte sind herzzerreissend. Das ist die blutige Seite von Bling-Bling-Doha. Doch es gibt Hoffnung: Seit die Internationale Bau­gewerkschaft BHI Druck macht und ein Abkommen ausgehandelt hat, haben sich mindestens die Arbeits­bedingungen für die Büezer in den WM-Stadien verbessert: Sie erhalten jetzt ihren Lohn, und die Arbeits­sicherheit ist gestiegen. Es ist dort jetzt fast wie in Schwamendingen.

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