Exklusiv: Das grosse work-Interview mit Karl Marx

«Jetzt rede ich!»

Ralph Hug und Marie-Josée Kuhn

Zu seinem 200. Geburtstag gelang es work, ein Interview mit dem deutschen Philosophen, Kapitalismus­kritiker und Revolutionär Karl Marx zu führen. Exklusiv! Das war möglich, weil wir seine Schriften studierten und das Interview gleich selber schrieben.*

MARX RELOADED. Zu seinem 200. Geburtstag macht der Revolutionär Karl Marx wieder von sich reden. (Foto: John Mayall (Bearbeitung woek /TNT Graphics)

work: Karl Marx, wir dachten, Sie seien schon lange tot?!
Karl Marx: Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern umgekehrt.

Bitte?
Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein …

Soll das heissen, so wie wir leben, müssen wir Sie für tot erklären?
… deshalb sind die herrschenden Ideen einer Zeit stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.

Moment, Moment: Könnten Sie sich uns zuerst kurz vorstellen? Viele Jüngere
wissen doch gar nicht, wer Sie sind.
Ich bin am 5. Mai 1818 in Trier geboren, studierte Philosophie und musste später nach London ins Exil, weil mich der preussische Staat verfolgte. Mein Hauptwerk heisst «Das Kapital». Darin erkläre ich, wie der Kapitalismus funktioniert. Und dass er dereinst an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen wird. Es kommt der Zeitpunkt, an dem das Proletariat die Macht übernimmt und eine klassenlose Gesellschaft ohne Unterdrückung realisiert. Denn die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Karl Marx (1818–1883): Philosoph und Revolutionär

Karl Marx ist der einflussreichste Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. Vor allem seine Krisentheorien (tendenzieller Fall der Profitrate) sind heute noch aktuell und werden von führenden Ökonomen vertreten.
Karl Marx kam 1818 als Sohn eines Anwalts im deutschen Trier an der Mosel zur Welt. Er studierte Recht, dann Philosophie in Berlin. Marx arbeitete als Redaktor der «Rheinischen Zeitung» in Köln und engagierte sich in der republikanischen Opposition gegen das monarchistische Preussen. 1847 publizierte er zusammen mit Friedrich Engels das «Kommunistischen Manifest».

KLASSENLOSE GESELLSCHAFT. Im Londoner Exil erschien 1867 «Das Kapital: Kritik der ­politischen Ökonomie». Von London aus trieb er den Aufbau der Ersten Internationale voran, eines Dachverbands von Arbeitervereinen, der sich den Sturz des Kapitalismus und die Verwirklichung einer klassenlosen Gesellschaft zum Ziel gesetzt hatte. Marx starb 1883 im ­Alter von 64 Jahren in London. Sein Freund Friedrich Engels veröffentlichte später die von Marx nicht beendeten Bände 2 und 3 des «Kapitals». (rh)

Zweihundert Jahre nach Ihrem Geburtstag ist die klassenlose Gesellschaft nirgends in Sicht. Haben Sie sich geirrt?
Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.

Wie erklären Sie sich denn, dass der Kapitalismus immer noch die ganze
Welt beherrscht?
Wo die Bourgeoisie zur Herrschaft gekommen ist, hat sie alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose «bare Zahlung». Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spiessbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung …

… ok, aber das beantwortet unsere ­Frage nicht. Sie sind also immer noch der ­Ansicht, dass sich der Kapitalismus selber zerstöre?
«Nach mir die Sintflut!»: Das ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalisten­nation. Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit erzeugt mit dem Fall der Profitrate ein Gesetz, das ihrer eignen Entwicklung auf einen gewissen Punkt feindlichst gegenübertritt und daher beständig durch Krisen überwunden werden muss.

Das ist jetzt ein bisschen zu hoch für uns.
Ganz einfach: Wenn c = 50, v = 100, so ist p’ = 100 / 150 = 66  %.Wenn c = 100, v = 100, so ist p’ = 100 / 200 = 50%. Wenn c = 200, v = 100, so ist p’ =100 / 300 = 33 . Und so weiter.

Sie haben ursprünglich ja Jus studiert und gar nicht Ökonomie. Verbrachten Sie deshalb das halbe Leben in der British Library mit Bücherlesen?
Das Schlimmste war, wenn ich plötzlich in meinen Bibliotheksstudien gehemmt war. Ich dachte einmal, ich sei in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheisse fertig. Ça commençait à m’ennuyer.

Warum reden Sie jetzt plötzlich ­französisch?
Die Franzosen brauchen Prügel!

Bitte?
Und die Schweizer sind dumm, wie schon mein Freund Engels sagte.

Aha, warum denn?
Engels meinte **: Die Urschweiz hat nie etwas anderes getan, als sich gegen die Zentralisation anzustemmen. Sie hat mit einer wirklich tierischen Hartnäckigkeit auf ihrer Absonderung von der ganzen übrigen Welt, auf ihren lokalen Sitten, Trachten, Vorurteilen, auf ihrer ganzen Lokalborniertheit und Abgeschlossenheit bestanden.

«Die herrschenden Ideen sind nur die Ideen der herrschenden Klasse.»

Gut, reden wir über Ihren Freund Engels. Ihm lagen Sie stets auf der Tasche. Finden Sie das nicht ein wenig parasitär?
Von meiner Alten erhielt ich nichts als zärtliche Redensarten, but no cash. Ausserdem teilte sie mir mit, was ich längst wusste, dass sie 75 Jahre alt sei und manche Gebrechen des Alters fühle.

Sprechen Sie eigentlich immer so über die Frauen?
Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der Stellung des schönen Geschlechts (die Hässlichen eingeschlossen).

Sie sind ja auch ein Macho! Nur komisch, dass Sie noch nicht unter den Hammer der #MeToo-Kampagne geraten sind.
Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich dass sich vieles ändern lässt, bloss nicht die Menschen.

Sie meinen, bloss nicht die Männer?
Die Arbeiter haben kein Vaterland.

Das müssen Sie uns erklären.
Wie gesagt: Die Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr, schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Wozu?
1. Expropriation des Grundeigentums; 2. Starke Progressivsteuer; 3. Abschaffung des Erbrechts; 4. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschliesslichem Monopol; 5. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats; 6. Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung aller Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan; 7. Gleicher Arbeitszwang für alle.

Gewerkschaften wie die Unia sind dafür besorgt, dass die Lohnabhängigen nicht unter die Räder kommen. Ist das nichts?
Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalt­taten des Kapitals, aber …

… jetzt kommt sicher Kritik!
Die Gewerkschaften verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemässen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schliesslichen Befreiung der Arbeiterklasse, d. h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.

«Ich betrachte den Karbunkel als begraben»

Sie sagen, alle Arbeiter seien Fremd­arbeiter. Wieso?
Der Arbeiter fühlt sich erst ausser der Arbeit bei sich und in der Arbeit ausser sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit.

Ist das bei Ihnen auch so?
Als mir der Arzt einmal geistige Arbeit untersagt hatte, habe ich spekuliert, teils in amerikanischen Funds, namentlich aber in den englischen Aktienpapieren, die wie Pilze in diesem Jahr hier aus der Erde wachsen, zu einer gewissen unvernünftigen Höhe getrieben werden und dann meist zerplatzen. Ich habe in dieser Art über 400 Pfund gewonnen. Diese Art von Operationen nimmt nur wenig Zeit fort, und man kann schon etwas riskieren, um seinen Feinden das Geld abzunehmen.

Warum hat Sie Ihr Arzt denn krank ­geschrieben?
Mich plagten Geschwüre am Gesäss. Ich kann Ärzte nicht zwischen den Geschlechtsteilen oder in ihrer Nähe dulden. Da nahm ich ein scharfes Rasiermesser und schnitt den Hund in eigner Person. Ich betrachte diesen Karbunkel nun als begraben. Was den untern Hund angeht, so wird er bösartig; er ist ausser meiner Kontrolle, hat mich die ganze Nacht nicht schlafen lassen. Im übrigen ist es klar, dass ich von Karbunkelkrankheit mehr weiss als die meisten Ärzte.

Böse Zungen nennen Sie wehleidig, wie sehen Sie das?
Alles, was ich weiss, ist, dass ich kein Marxist bin. Das habe ich zwar nie gesagt, aber Engels hat es mir in den Mund gelegt.

Das wird den Marxistinnen und Marxisten aller Länder aber wenig gefallen!
Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, sie ist das Opium des Volkes.

* Die Antworten sind Zitate von Marx oder beruhen auf seinen Texten.
** Aus: Friedrich Engels, «Der Schweizer Bürgerkrieg», 1847.


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