Architekt Giulio Sovran (36) und sein Kollektiv für Auswanderungswillige

Goodbye Mamma: Jetzt kommen die neuen Italos

Sabine Reber

Einst kamen sie als Bauarbeiter oder Fabrikarbeiterinnen. Jetzt kommen auch viele gut ausgebildete Italienerinnen und Italiener in die Schweiz, um einen Job zu suchen.

FIGLIO DI MAMMA: In Italien lassen sich viele Männer bis weit über 30 bemuttern. (Foto: Screenshot Video von Goodbye Mamma)

Seine Heimatstadt Mailand verliess Architekt Giulio Sovran 2006, um in der Schweiz Arbeit zu suchen. Inzwischen zählt er im Wallis mit seinem eigenen Büro mit Partner und sechs Mitarbeitenden zu den Erfolgreichen. Er hat einen Abschluss gemacht am Politecnico di Milano sowie einen Master am Politecnico di Torino. Das sind die beiden Spitzenuniversitäten für Architektur in Italien. Derzeit hat er neun Baustellen offen, ­weitere Projekte seien in der Pipeline. ­Sovran zeigt die Pläne für ein spektakuläres ­Terrassenhaus mit viel Glas und riesigen Balkonen. Ausserdem hat er mit zwei anderen Architekten den Dorfplatz von Grimisuat VS umgebaut, «das war ein cooles Projekt, ich habe mich riesig gefreut, dass wir als Ausländer dort die öffent­liche Ausschreibung gewonnen haben!».

Sein Geschäftspartner Luigi Di Berardino stammt aus Rom. Das seien von der Kultur und der Mentalität her Welten, sagt Sovran: «Die Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden sind in Italien riesig. Bei uns im Norden glauben viele, der Süden sei schuld an der Misere. Aber wenn man Italien von Rom aus anschaut, ergibt sich ganz ein anderes Bild.» Sie hätten oft Diskussionen wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft. Aber dass sie beide eine Frau aus dem Wallis geheiratet und hier eine Familie gegründet hätten, verbinde sie. Und natürlich die Liebe zur Architektur.

AUSGEWANDERT: Weil er in Italien trotz 1000 Bewerbungen keinen Job fand, versucht Giulio Sovran sein Glück in der Schweiz. (Foto: ZVG)

TIPPS UND SPASS

Seit Sovran Italien verlassen hat, wurde er so oft von Studienkolleginnen und Freunden um Rat gefragt, dass er mit anderen Ausgewanderten das Kollektiv «Goodbye Mamma» gegründet hat. Auf ihrer Website geben sie ihre Ratschläge nun schriftlich weiter. Und auf der Facebook-Seite, die bereits über 22’000 Mitglieder zählt, sind zwei Leute extra für die vielen Fragen zuständig.

Die Mitglieder des Kollektivs «Goodbye Mamma» tauschen Erfahrungen aus, geben einander Tipps und haben zwischendurch einfach ihren Spass. So drehten sie ein paar freche Videos, in denen sie sich über die Bequemlichkeit der italienischen Männer lustig machen. Giulio Sovrans Mutter Margherita Cavallo (74) spielt darin mit Verve die italienische Mamma, die ihren Buben füttert, ihm die Nase putzt und ihn rumbefiehlt. Sohn Sovran lacht und sagt: «Meine Mutter ist mindestens so unternehmungslustig wie ich!»

«Es ist schmerzhaft zu sehen, wie Italien vor die Hunde geht.»

Der Name des Kollektivs, «Goodbye Mamma», sei auch etwas ironisch gemeint, gibt Sovran zu. Anderseits stimme es natürlich schon, dass in Italien viele Männer sich bis weit über 30 bemuttern liessen. Er stelle das auch bei den Auswanderern fest. Sovran lacht etwas dar­über und sagt: «Die sind dann schnell wieder daheim bei der Mamma, wenn
sie merken, wie anstrengend das ist zu arbeiten.»

ÜBER 1000 BEWERBUNGEN

Sovran selber hat sich nie davor gescheut, sich reinzuknien. Er habe damals noch aus Mailand über 1000 Bewerbungen an Architekturbüros und Baufirmen in der Schweiz geschickt. Und er rate allen: «Du musst vor Ort sein und ein halbes Jahr ohne Einkommen überleben können, denn du brauchst Zeit, um ein gutes Netzwerk aufzubauen und die richtigen Leute kennenzulernen.» Auch Sprachen müsse man können und gute Kontakte haben.

Und Italien? Hat Sovran nicht auch ein bisschen Heimweh nach Italien? Es schmerze ihm das Herz, wenn er sehe, wie sein Heimatland vor die Hunde gehe, sagt er. Und: «Eigentlich glaubt niemand, dass irgendetwas in absehbarer Zeit
besser wird.»


Reiche Schweiz Danke, Italien!

Ende 2017 lebten 319’367 Italienerinnen und Italiener in der Schweiz. Das ist die grösste Migrationsgruppe an Einwohnerinnen und Einwohnern ohne Schweizer Pass. Seit 2007 ist ihr Wanderungssaldo ­positiv, das heisst: es ­wandern mehr Menschen mit italienischem Pass ein als aus.

SAISONNIERS: work-Sonderausgabe über Fremdenhass und Migration. (Foto: work)

Eine grosse ­italienische Gemeinschaft lebt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz. Die damals entstehende Wasserkraft- und Eisenbahninfrastruktur gäbe es ohne die Arbeiter aus dem Süden nicht. Zeitweise waren vier Fünftel der Büezer, die unter höllischen Bedingungen zum Beispiel die Alpen durchbohrten, aus unserem südlichen Nachbarland. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlies­sen die Italienerinnen und Italiener zu Hunderttausenden ihr Land, um die Wirtschaftswunder-Schweiz zu er­schaffen und die Indus­trie boomen zu lassen.

FREMDENFEINDLICH. 1970 lebten 583’000 Italiener und Italienerinnen in der Schweiz. Sie wurden lausig behandelt, prekäre bis ­schikanöse ­Arbeits- und Lebens­bedingungen waren ­politisch ­gewollt. Die Schweizer Männer lehnten die fremdenfeindliche «Schwarzenbach»-Initiative nur ganz knapp ab. Sie wollte den Ausländeranteil auf nur 10 Prozent ­beschränken. Während der Ölpreiskrise ab 1973 ­zwangen ­Wirtschaft und ­Politik rund 300 000 sogenannte Fremdarbeiter zur ­Ausr­eise – die Schweiz ­exportierte damit den grössten Teil ihrer Arbeits­losigkeit. Das menschen­unwürdige Saisonnierstatut überlebte noch fast 30 ­Jahre – erst mit der Einführung der Personen­freizügigkeit mit der EU am 1. Juni 2002 wurde es de­finitiv ­Geschichte (siehe auch 1 x 1 der ­Wirtschaft). (cs)


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