Braindrain in Italien:

Gehirne auf der Flucht

Oliver Fahrni

60’000 junge Menschen sagten 2016 Italien ciao. Vor allem Gutqualifizierte. Sie wollen ihr Glück anderswo suchen. Sie fehlen dem Land.

KEINE PERSPEKTIVE: Die Krise in Italien zwingt vor allem junge Menschen zur Emigration. (Foto: Fotolia)

2016 wanderten 114’000 Italienerinnen und Italiener aus, um ihr Glück anderswo zu suchen. Sagt das statistische Amt Istat. 39’000 davon hatten einen höheren Berufsabschluss, 34 000 ein Lizentiat oder einen Doktortitel. Bevorzugte Zielländer: Deutschland und Grossbritannien.

Seit den 1960er Jahren nennt man das Braindrain, den Abfluss oder die Flucht der Gehirne. Wandern gleichzeitig weniger Köpfe mit guter Qualifikation ein, wie das in Italien der Fall ist, fehlen der Wirtschaft, der Forschung und der Bildung schnell Fachkräfte. Das Land wird ärmer.

Tatsächlich ist die Lage Italiens wohl weit schlimmer. Denn die Statistik erfasst nur, wer sich in Italien abmeldet. Darum hat das Römer Forschungs­institut Idos bei britischen, deutschen und anderen Einwanderungsbehörden nachgefragt. Und kommt zum Schluss: 2016 sind nicht 114’000, sondern gar 285’000 Italienerinnen und Italiener ausgewandert. Rund 60’000 davon jünger als 35 Jahre.

Diese Zahlen sorgten in Italien für Ärger und Debatte. Geschockt stammelten Spitzenpolitiker am TV, Italien sei in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgefallen. Damals verliessen jedes Jahr 300’000 Arbeitende das Land. Sehr aktiv angeworben durch Jobagenten, etwa aus der Schweiz, um hier das Wirtschaftswunder zu bauen (siehe «Danke, Italien!»).

MENSCHENRECHT AUF GLÜCK. Um die Mitte der 1990er Jahre sank diese Zahl auf etwa 3000 netto pro Jahr. Die Trendwende kam 2007, mit der grossen kapitalistischen Krise. Seither wächst die Zahl der Auswandernden rasch.

Dass junge, gut Ausgebildete mi­grieren, ist eine Art Menschenrecht auf das Glück in der Ferne. Es ist deshalb ein Problem, weil die Chancen ungleich verteilt sind. Starke Ökonomien ziehen mehr Fachkräfte an, als sie hergeben. Sie locken mit besserem Lohn, mehr Forschungsplätzen, Karrierechancen. Dies trifft nicht nur Italien. 40 Prozent der französischen Spitzenforscher arbeiten im Ausland.


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