Haarstudio? Nein, Gesamtkunstwerk. Zu Besuch bei Berns originellsten Coiffeuren.

Küre, Gianni und ihr Minisalon

Sabine Reber

Wer Nippes liebt und tolle Frisuren, ist an der Postgasse 24 in Bern am Ziel seiner Wünsche: in der kunterbunten Welt der Haarkünstler Küre Kirchhofer und Gianni Izzo.

Von Original zu Original: Küre Kirchhofer, 67 (rechts), übergibt seine legendäre Schere peu à peu an Gianni Izzo (48).

Kennengelernt haben sich die zwei begnadeten Coiffeure und Berner Stadtoriginale in einer Schwulenbar: Zwischen Gianni Izzo (48) und Küre Kirchhofer (67) hat’s sogleich gefunkt. Und nein, sie sind an dem Abend kein Paar geworden, dafür aber Geschäftspartner. Gianni Izzo ist Coiffeur mit Leib und Seele, er gilt als einer der raffiniertesten Haareschneider der Hauptstadt, und ein bisschen Psychiater sei er natürlich auch, «ah, wenn eine kommt und alles ratz fatz abhauen will, dann weiss ich natürlich, was es geschlagen hat». Dann rieche es nach Trennung. Am liebsten möge er aber einen schönen Pagenschnitt, «so wie Uma Thurman in Pulp Fiction! Zack, wie mit dem Beil, dass man keinen Wirbel mehr sieht.»

Ein messerscharfer Pagenschnitt sei etwas vom Schwierigsten. Der heute modische Undercut hingegen, Gianni verwirft die Hände, «unten abrasieren und den Deckel drüberfallen lassen, das kann jeder, dafür braucht man keinen Coiffeur!». Eine gepflegte Herrenfrisur «mit sorgfältigem Ufäschärele wie in den 50er Jahren», das sei viel anspruchsvoller, «aber weisch, damals hatten sie halt noch Zeit. Undercut geht schneller, drum machen das alle.» Wenn jemand zu ihm komme und «chasch mer schnäll» sage, dann frage er: «Willst du einen pünktlichen oder einen genauen Haarschnitt?»

Das sei furchtbar heute, wie die Leute immer pressieren wollten, «also weisch, schnell kannst du bei mir nicht haben. Eine schöne Frisur braucht Zeit. Mir ist es egal, 15 Stunden am Tag zu arbeiten, aber hetzen lasse ich mich sicher nicht!»

Wilder Stilmix: Zebrafell, Art déco, und über allem wacht das «Abendmahl»-Gemälde mit Marilyn Monroe. (Fotos: Yoshiko Kusano)

FRISIERKÖPFE UND SPÄNGELI

Auch Küre hat sich nie hetzen lassen. Gemütlich kümmert er sich um seine tausend Siebensächelchen, gönnt sich und seinen Kunden einen ausgiebigen Schwatz, schweift vom Hundertsten ins Tausendste.

«Es gibt keine schlechten Haare, nur schlechte Coiffeure.»

Aber vor allem kennt sich der gelernte Maskenbildner aus mit Toupets und Perücken. Für das schwierigste Problem findet er eine Lösung, gemäss seiner Berufsphilosophie, dass sich aus jedem Haar eine schöne Frisur schaffen lasse. «Es gibt keine schlechten Haare», sagt er, «es gibt nur schlechte Coiffeure!»

Ausserdem mag er ausgefallene Accessoires. Cuvetten aus den 20er Jahren, alte Kinostühle, die er mit Zebrastoff überzogen hat, Art-déco-Lampen, und über allem schwebt das «Abendmahl» mit Elvis Presley und Marilyn Monroe. Der Laden ist vollgepfropft bis unter die Decke mit alten Zeitschriften, Spängeli, Frisierköpfen, Haarteilen, Schminksachen, Zeitungsausschnitten und Postkarten, was sich halt in den letzten Jahrzehnten so alles angesammelt hat.

An der Tür: praktische, poetische sowie politische Hinweise.

Und nun steht also Gianni im Laden von Küre. Dieser hat noch einen zweiten Salon in Zürich, und überhaupt sei er viel unterwegs, weil er sich an die Freiheit der Pensionierung gewöhnen will. Gianni sagt: «Manchmal ist er da, manchmal ist er nicht da», so genau wisse man das jeweils nicht – und er bündelt einen Stapel alter «Annabelle»-Frauenmagazine, «die Ausgaben aus dem Jahr 2010 brauchen wir wohl nicht mehr!».

Gianni büschelt ein Bündel Haarsträhnen, rückt einen Übungskopf aus den 60er Jahren zurecht, ständig ist er in Bewegung, redet und redet. Nein, zu viel wegwerfen wolle er auf keinen Fall, aber ein wenig Ordnung ins Sammelsurium bringen, das sei schon nötig, denn «wo ich hinfasse, fliegt mir was entgegen!».

«Wo ich hinfasse, fliegt mir etwas entgegen!»

Erst einmal hat er sich vorgenommen, Tablar für Tablar durchzugehen, «jeden Tag ein Gestell, bloss nicht zu viel ausschauben, denn Küre ist ja auch noch hier, dieser Laden ist sein Leben!». Aber doch so weit aufräumen, dass sie nun gelegentlich auch zu zweit hier arbeiten können. Denn Küre wird immer noch seine Stammkunden betreuen, während Gianni seine eigene Kundschaft seit Anfang Oktober an der Postgasse frisiert.

Geplant ist, dass mit der Zeit Gianni den Laden ganz übernimmt, wenn Küre dereinst aufhört. Ein gemütlicher, zeitlich noch nicht so genau definierter Übergang soll es werden, «wir lassen uns nicht stressen!», das sei ihnen beiden wichtig, so könne Küre seinen Bedürfnissen entsprechend etwas kürzer treten. Und er lerne derweil von ihm, schwärmt Gianni: «Schau nur diese Toupets, und die Echthaarperücken! Wer kann das heute noch? Meine Generation, wir haben das nicht mehr gelernt.» Wie ein Schwamm saugt er das Wissen von Küre auf, «sonst weiss irgendwann gar niemand mehr, wie man ein schönes Haarteil einsetzt!».

SCHWESTERS HAARE

Gianni war im Herzen schon immer Coiffeur. Unter Gelächter über die eigene Geschichte schildert er, wie er als Knabe den Puppen seiner Schwester die Haare abgehauen hat: «Als die nicht nachgewachsen sind, hat sie fürchterlich geweint. Also habe ich ihr erklärt, dass Menschenhaare ganz rasch nachwachsen, und sie überredet, ihre Haare zu schneiden.» Sie habe damals einen Zopf bis zum Füdli gehabt. So rasch, wie er ihr versprochen hatte, wuchs der dann nicht nach, was wiederum zu vielen Tränen geführt habe. Inzwischen verstehe er sich aber bestens mit seiner Schwester, dürfe ihr einmal im Jahr die Spitzen schneiden.

Alles da: Was ein Coiffeur braucht und tausend Dinge mehr. Zum Beispiel alte Übungsköpfe, Haarspangen und -schnallen.

BERN SCHLÄGT NEAPEL

Nach der Schule sei für ihn klar gewesen, dass er eine Coiffeurlehre mache, «ich wollte nie etwas anderes sein als Coiffeur!» Gianni ist Napolitaner, «Schweizer kann ich grad noch nicht werden, obwohl ich hier aufgewachsen bin», aber er habe einen Strafregistereintrag, der erst 2019 gelöscht werde, eine blöde Sache sei das, und etwas unfair auch, denn «eigentlich wollte ich nur höflich sein! Also habe ich dem Polizisten einen Joint angeboten …, aber was wotsch, so bin ich halt.»

Sein Vater sei übrigens von der Mafia umgefahren worden, erzählt er im nächsten Satz und lässt noch einen Espresso aus der Maschine, und seine Mutter, die habe danach noch eine Weile in Neapel gelebt, «aber hey, für eine Frau alleine ist es dort viel zu gefährlich!». Darum lebe die Mutter nun wieder in Bern, und er selber, er reise so gerne, habe mehrere Jahre in London, Paris, Barcelona und München gearbeitet.

«Aber Neapel sehen und sterben, also nein, da bin ich lieber noch eine Weile in Bern!» Wieder schallendes Gelächter, dann eine Salve Napolitanisch, oh, und Sizilianisch spreche er auch fliessend, aber hier in der Berner Altstadt, in dem Sammelsurium von Küre, hier fühle er sich wirklich daheim.

WILDER STILMIX: Zebrafell, Art déco, und über allem wacht das «Abendmahl»-Gemälde mit Marilyn Monroe. (Fotos: Yoshiko Kusano)

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