Revolte in Europa
Die ignorierte Jugend

In Italien, Spanien und anderswo probt die Jugend den Aufstand. Sie schauen nach Frankreich, wo eine Schülerbewegung gerade zur antifaschistischen Revolte wächst. Nun ruft die Gewerkschaft CGT zum Generalstreik.

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DIE GEN Z IST WÜTEND: Eine junge Frau bei den Protesten in Paris vom 24. Oktober. (Foto: Keystone)

Ahmed Benmezroua, 25, fotografierte am 17. Oktober die Demonstration der französischen Jugend auf der Place de la République in Paris. Gerade waren die Musikerinnen und Musiker des Symphonie-«Orchesters der neuen Welt» vor der berüchtigten Polizeitruppe BRAV-M geflohen. Um 16.34 Uhr schoss Ahmed das letzte Bild. Da zerriss eine Schockgranate sein rechtes Bein. Wahrscheinlich eine «GL-304 Condor»: Kriegsmunition, die anderswo geächtet ist.

Derweil schlugen Polizisten einen Sanitäter so brutal zusammen, dass Medien seinen Tod vermeldeten (er überlebte). Zwei andere Menschen starben an diesem Nachmittag. Die Krankenhäuser kamen an ihre Grenzen. Viele Schädelbrüche, zerfetzte Glieder, ausgeschossene Augen, Amputationen. 

Solche Jagdszenen ereigneten sich im ganzen Land. Fieberschübe der Repression sind hier üblich. Besonders, seit Präsident Emmanuel Macron den Polizeikräften 2018 eine verschärfte Einsatzdoktrin verpasst hat. Gewerkschaften, Gelbwesten, die Klimabewegung, Rentner haben sie im eigenen Fleisch erlitten. 

Das Volk als Feind

Begehren Teile der Bevölkerung auf, sehen Frankreichs Eliten sogleich einen inneren Feind am Werk: das Volk. Weil es aber nicht selber denken könne, meint die arrogante Bourgeoisie, müssen Linke dahinterstecken. Protest lesen sie als Verschwörung. Deshalb, sagt Macrons Innenminister Laurent Nuñez, «gibt es keine Polizeigewalt, sondern nur die legitime Gewalt der Polizei». Eine sehr französische Nuance. Nun ist sogar ein Gesetz in Arbeit, das eine automatische Notwehrvermutung für Polizisten einrichtet. Eine Lizenz zum Töten. Marine Le Pen und ihre Neofaschisten könnten sich in ein gemachtes Nest setzen, sollten sie bei der Präsidentenwahl die Macht ergreifen.

Eine demokratische Regierung hätte sich über den Schülerinnenprotest gefreut. Die Jungen verlangten bloss elementare Dinge wie einen Lehrer oder eine Lehrerin vor jede Klasse. Ihre Demos waren kreativ. Macron aber ignorierte sie. Sein Programm ist die Zerstörung des Service public, und dazu gehört explizit die Privatisierung von Schule, Ausbildung und Universität. Drei Wochen lang verfehlten Brutalität und 11 000 Festnahmen ihre Wirkung. Für den 17. Oktober hatte Nuñez Befehl, die Bewegung definitiv zu brechen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Jubelnde Rechtsextreme

Nur, was sah man am Abend in den von Rechten und Rechtsextremen beherrschten französischen Massenmedien? Randalierende Demonstranten, Plündernde, das brennende Stadthaus von Limoges. In Dauerschleife. Garniert mit rassistischen Kommentaren quasi der gesamten politischen Kaste über «brandschatzende Barbaren», «immigrantisches Gesocks», «ultralinke Gewalt» und (Nuñez) notwendiges Kriegsrecht («Panzer in die Strassen»). Zähnefletschender Jubel bei den Rechtsextremen. Die Strategie Macrons, mit Eskalation und Provokateuren die Bewegung zu diskreditieren, schien aufzugehen. Niemand mehr sprach über die Probleme der Schulen. Aber Macron muss an jenem Abend geschwant haben, dass der Zug für ihn abgefahren war. Statt nur ein paar Lernende und Studierende waren 800'000 an die Demos im ganzen Land gekommen. Mehr als 50 Gewerkschaften und Organisationen und Hunderte von Persönlichkeiten hatten mobilisiert.

Blitz-Politisierung

So hat sich die Bewegung der Mittelschülerinnen und -schüler aus der Pariser Banlieue zur landesweiten sozialen Revolte verdichtet. Überspannendes Thema ist das «teure Leben». Jede dritte Studentin isst nicht jeden Tag, manche sind obdachlos. Rigide Sparmassnahmen, der Hitzesommer und die Gefahr der extremen Rechten haben die Blitz-Politisierung einer Generation in Gang gesetzt. Nach zehn Jahren Macron muss dieser Jugend niemand mehr den Zusammenhang zwischen Steuersenkungen für Reiche und einstürzenden Schulen erklären.

Die Angst hat die Seiten gewechselt. Am 24. Oktober demonstrierten im verregneten Paris trotz Einsatz von Anti-Terror-Militärs nochmals so viele wie am 17. Gewerkschaften sehen die Chance auf einen «sozialen Herbst». Den sie bis zur Präsidentenwahl am 18. April 2027 verlängern könnten, um Marine Le Pen zu verhindern. Die Neofaschisten haben das verstanden: In elf Städten griffen ihre Schläger die Demonstrierenden an. Doch Sophie Binet, Chefin der grossen Gewerkschaft CGT, rief für den 5. November zum Generalstreik.

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