Vom Einsturz zum Umsturz
Jugendbewegung bringt Serbiens Regierung zu Fall

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić ist definitiv abgewählt, seine rechtsnationalistische Partei weg vom Fenster. Jetzt sitzen Hoffnungsträger am Schalthebel. Die Studierenden haben das geschafft, wofür die Jugend rund um den Globus zurzeit auf die Strassen geht.

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FREUDE HERRSCHT: Wahlparty auf den Strassen von Belgrad. (Foto: Keystone)

Die Bilder vom 25. Oktober aus Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, gingen um die Welt: Tausende Menschen feiern auf den Strassen und tanzen Kolo bis zum Morgengrauen – einen traditionellen Volkstanz, der einige Jahre zuvor als Unesco-Kulturerbe anerkannt wurde. Es ist eine historische Nacht für das Balkanland.

Langzeitherrscher Aleksandar Vučić und seine Partei verlieren die Mehrheit im serbischen Parlament. Über die Hälfte der Bevölkerung wählt die Studentenliste bei den Parlamentswahlen. Diese will das Land mit einem 11-Punkte-Plan umkrempeln. Auf dem Programm stehen unabhängige Gerichte, Aufspüren von unrechtmässig erworbenen Vermögen, Transparenz bei Bauprojekten, modernere Lehrpläne, Förderung von heimischen Unternehmen, günstiger Wohnraum besonders für junge Familien, bezahlbare und erreichbare medizinische Versorgung und vieles mehr.

Die gewählte Liste der Studierenden ist sehr divers. Die künftigen Politikerinnen und Politiker hatten vorher keine politischen Ämter. Es sind Lehrerinnen und Professoren, medizinisches Personal, Landwirtinnen, Schauspieler und vieles mehr.

Generation Schnauze voll

Angefangen hatte der politische Umsturz mit dem Einsturz eines Vordaches am Bahnhof von Novi Sad. Der Einsturz kostete 16 Menschenleben und brachte das Fass der serbischen Bevölkerung zum Überlaufen. In wenigen Wochen formierte sich im ganzen Land eine Studierendenbewegung. Ihre Mission war von Anfang an klar: Sesselkleber Vučić muss weg. Serbien braucht einen radikalen Richtungswechsel, ein Ende der Korruption und Perspektiven für junge Menschen. Wofür junge Menschen zurzeit auf der ganzen Welt auf die Strassen gehen, hat in Serbien nach zwei Jahren Hartnäckigkeit zum Erfolg geführt.

Die Perspektivlosigkeit drängte viele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten, ihr Heimatland zu verlassen. Die Wahlbeteiligung war nicht nur in Serbien selbst, sondern auch ausserhalb historisch. Auslandserbinnen und -serben standen stundenlang Schlange vor den Wahllokalen. Die Öffnungszeiten der Stimmbüros orientierte sich an den Zeiten in Serbien, weshalb in Toronto und New York mitten in der Nacht gewählt wurde. Auch die serbische Diaspora in der Schweiz blieb hartnäckig. In Zürich und Bern warteten Wahlberechtigte mehrere Stunden, um ihr Couvert einzuwerfen. 

Kein Sieg der Linken

Die Studierenden haben von Anfang an als Kollektiv funktioniert. Das zeigt sich heute in der Breite der Bewegung: Wer jetzt von einem linken Sieg in Serbien spricht, liegt leider falsch. Die Unzufriedenheit in Serbien war in jedem politischen Lager, bei jeder Generation und bei jeder Berufsgattung zu spüren. An den Demonstrationen der Studenten wurden in der Vergangenheit auch nationalistische und problematische Parolen verbreitet. Beispielsweise waren an Protesten serbische Landkarten abgebildet, die Kosovo einschlossen. Der Umbruch in Serbien ist eine neue Chance für das Land. Was die Gewählten daraus machen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

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