Massive Proteste in Albanien und Serbien
Autokraten-Alarm auf dem Balkan

Die Bevölkerung Albaniens protestiert seit Wochen gegen eine geplante Umweltkatastrophe. Serbien wiederum ist nach dem tödlichen Einsturz eines Bahnhofvordachs schon seit bald zwei Jahren in Aufruhr. Die Auslöser sind unterschiedlich, doch die Gründe dieselben: Machtgierige Präsidenten, die sich zu Autokraten aufspielen.

Sie nennen sich die Flamingo-Bewegung. Die pinken Vögel sind Teil der jüngsten Proteste in Tirana, Albanien: In Menschenmassen blitzen gebastelte Flamingos hervor. Dabei handelt es sich nicht um nette Maskottchen, sondern um eine todernste Lage für viele Zugvögel Europas. Ein wichtiges Naturschutzgebiet in Albanien, das jetzt für ein Luxushotel inklusive Jachthafen den Kopf hinhalten sollte, steht in Gefahr. Wieder einmal eine menschengemachte Umweltkatastrophe. Und das finanziert durch niemand geringeres als den Trump-Clan.

FLAMINGO-REVOLUTION: In der albanischen Hauptstadt Tirana waren die Strassen voller bunter Flamingos. (Bild: Keystone)

Konkret geht es um die Insel Sazan, eine bis heute unberührte Insel vor der südalbanischen Hafenstadt Vlora. Dort sind schon erste Bagger aufgefahren, um das Luxusresort aufzubauen. Finanziert wird das Projekt von Donald Trumps Tochter Ivanka und ihrem Ehemann Jared Kushner. In einem Interview spricht die Trump-Tochter über das Entdecken der Insel, als wäre sie Christopher Kolumbus der Neuzeit: Auf einer Jacht sei sie gemütlich durchs Mittelmeer geschippert, wo sie wie aus dem Nichts die Insel entdeckt habe. Sie sei rüber geschwommen und habe das Eiland barfuss durchstreift.

@businessblurb Ivanka Trump on @David Senra talks about Jared Kushner’s private equity firm, Affinity Partners, investing $1.4 billion to transform Sazan Island into an ultra-luxury eco-resort. Located in Albania, this 1400- hectare Mediterranean island sits where the Adriatic and Ionian Seas meet. The site is a former Cold War military base. #realestate #island #investing #architecture #money ♬ even the sky doesn't answer – Red X & oversyncing & pandora.

Ins Visier nehmen die Investorinnen auch den gegenüberliegenden Strand Zvernec auf dem albanischen Festland. Ein Strand in unmittelbarer Nähe von der Lagune Vjosa-Narta, ein Naturschutzgebiet und bedeutender Rastort für Flamingos und viele weitere Zugvögeln. Der sozialistischer Ministerpräsident Edi Rahma wiederholt gegenüber Kritikern, die Investition von über 4 Milliarden Euro kurble die Wirtschaft an und schaffe Arbeitsplätze. Doch das überzeugt die Bevölkerung offensichtlich nicht. Tiranas Strassen sind voll. Studierende, Umweltaktivistinnen und Regierungskritiker wehren sich gegen den Ausverkauf des Landes zugunsten einer kleinen Schicht internationaler Schwerreicher. 

Geldwäsche mit Luxusbauten

Die Demonstrierenden auf den Strassen Tiranas fordern längst nicht mehr nur den Stopp des Bauprojekts. Nichts weniger als das Ende der Korruption im Land wird gefordert. Dazu der Rücktritt von Präsident Rama. Seit fast 13 Jahren herrscht er über das Land und brachte in dieser Zeit unzähligen Bauprojekte der Luxusklasse voran. Bei vielen Projekten bleibt für die Bevölkerung aber unklar, woher die Gelder stammen. Die Demonstrierenden werfen ihm vor, in Geldwäschegeschäft aus Drogenhandel und Steuerhinterziehung verwickelt zu sein.

Während sich der Flamingo-Aufstand zur grössten sozialen Bewegung seit der Etablierung der Demokratie 1991 entwickelt, reist Rama betont gelassen in Europa umher. Vordergründig um den in Albanien äusserst populären EU-Beitritt voranzutreiben. Auch an der Art Basel war Rama zu Gast. Dort stellte der ausgebildete Kunstmaler Mitte Juni seine Skulpturen aus. Im Ausland Geschäfte machen, das Image polieren und fleissig Hände schütteln, während es zuhause brodelt bis brennt. Typisches Autokratenverhalten, wie man es etwa auch von Aleksandar Vučić aus Serbien kennt.

Präsident – Premier – Präsident 

November 2024, Bahnhof Novi Sad in Serbien: Ein neu gebautes Bahnhofdach stürzt ein und reisst 14 Menschen in den Tod, 2 Schwerverletzte sterben kurze Zeit später und 30 weitere Personen werden verletzt. Seither ist der Balkan-Staat in Aufruhr. Über Monate setzten sich an vorderster Front Studierende für eine lückenlose Aufklärung des Baupfusches ein. Sie bleiben hartnäckig, demonstrieren zu Tausenden in weiten Teilen des Landes. Damit stellen sie die herrschende Regierung auf die Probe und fordern in einem breiten Bündnis den Rücktritt von Vučić.

Ende Juni die überraschende Nachricht: Der Präsident kündigt seinen Rücktritt an. Bereits in wenigen Wochen soll er seinen Posten räumen. Ein Erfolg der Protestierenden? Das lässt sich noch nicht einschätzen. Denn Vučić will lediglich die Schaltzentrale wechseln. Mit seinem Rücktritt werden die Gerüchte lauter, er werde sich als Kandidat für die Premierministerwahlen aufstellen lassen – eine übliche Masche bei Autokraten, die ihre Macht zementieren wollen. Zudem: In Serbien darf der Präsident maximal zwei Amtsperioden antreten. Die Zeit von Vučić wäre im Frühjahr 2027 also ohnehin zu Ende gewesen. Der Wechsel des Chefsessels könnte dem Rechtsnationalen also ermöglichen, in späteren Jahren wieder als Präsident zu kandidieren. 

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