Sonderausstellung im St. Galler Textilmuseum
Ein Bildnis der Arbeiterklasse der 1970er Jahre

Das St. Galler Textilmuseum macht Textilarbeiterinnen und -arbeiter der 1970er Jahre sichtbar. Es war die Zeit der Schwarzenbach-Initiative, als eine fremdenfeindliche Welle die Schweiz überrollte. Die Fotografin Barbara Davatz hat damals die gesamte Belegschaft der Textildruckerei und Zwirnerei H. Walser im appenzellischen Zürchersmühle fotografiert. Entstanden ist eine Fotoserie, die bis heute aktuelle Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und Menschlichkeit reflektiert. 

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 6:06
EINE BUNT GEMISCHTE EINHEIT: Portraitserie aus einer Schweizer Textildruckerei im Jahr 1972. Die Fotos dieser Bild-Auswahl aus der aktuellen Ausstellung sind weiter unten in diesem Beitrag in höherer Auflösung zu sehen. (Bilder: Barbara Davatz)

Genaro Lopez ist zum Zeitpunkt der Aufnahme 25 Jahre alt. Er blickt kritisch in die Kamera, schenkt der Fotografin kein Lächeln. Lässig stützt er seine von der harten Arbeit gezeichneten Hände in die Hüfte. Der Schwarz-Weiss-Kontrast hebt Lopez’ dichte Augenbrauen, die dunklen Augen und die volle Haarpracht hervor. Darunter steht: «Genaro Lopez, geb. 3. Dezember 1947, Spanier, arbeitet in der Druckerei, 1972.» Die knappe Legende lässt viel Raum, sich den Menschen und sein Leben vorzustellen. 

Die Fotografin Barbara Davatz hat 1972 in einer Serie die 38 Mitarbeitenden der Textildruckerei und Zwirnerei der Firma H. Walser in Zürchersmühle AR porträtiert. Aktuell sind sämtliche Portraits im St. Galler Textilmuseum zu sehen. Fotografin ­Davatz hat die gesamte Belegschaft der ­Textildruckerei für einen kurzen Moment aus dem Arbeitsalltag gerissen und vor die Kamera gestellt. Zur Entstehung der Serie sagt Davatz:

Ich war neugierig zu sehen, wie die Belegschaft einer kleinen Schweizer Firma aussah. Es handelte sich um eine Art ‹visuelle Feldforschung›, die erste, die ich unternommen habe. Dass ich so viele interessante, prägnante und sympathische Menschen dann porträtieren durfte, war ein Zufall und ein grosses Glück.

Vom Heim in die Fabrik

Entstanden ist die Serie in einer hochpolitischen Zeit: 1968 lancierte der Faschist und Grossindus­trielle James Schwarzenbach eine Initiative, welche die Schweiz vor der «Überfremdung» schützen sollte. Eine Welle von Fremdenfeindlichkeit überrollte die Schweiz. Die Initiative forderte einen 10-Prozent-Deckel der ausländischen Bevölkerung. Bei einer Annahme hätten rund 400'000 Migrantinnen und Migranten die Schweiz verlassen müssen. Am 7. Juni 1970 wurde sie knapp abgelehnt. Pikant: Schwarzenbach selbst stammte aus einer Seiden­dynastie, sein Reichtum war auf dem Rücken von Migrantinnen und Migranten gebaut. 

Die Portrait­serie zeigt: Die Mehrheit der H.-Walser-Belegschaft waren migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter. Doch trotz unterschiedlicher Herkunft bilden sie eine Einheit. Eine vereinte Arbeiterklasse in einer Branche, die sich in den vergangenen 50 Jahren stark gewandelt hat. 

Dass die Schweizer Textilbranche von den ausländischen Arbeitskräften abhängig war, wird im Museum mehrfach thematisiert. Das zeigen die Einblicke in die früher boomende Textilindustrie in St. Gallen und der umliegenden Region, die Geschichte wird in der Dauerausstellung des Museums erzählt.

Die Textilindustrie wurde von ausländischen Arbeitskräften mitgeprägt und vorangetrieben. Fabrikarbeiterin Bruna Ventre – italienische Migrantin – erzählt in einem Interview über ihre Arbeit in der St. Galler Textilindustrie:

Die italienischen Mädchen nahmen die Arbeit mit nach Hause und arbeiteten noch bis Mitternacht, um sich etwas Zusätzliches zu verdienen.

Die Frau, die Sau

Vor 1800 war die Schweizer Textilindustrie nicht in grossen Fabriken angesiedelt, sondern gehörte zur Heimarbeit. Die finanziell schwache Landbevölkerung verdiente sich ein zusätzliches Einkommen mit Spinnen, Weben, Sticken und weiterer Handarbeit. Eine Frau aus Appenzell Innerrhoden erklärt in einem Videointerview, dass ein Haushalt mit einer Frau, die diese Textilarbeit zu verrichten wusste, genauso ertragsreich war wie mit einer guten Sau im Stall.

Nach 1800 verlagerte sich die Arbeit vom Heim in die Textilfabriken. Mit der Einführung des Fabrikgesetzes 1878 wurden Mindeststandards für die Arbeitsbedingungen gesetzt. Gerade die Kinderarbeit war in der Textilbranche weit verbreitet und wurde damit erschwert. 

Die Ausstellung «Porträt einer Schweizer Firma» ist bis im Februar 2027 im Textilmuseum St. Gallen zu sehen. Mehr Infos: textilmuseum.ch

Barbara Davatz: Von New York nach Zürich

Die Fotografin Barbara Davatz ist 1944 in Zürich geboren. Von ihrem vierten bis zu ihrem 19. Lebensjahr lebte sie in einem Vorort von New York. Mit der Rückkehr in die Schweiz widmete sich Davatz der Fotografie und schloss ihre Fotoausbildung an der Kunstgewerbeschule Zürich ab. Die Fotoserie «Porträt einer Schweizer Firma» war ihre zweite freie Arbeit. Heute lebt Davatz im Kanton Zürich.

Maria Cian, geb. 1. 2. 1913, Spanierin, Spulerei. (Foto: Barbara Davatz)
Juana Lago, geb. 21. 8. 1926, Spanierin, Spulerei. (Foto: Barbara Davatz)
Aurelio Fraga, geb. 6. 2. 1944, Spanier, Druckerei. (Foto: Barbara Davatz)
Genaro Lopez, geb. 3. 12. 1947, Spanier, Druckerei. (Foto: Barbara Davatz)
Frieda Oertle, geb. 23. 8. 1913, Schweizerin, Zwirnerei. (Foto: Barbara Davatz)
Romilda Garcia, geb. 16. 2. 1950, Spanierin, Zwirnerei. (Foto: Barbara Davatz)
Werner Knöpfel, geb. 8. 5. 1954, Schweizer, Werkstattlehrling. (Foto: Barbara Davatz)
Heidi Schaufelberger, geb. 27. 2. 1927, Schweizerin, Spedition. (Foto: Barbara Davatz)
Hans Schenk, geb. 22. 3. 1941, Schweizer, Farblabor. (Foto: Barbara Davatz)
Max Guerra, geb. 25. 11. 1938, Italiener, Farblabor. (Foto: Barbara Davatz)

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.