Bundesasylzentren
Wie private Firmen mit Geflüchteten Kasse machen

Ex-Mitarbeitende der Firma ORS berichten von Kosteneinsparungen auf dem Buckel der Geflüchteten und von Mitarbeitenden. Trotz Kritik und fehlender Transparenz vergeben Bund und Kantone immer mehr Aufträge an ORS. Neu übernimmt ORS auch die Bundesasylzentren im Tessin. 

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PROFIT MIT ASYLZENTREN: Eine temporäre Einrichtung von ORS in Moudon VD. (Foto: Keystone)

Wer in der Schweiz ein Asylgesuch stellt, verbringt in der Regel die ersten zwei Monate in einem Bundesasylzentrum. Nun hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) das Mandat für den Betrieb dieser Zentren ab 2027 neu vergeben. Den Zuschlag für den Grossauftrag mit einem Umfang von jährlich 158 Millionen Franken haben die beiden Firmen ORS Service AG und die Convalere AG erhalten. Die öffentlichrechtliche Asylorganisation Zürich (AOZ), die bisher die Zentren in der Region Zürich, im Tessin und der Zentralschweiz führte, ging leer aus. Im Vergleich zur letzten Ausschreibung wurde der Preis neu mit 40 statt mit 30 Prozent gewichtet. Die Betreuung von gegenwärtig etwa 6000 Geflüchteten, von der Schule für die Kinder über die Gesundheitsversorgung bis zur Versorgung mit Essen, Kleidung und Hygieneartikeln, wird also noch mehr dem Kostendiktat untergeordnet. Gewinnerin dieser Entwicklung sind Firmen wie die ORS.

ORS auf dem Vormarsch

ORS ist ein Tochterunternehmen der börsenkotierten Serco Group (siehe Box). Sie betreibt im Auftrag der Kantone auch immer mehr Durchgangs- und Rückkehrzentren in der Schweiz, so etwa im Kanton Zürich oder im Kanton Schwyz. Dort kam Caritas, die die Zentren während 30 Jahren geführt hatte, nicht mehr zum Zug, weil ORS einen billigeren Service anbot. Auch im Kanton Solothurn hat sich ORS im Juni gegen zwei andere Anbieter durchgesetzt. Der Kanton Solothurn schreibt: «Zu den Aufgaben von ORS zählen unter anderem Einführung in die Normen und Werte der Schweiz, Erfassung der beruflichen Ressourcen, Organisation gemeinnütziger Arbeitsprogramme, die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung, Ausrichtung von Sozialhilfe, Coaching bei Wohnungssuche, Tagesstruktur sowie Schulunterricht für Kinder und Jugendliche.»

Intransparente Geschäfte

Dass Bund und Kantone diese vielseitigen sozialen Aufgaben an eine profitorientierte Firma auslagern und diese den Profit nicht mal offenlegen, sorgt immer wieder für Kritik. Wie viel die ORS mit ihren Aktivitäten zum Serco-Konzerngewinn beiträgt, kommuniziert der Konzern nicht. Sicher ist nur, dass ORS in den letzten Jahren stark gewachsen ist, denn die Expansion im Asylwesen beschränkt sich nicht nur auf die Schweiz. Auch in Deutschland ist ORS mit der Übernahme der European Homecare Group zum grössten privaten Anbieter von Flüchtlingsunterkünften aufgestiegen.

Dass auf dem Buckel von Asylsuchenden Profit gemacht wird, ist aber längst nicht der einzige Skandal von ORS. Auch mit den Mitarbeitenden geht ORS zumindest fragwürdig um. Die Ex-Mitarbeiterin eines von der ORS übernommenen Zentrums sagt zu work:

Das Rekrutierungsverfahren und die Planung der Übernahme waren sehr chaotisch. Ausser der neuen Leitung konnten zu Beginn kaum Fachpersonen mit sozialpädagogischem Diplom gewonnen werden.

Die Qualität der Betreuung habe durch die ORS-Übernahme eindeutig gelitten. Auch die finanzielle Situation der Mitarbeitenden habe sich verschlechtert, zum Beispiel durch einen reduzierten Beitrag des Arbeitgebers bei der beruflichen Vorsorge. Kosteneinsparungen erfolgten oft auch versteckt, beispielsweise durch die Reduktion wichtiger Betreuungsdienstleistungen für neu angekommene Geflüchtete, mangelhafte technische Ausstattung für Mitarbeitende und fehlende Schulungen.

«Zehn Prozent weniger Lohn»

Eine andere Betreuungsperson sagt zu work: «Mein Lohn war nach der Übernahme durch ORS zehn Prozent tiefer. Um diesen Unterschied weniger sichtbar zu machen, wurde der 13. Monatslohn auf die einzelnen Monate verteilt.» Auch die Art der Kommunikation und des Umgangs habe nicht ihrer bisherigen Arbeitsweise und ihren Vorstellungen eines respektvollen Arbeitsumfeldes entsprochen. Sie sagt:

Bei mehreren Personalbesprechungen haben die Vorgesetzten uns mitgeteilt, dass es für diese Stelle Dutzende Bewerbungen gebe und dass sie jederzeit andere Personen fänden, falls wir mit den Arbeitsbedingungen nicht einverstanden seien.

Auch habe sie wegen Personalmangels mehrmals von 6 Uhr morgens bis 21 Uhr abends arbeiten müssen, und dies ohne ihre Zustimmung. ORS habe Dienstpläne kurzfristig abgeändert, was die private Planung sehr schwierig gemacht habe. Falls Arbeitszeiten im Arbeitsvertrag fest vereinbart sind, dürfen diese nicht einseitig vom Arbeitgeber angepasst werden. Und Überstunden sind illegal, wenn diese kurzfristig angeordnet sind oder Angestellte Familienverpflichtungen haben. 

Umfrage bei Betroffenen

Feyrouz Ounaies (51) ist Teil des Bleiberecht-Kollektivs im Kanton Freiburg, wo die kantonalen Asylzentren bereits seit vielen Jahren von ORS verwaltet werden. Das Kollektiv hat etwa 60 Bewohnerinnen und Bewohner der Zentren zu ihrer Situation befragt und wird demnächst einen Bericht dazu publizieren. Ounaies sagt:

Schutzbedürftige Menschen werden durch systematisch schlechte Behandlung grossen Risiken ausgesetzt.

Insbesondere die ungenügende medizinische Betreuung, die Isolation in ländlichen Gebieten und auch die oft desolate Ausstattung der Küchen und sanitären Anlagen in den Zentren führten bei vielen Asylsuchenden zu Verzweiflung und Depressionen bis hin zu Suizidversuchen. Durch häufige organisatorische Wechsel seien auch die Regeln in den Zentren weniger klar. Priorität hätten für ORS die Zusammenarbeit mit den Migrationsbehörden, Sanktionen bei Fehlverhalten und das finanzielle Resultat des Betriebs. Die Bedürfnisse der Geflüchteten spielten im Schweizer Asylsystem leider allgemein eine sehr untergeordnete Rolle. 

Das sagt die Serco Group

Die Serco Group schreibt auf Anfrage von work: «Die genannten Vorwürfe werden weder durch die uns vorliegenden Informationen noch durch die von den zuständigen Behörden durchgeführten Bewertungen gestützt. Solche Behauptungen stehen im Widerspruch sowohl zu den Standards, die wir von unseren Dienstleistungen erwarten, als auch zu den Qualitätsergebnissen, die wir in unserem gesamten Betrieb erzielen. Was den Zustand der Unterbringungsmöglichkeiten betrifft, ist anzumerken, dass ORS für die Erbringung von Dienstleistungen innerhalb der Zentren verantwortlich ist, nicht jedoch für den baulichen Zustand oder die Infrastruktur der Gebäude selbst. Alle ORS-Mitarbeiter unterliegen den geltenden arbeitsrechtlichen Bestimmungen, vertraglichen Vereinbarungen und den vorgeschriebenen Arbeitszeitregelungen. Wir nehmen unsere Verantwortung als Arbeitgeber ernst und verfügen über geeignete Prozesse, um die Einhaltung dieser Verpflichtungen sicherzustellen.»

Der Konzern hinter ORS: Gefängnisse, Flüchtlingsunterkünfte und Militärlogistik

Die Serco Group mit Sitz in London ist ein «Staatsdienstleister» mit über 50'000 Angestellten in 25 Ländern. Gefängnisse, Flüchtlingsunterkünfte, Militärlogistik, Flughäfen, Verkehr, Raumfahrt und öffentliche Verwaltung: Überall, wo Regierungen ihre Aufgaben an private Unternehmen auslagern, ist das börsenkotierte Unternehmen präsent. 2025 machte Serco mit diesen umfangreichen Staatsaufträgen über 5 Milliarden Franken Umsatz und fast 300 Millionen Franken Gewinn. 

Seit der Übernahme der Schweizer Firma ORS Service AG im Jahr 2022 profitiert Serco auch von zahlreichen öffentlichen Aufträgen im Schweizer Asylwesen. Durch die Übernahme der European Homecare Group ist die ORS auch in Deutschland und Österreich stark gewachsen. Inzwischen beschäftigt ORS über 5000 Mitarbeitende, hat mehr als 190 öffentliche Mandate und Kapazitäten von fast 60'000 Betten in Asylunterkünften.

Lesetipp

Die Schweizer Anthropologin Megane Lederrey hat 20 ehemalige und gegenwärtige Beschäftigte von ORS in den Westschweizer Bundesasylzentren interviewt. Diese berichten von der chronischen Unterbesetzung der Teams, übermässiger Personalfluktuation und einer Kultur des Misstrauens. Der ­Fokus auf die Sicherheit und auf die Disziplinierung der ­Geflüchteten führe zu ­einer Entmenschlichung der Beziehungen.

Megane Lederrey: Les centres fédéraux d’asile, Éditions La Veilleuse, 2026, 224 Seiten, Fr. 30.–

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