Ahlam Alis Weg zur Fahrlehrerin
«Das Leben ist für grosse Träume da»

Das Autofahren schenkte Ahlam Ali (39) Autonomie. Und die Motivation, beruflich gross zu träumen. Mit work spricht sie über ihre Flucht aus Syrien, ihr Engagement in Bern Bethlehem und das Streben nach ihrem Traumberuf.

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EIN WICHTIGER ORT: Im Café Mondial hat Ahlam Ali Fuss im Arbeitsmarkt gefasst. (Foto: Yoshiko Kusano)

Ganz unscheinbar neben der reformierten Kirche in Bern Bethlehem liegt an der Strassenecke das Café Mondial. Es ist ein wichtiger Treffpunkt für das Quartier. Auch Ahlam Ali (39) verbringt hier viel Zeit. Nicht beim Kaffeeklatsch, sondern in erster Linie bei der Arbeit. Seit fast zehn Jahren arbeitet sie hier im Service. «Das Café Mondial war für mich ein wichtiger Ort, um auf dem Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen», erzählt Ali. Erst war sie im Café tätig, später kam die Arbeit bei der Ver­einigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG) als Dolmetscherin und Beraterin dazu. Auf arabisch unterstützt sie Leute in Bern Bethlehem bei jeglichen Anliegen. «Durch die Arbeit als Beraterin konnte ich mein soziales Umfeld öffnen, neue Menschen kennenlernen und ihnen helfen. Das gefällt mir: im Austausch zu sein.» Einige Jahre später kam noch eine weitere Beratungsstelle dazu: der Berner «Femmes-Tisch». Als Moderatorin berät sie Frauen auf arabisch zu Themen wie Kinder, Bewegung, Krankenkasse oder Sparen.

Doch Ali wurde schnell bewusst, dass der Schweizer Arbeitsmarkt ohne Ausbildung ein hartes Pflaster ist. «Ich will nicht mein Leben lang als Reinigerin oder in der Gastronomie arbeiten. Verstehen Sie mich nicht falsch, das sind alles Sachen, die ich schätze und auch gerne für meine Familie er­ledige. Aber ich will mehr von meinem Arbeitsleben.» Und dafür kämpft die 39jährige. Sie will Fahrlehrerin werden. Dazu sagt Ahlam, deren Name auf arabisch Träume und Visionen bedeutet: «Das Leben ist für grosse Träume da.» 

Autonomie dank Auto

Dieser aussergewöhnliche Berufswunsch kommt nicht von ungefähr. Vor 13 Jahren flüchtete Ali mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern aus Syrien in die Schweiz. Erst lebten sie in einem Flüchtlingsheim, später in einer Wohnung in Gunten am Thunersee. Ali erzählt von der wunderschönen Natur und dem See in der Nähe. Doch sie fühlte sich isoliert und hatte Schwierigkeiten, Fuss zu fassen. Also reiste die ­Familie weiter nach Bern Bethlehem. «Ich lebe und arbeite hier und fühle mich wohl – Bethlehem ist jetzt meine Heimat.»

Ahlam Ali und ihr Mann erhielten beide 2019 den Fahrausweis. Er ist als Maler tätig und täglich auf ein Auto ­angewiesen. Für Ahlam Ali bedeutet ein Auto Mobilität und Autonomie. Sie sagt:

Hinter dem Steuer zu sitzen hat mir so ein gutes Gefühl gegeben. Ich habe gemerkt: Das will ich beruflich machen!

Sie steckt zurzeit mitten in der Ausbildung zur Fahrlehrerin. Voraussichtlich kann sie 2028 als Lehrerin Fahrschülerinnen unterrichten.

In erster Linie will sich Ali als Fahrlehrerin selbst verwirklichen. In zweiter Linie kennt sie die Bedürfnisse der Frauen aus ihrer Community. Es sind nicht nur Muslimas und Kopftuchträ­gerinnen, sondern generell Frauen, die sich wünschen, von einer Frau am Steuer unterrichtet zu werden.

Die Familie auf der Flucht

Flucht gehört bei den Alis zur Familiengeschichte. Beide Grossväter stammen aus Palästina und flüchteten 1948. Ein Grossvater suchte Schutz in Libanon, der andere liess sich in Syrien nieder. Ali erzählt von ihrem Leben in Syrien, bevor auch sie flüchten mussten: «Wir waren glücklich, hatten eine Eigentums­wohnung im Stadtviertel Jarmuk, ein Auto, Freunde und Familie.» Doch dann kam der Krieg.

«Tiefste Hölle»: Das Quartier Jarmuk

Im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus liegt das Stadtviertel Jarmuk. Ursprünglich bewohnten es Geflüchtete aus Palästina. Jarmuk entwickelte sich mit den Jahren zu einem Viertel mit Wohnblöcken und Geschäften. 2013 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus, und im Frühjahr 2015 nahmen IS-Extremisten das Viertel ein. Damals bezeichnete der Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon das Quartier folgendermas-sen: «Im syrischen Horror ist Jarmuk die tiefste Hölle.» 

In ihrer Heimat hatte Ali nicht die Möglichkeit, sich beruflich zu verwirklichen. Als Mädchen wollte sie Künst­lerin werden. Nach Abschluss ihrer Matura heiratete sie mit Anfang zwanzig und wurde kurz darauf Mutter. Bei Kriegsausbruch war Ali schwanger. Die Flucht war für die junge Mutter ein schreckliches Erlebnis. Von ihrem Mann war sie räumlich lange Zeit getrennt, zwischenzeitlich sass er sogar im Gefängnis. Die Schwangerschaft war belastend: «Mein Bauch war so klein. Und auch meine Tochter war bei der Geburt ganz klein. Es war alles sehr schwierig», erinnert sie sich. 

Ein Stück Heimat

Ali hat ihre Heimat nicht freiwillig verlassen. Die junge Frau musste alles zurücklassen – ihr Zuhause, ihre Freunde und Geschwister. Was sie nebst ihrer ­Familie mitgenommen hat, ist die syrische Kultur. Und dazu gehört für Ali auch das Kopftuch. «Das Kopftuch ist immer wieder Thema – besonders bei den Frauen, die ich auf arabisch berate», erzählt sie. 

Sie kennt Fälle, wo Frauen im Detailhandel zwar mit einem Kopftuch putzen dürfen. Möchten sie beruflich aber aufsteigen und beispielsweise an der Kasse arbeiten, müssen sie das Kopftuch ablegen. «Das macht mich wütend. Der Stoff auf meinem Kopf sollte keine Rolle spielen. Wir sind die gleichen Frauen, habe die gleiche Motivation und Fähigkeiten. Egal ob mit oder ohne Kopftuch.»

ANGEHENDE FAHRLEHRERIN: Ahlam Ali. (Foto: Yoshiko ­Kusano)

Bern: Grosse Demo

Die Unia ruft gemeinsam mit Solidarité sans frontières und anderen Organisationen zur grossen Kundgebung für eine menschenwürdige Migrationspolitik in Bern auf: Samstag, 26. September, 14 Uhr, Schützenmatte.
Weitere Infos: demo.sosf.ch

 

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