Interview mit Cyprien Baba
«Diese Demo weckt bei mir neue Hoffnung»

Cyprien Baba (61) wird an der Demo «Zwischen uns keine Grenzen» eine Rede halten. work hat ihn in Le Locle NE getroffen und mit ihm über Ausgrenzung, Entmenschlichung und Hoffnung gesprochen. 

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CYPRIEN BABA: «Menschen mit Migrationshintergrund werden zu Sündenböcken für alles mögliche gemacht.» (Foto: isc)

work: Sie sagen von sich, Solidarität sei Ihr Motor. Woher kommt das?
Cyprien Baba: Das kommt vor allem aus meiner Kindheit. Ich bin in einfachen und von Armut geprägten Verhältnissen in Côte d’Ivoire aufgewachsen. Da ist man auf die Solidarität von Freunden und Nachbarinnen angewiesen. Als Jugendlicher war ich bei den Pfadfindern, wo ich viel Solidarität erlebt habe und dann auch als Lehrer und Gewerkschaftsmitglied. Diese Bereitschaft zum Teilen und Helfen ist mir bis heute sehr wichtig. 

Sie sind auch politisch aktiv hier in Le Locle.
Ich lebe seit 17 Jahren in Le Locle im Neuenburger Jura. Weil hier auch Ausländerinnen und Ausländer das Wahlrecht haben, kann ich mich aktiv am politischen Leben der Gemeinde beteiligen: Seit 2016 bin ich Mitglied des Gemeinderats von Le Locle und präsidiere zurzeit die lokale Sektion des POP (Parti Ou-vrier Populaire). Meine Frau und unsere achtzehnjährigen Zwillinge haben die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ich selber bleibe vorerst der «Ausländer» in der Familie, aber inzwischen habe auch ich die nötigen Papiere für die Einbürgerung zusammen.

Was bedeutet für Sie die Migrationsdemo, die am 26. September in Bern stattfindet?
Diese Demo weckt bei mir neue Hoffnung. Denn wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, sieht so viele Bilder von Entmenschlichung und Rassismus. Menschen mit Migrationshintergrund werden zu Sündenböcken für alles mögliche gemacht, von der Wirtschaftskrise bis zu Attentaten. Ich freue mich besonders darüber, dass es noch Organisationen gibt, die standhaft und kämpferisch bleiben und eine andere Sichtweise vertreten: wo die Achtung der Menschenrechte und die Würde jedes einzelnen im Mittelpunkt stehen.

Sie werden auf dem Bundesplatz eine Rede als Co-Präsident der Unia IG Migration halten. Was ist Ihre Hauptbotschaft?
Zwischen uns keine Grenzen! Dieses Motto der Demo finde ich sehr passend. Ich will eine Brücke bauen für alle, die in einer Notsituation sind. Für Asylsuchende. Für Menschen ohne Stimme und ohne Namen. Man nennt sie auch «Sans-papiers» – Menschen ohne Papiere. Viele von ihnen sind durch Krieg oder ihre Fluchtgeschichte traumatisiert. Es braucht einen anderen Blick auf die Migration. Jede Person hat eine eigene Geschichte und ist nicht nur eine Nummer. Wir müssen jedes Asyldossier unter dem Aspekt der Menschlichkeit betrachten. Mit meiner Rede will ich Hoffnung machen, auch den Menschen, die aus Angst schweigen.

Zur Person

Cyprien Baba ist 1965 in Côte d’Ivoire geboren. Als Lehrer engagierte er sich bereits dort gewerkschaftlich mit einem Schulstreik für bessere Arbeitsbedingungen. 2009 kam er im Rahmen einer Familienzusammenführung in die Schweiz zu seiner Frau und den zwei Kindern. Seit 2016 ist Baba Mitglied des Gemeinderats von Le Locle NE und präsidiert die lokale Sektion des POP (Parti Ouvrier Populaire). Er arbeitet als Abwart in einer Uhrenfabrik der Swatch Group und führt mit seiner Familie einen Laden für afrikanische Produkte in Le Locle. 

Welches Schweigen und welche Angst meinen Sie?
Ich kenne Leute, die sich nicht mal getrauen, den Flyer einer Gewerkschaft zu nehmen. Geschweige denn, einer Gewerkschaft beizutreten. Diese Menschen sind oft Opfer von Ungerechtigkeiten oder Willkür. Sie trauen sich jedoch nicht, ihre Rechte geltend zu machen, weil sie für sich und ihre Familien auf keinen Fall die Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz riskieren wollen. In der Schweiz gibt es je nach Herkunft grosse rechtliche Unterschiede: Für Staatsangehörige der EU und der Efta ist eine B-Bewilligung in der Regel fünf Jahre gültig und unter bestimmten Bedingungen verlängerbar. Für Staatsangehörige aus Drittstaaten muss diese Bewilligung oft jährlich verlängert werden und unterliegt strengen Auflagen, insbesondere dem Vorliegen eines Arbeitsvertrags.

Wer keine Arbeit hat, muss die Schweiz verlassen? 
Ja, diese Gefahr schwingt immer mit. Der Kampf gegen Diskriminierung, auch beim Zugang zum Arbeitsmarkt, ist ein wichtiges gewerkschaftliches Anliegen. Deshalb setzt die Unia sich auch für die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ein, für einen sicheren Aufenthaltsstatus und eine stärkere Teilhabe am politischen Leben.

Und welche Erfahrungen mit Diskriminierung haben Sie persönlich gemacht?
Ich bin Angehöriger einer «sichtbaren Minderheit», wie ich es gerne sage. In der Regel begegnet man mir mit Respekt. Rassismus gibt es eher hintenrum oder online. Eine besonders schockierende Szene habe ich zu Hause erlebt: Ein Nachbar hat die Wasserzufuhr zu unserem Wohnhaus abgestellt, ohne uns darüber zu informieren. Als ich feststellte, dass in unserer Wohnung kein Wasser mehr lief, ging ich in den Keller, um den Wasserhahn wieder aufzudrehen. Ein paar Minuten später klingelte es an meiner Tür. Als ich öffnete, war ich überrascht, zwei Polizeibeamte vorzufinden, die von diesem Nachbarn gerufen worden waren. Ohne meine Version der Ereignisse anzuhören, fing einer der Beamten an, mich anzuschreien: «Wir sind hier nicht in Afrika!» Sie können sich sicher vorstellen, wie fassungslos meine ganze Familie war.

Bern: Grosse Demo

Die Unia ruft gemeinsam mit Solidarité sans frontières und anderen Organisationen zur grossen Kundgebung für eine menschenwürdige Migrationspolitik in Bern auf: Samstag, 26. September, 14 Uhr, Schützenmatte.
Weitere Infos: demo.sosf.ch

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