Preisgekrönte Foto-Serie
Die Spuren der Flucht

Der Fotojournalist Klaus Petrus will an den Bildern in unseren Köpfen kratzen und so dem «Feindbild Flüchtling» radikale Menschlichkeit entgegensetzen. 

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AN DER BOSNISCH-KROATISCHEN GRENZE: Aziza S. (37) ist 2018 zusammen mit ihrem Ehemann und den zwei gemeinsamen Söhnen aus Afghanistan geflüchtet. (Foto: Klaus Petrus)

Seit zehn Jahren besucht der Fotograf und Journalist Klaus Petrus (58) die Menschen entlang der sogenannten Balkanroute. Nicht alle Geflüchteten entlang der Grenzregionen von Ungarn, Serbien, Bosnien und Kroatien leben in offiziellen Camps, sondern im «Jungle», in zerfallenen Häusern oder improvisierten Unterkünften. 

Klaus Petrus teilt immer wieder ihren Alltag. Seine Fotos zeugen von dieser Nähe. Viele dieser Menschen leben jahrelang im Grenzgebiet, versuchen dutzendmal, über die Grenze zu kommen, und werden immer wieder mit gewalttätigen Pushbacks daran gehindert. Die Folgen sind oft Verletzungen von Schlägen oder gebrochene Beine, die sie dann in ihren improvisierten Unterkünften auskurieren. Bis zum nächsten Versuch.

Menschen mit Ecken und Kanten

Mit seinen preisgekrönten Fotos will Petrus den stereotypen Bildern in unseren Köpfen etwas entgegenhalten. Petrus sagt:

Die Bilder von Geflüchteten, die viele von uns im Kopf haben, können sehr rasch in Feindbilder umschlagen.

Er will die Menschen zeigen, mit ihren Ecken und Kanten, möglichst viele Facetten von Flucht. Dazu gehören auch alltägliche Momente, wie das gemeinsame Kochen, Spiele oder das Teilen von Erinnerungen. Petrus: «Die Handys sind zentral für Geflüchtete. Sie sind die einzige Informationsquelle. Aber auch der einzige Bezug zu ihren Familien, mit Bildern ihrer Vergangenheit.»

Was sind das für Menschen, die er trifft? «Am Anfang waren es hauptsächlich junge Männer aus Pakistan, Afghanistan, Iran oder Irak.» Sie sind meist gut ausgebildet, können Englisch und werden von ihren Familien finanziell unterstützt, um in Europa eine neue Existenz aufzubauen. Auf ihnen lastet die Verantwortung, «es zu schaffen». Heute sind auch viele Menschen aus Nordafrika auf dieser Route unterwegs: «Viele fliehen vor der Armut und Perspektivlosigkeit.» 

Zur Person

Klaus Petrus ist im Wallis in einer Arbeiter- und Bauernfamilie aufgewachsen. Bis 2012 war er Philosophieprofessor an der Uni Bern. Heute berichtet er als Fotojournalist über Flucht, Armut und Ausgrenzung. Er ist Co-Leiter des Strassenmagazins «Surprise». 

2022 wurde Klaus Petrus für sein Langzeitprojekt über Migration mit dem Swiss Press Photo Award ausgezeichnet und 2023 erneut für eine Fotoserie über Erntehelfer im Berner Seeland. 2025 erschien sein Fotobuch unter dem Titel «Spuren der Flucht» (Aswad Verlag), es gewann den zweiten Platz des Deutschen Fotobuchpreises 2025. Die Bilder «Spuren der Flucht» sind im Oktober in der Photobastei in Zürich zu sehen.

KLAUS PETRUS: Vom Professor zum Fotojournalisten. (Foto: zvg / Gabrielle Christen)

Aber es gibt auch viele Kinder im Alter von 12 oder 13 Jahren, die sich alleine durchschlagen müssen. Und Familien mit Kleinkindern. Gerade hier sei das Machtgefüge an den Grenzübergängen besonders krass. Bis auf die Zähne bewaffnete Polizisten stünden Familien mit Rucksäcken gegenüber. Petrus: «Was müssen für Bilder in unseren Köpfen sein, damit wir anderen Menschen in Anwesenheit von Kindern Gewalt antun können?» Klaus Petrus fordert «radikale Menschlichkeit»:

Wenn es nur noch dieses Bild des bedrohlichen Flüchtlings gibt, verschwindet der Mensch dahinter komplett. Ich möchte an diesem Bild kratzen. Im Kopf aufräumen.

Diese Entmenschlichung, dieser Verlust der Empathie, sei für uns als Gesellschaft verheerend. «Der Preis für den Verlust der Menschlichkeit kann sehr hoch sein.» Vielmehr sollten wir Geflüchtete als Arbeitsmigrantinnen und -migranten sehen. Denn Arbeitsmigration gehöre zur Schweizer DNA.

VERFALLENE BARACKE: Amar Zain aus Pakistan ausserhalb von Horgoš an der serbisch-ungarischen Grenze. Er floh 2015 vor den Taliban. (Foto: Klaus Petrus)
OHNE BESITZER: Zurückgelassenes Kleidungsstück bei Vučjak nahe der bosnisch-­kroatischen Grenze. (Foto: Klaus Petrus)
KINDERSPUREN IM SCHLAMM: Zurückgelassenes Spielzeug auf einer Strasse zur kroatisch-slowenischen Grenze. (Foto: Klaus Petrus)
DER LANGE WEG: Eine iranische Familie macht sich von der bosnischen Stadt Šturlić aus auf den Weg an die kroatische Grenze. (Foto: Klaus Petrus)
WAS ZURÜCKBLEIBT: Graffiti am verlassenen Busbahnhof in Belgrad, Serbien. Hier waren einst zahlreiche Geflüchtete gestrandet und trotzten im Winter in Decken gehüllt der Kälte. (Foto: Klaus Petrus)
ANGEKOMMEN IN FRANKFURT: Sultan Amid (32) aus Afghanistan floh 2021 aus Kabul über den Iran und die Türkei quer durch den Balkan; dort sass er fast zwei Jahre fest. (Foto: Klaus Petrus)
FAMILIEN AUF DER FLUCHT: Das Kind schläft in einem Zelt in einem verlassenen Haus in Bosanska Bojna an der bosnisch-kroatischen Grenze. (Foto: Klaus Petrus)
VIELE HABEN SICH VEREWIGT: Eine von Geflüchteten beschriebene Wand in einem verfallenen Altersheim in Bihać, Bosnien. (Foto: Klaus Petrus)
SCHICKSALSGEMEINSCHAFT: Geflüchtete in einer verfallenen Baracke ausserhalb von Horgoš
an der serbisch-ungarischen Grenze. (Foto: Klaus Petrus)
MENSCHLICHKEIT: Omran D. (23, links) und Mashoq A. (25) in einem verfallenen Gebäude ausserhalb von Horgoš an der serbisch-ungarischen Grenze. (Foto: Klaus Petrus)
BRUTALE PUSHBACKS: Handverletzungen eines Geflüchteten nach der Gewaltanwendung ungarischer Grenzpolizisten, als er versucht hatte, über die Grenze zu gelangen. (Foto: Klaus Petrus)
ABLENKUNG: Geflüchtete spielen Fussball ausserhalb von Horgoš an der serbisch-ungarischen Grenze. Viele von ihnen steckten bereits Wochen und Monate dort fest. (Foto: Klaus Petrus)
NOTDÜRFTIGE UNTERKUNFT: Eine zerfallene Automobilgarage ausserhalb von Velika Kladuša, Bosnien, nahe der kroatischen Grenze, in der Geflüchtete Unterschlupf gefunden haben. (Foto: Klaus Petrus)

Bern: Grosse Demo

Die Unia ruft gemeinsam mit Solidarité sans frontières und anderen Organisationen zur grossen Kundgebung für eine menschenwürdige Migrationspolitik in Bern auf: Samstag, 26. September, 14 Uhr, Schützenmatte.
Weitere Infos: demo.sosf.ch

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