Indien
«Faules Ungeziefer» stellt sich gegen den politischen Hinduismus

Wie ein Streik beim Eiffelturm, Kakerlaken und der Aufstand gegen Indiens Ulatranationalisten zusammenhängt.     

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WIEDERSTAND GEGEN DIE REGIERUNG: In Indien wächst die so genannte Kakerlaken-Bewegung. (Foto: Keystone)

Die Internet-Seite des Pariser Eiffelturms kündigte eine «verspätete Öffnung» an. Das war gelogen. An diesem 7. September hielt ein Streik des Personals den Eiffelturm den ganzen Tag geschlossen. Der Protest richtete sich gegen eine sexistische Weisung der Betreiberfirma SETE. Zwei Tage zuvor hatte sie den weiblichen Angestellten befohlen, unsichtbar zu bleiben, sich in geschlossene Innenräume zu verdrücken. Türsteherinnen waren durch Männer ersetzt worden. Begründung: Eine Delegation der hinduistischen Organisation BAPS (Bochasanwasi Akshar Purushottam Swaminarayan Sanstha) war zu einem «privilegierten Besuch» geladen. Den Religiösen seien «Interaktionen» mit Frauen nicht zuzumuten. Betriebsrätin Diane Davoine von der Gewerkschaft CGT nennt das «einen schweren Verstoss gegen Gleichheit und das Diskriminierungs-Verbot.»

Flottenparade auf der Seine

Obschon sich die Exilvereinigung «Indische Allianz Paris» sofort mit den Streikenden solidarisierte, ereiferten sich darauf etliche Politiker und Politikerinnen gegen die Hindus. Reichlich heuchlerisch: Der BAPS wurde in Paris der rote Teppich ausgerollt. Am Tag des Besuchs paradierte sie mit einer Flotte auf der Seine, um die Eröffnung eines riesigen Hindutempels im Osten der Hauptstadt zu feiern, unweit von Disneyland Paris. Dreizehn Tage lang jubelte das offizielle Frankreich mit. Eine Trophäe für den rechtsextremen indischen Regierungschef Narendra Modi, der in einer Botschaft zur Tempel-Einweihung frohlockte, BAPS bringe «das Licht nach Europa und in die Welt».

Für renommierte Indienforscher wie Christophe Jaffrelot vom Pariser Zentrum für Internationale Studien (CERI) ist BAPS nur eine «marginale, fundamentalistische Sekte» im Hinduismus, der ein breites Spektrum von Glaubensrichtungen kennt. Aber mit einer Million Mitgliedern, 1500 Tempeln und 5000 Zentren in aller Welt (vor allem in den USA und Grossbritannien) ist sie Teil des Machtapparates, mit dem Modi Indien brutal regiert und seine Grossmachtambitionen nährt (Indien, 1,5 Milliarden Menschen, hat die Atomwaffe und ein Raumfahrtprogramm). In der rechtsextremen Internationale mischt Modi kräftig mit: So spielten bei den anti-muslimischen Krawallen in Grossbritannien im Juni 2024 und dieser Tage wieder, mehr als 200 indische Social Media-Konten eine zündende Rolle.

Entsprechend wird der indische Premier bei seinen Yogi-Auftritten («Ich bin ganz Frieden!») im Westen hofiert. Von Donald Trump sowieso: «Modi ist ein wunderschöner Mann.» Aber auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zeigt sich mit «meinem grossen Freund» Modi gerne händchenhaltend. Nicht nur, weil der gerade für 33 Milliarden Franken französisches Kriegsgerät (Rafale-Kampfflieger, Raketen etc.) gekauft hat. Paris würde gerne etwas strategisches Gewicht im indo-pazifischen Raum zurückgewinnen.

MODI, MON AMOUR: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit Indiens Regierungschef Narendra Modi. (Foto: Keystone)

Wäre da nicht das Ungeziefer ...

Nur, zuhause schlägt Modi derzeit heftiger Widerstand entgegen. In direkter Linie der Gen-Z-Rebellionen in Nepal, Indonesien, Marokko, Bangladesh, Peru und anderswo protestierte Indiens Jugend in diesem Sommer gegen Korruption, fehlende Chancen, die endemische sexistische Gewalt gegen Frauen, den Hindu-Rassismus, die Unterdrückung der «Dalit» (früher: «Unberührbare»), die autoritäre Herrschaft Modis und seiner Partei, der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei). Die Bewegung nennt sich, in Anspielung an die Hindu-Partei, die «Cockroach Janata Party», Kakerlaken-Partei, CJP.

Es ist die witzige Umkehrung einer Beschimpfung. Nachdem Studierende im Frühsommer gegen einen Monster-Skandal um gekaufte Abschlussprüfungen protestiert hatten, nannte sie der oberste Richter des Landes «Junge, die nicht arbeiten, faules Ungeziefer». Ein indischer Influencer in den USA nahm das auf, zwei Tage später tauchten an den Demos die ersten Kakerlaken-Masken auf.

Hindutva: Reaktionär und rassistisch

Indiens globalisierte Generation erkennt sich in Modis «Hindutva» nicht wieder. So nennen seine Strategen ihre ultranationalistische, hinduistische Form der Herrenmenschen-Ideologie. Sie behauptet eine ideale hinduistische Gesellschaft, die es nie gegeben hat. Und weil wir im späten Kapitalismus leben, prägen verschärfte Kasten-Strukturen diese Gesellschaft. Inzwischen läuft in Indien überall blutrünstiger Hindutva-Pop und der typische neue Bollywood-Held rächt reihum imaginäre drangsalierte Hindus.

Andere Religionen oder Zugewanderte haben darin keinen Platz. Journalistinnen, Gewerkschafter, Feministinnen und Menschnerchtler auch nicht. In den vergangenen zwölf Monaten wurden mehr als 1000 Moslem gelyncht, bilanziert die NGO India Hate Lab. Und einige Hunderte Christinnen und Christen. Früher waren Milizen die Täter (auch Modi begann seine Karriere in einer Miliz), heute besorgen dies staatliche Dienste.

Tief gespaltenes Land

Hintergrund ist, wie überall, die Ökonomie. Nach Jahren starken Wachstums gerät die neue Mittelklasse in Indien unter die Räder der Kapital- und Vermögenskonzentration. 200 Milliardäre greifen den neuen Wohlstand ab. Besonders stark betroffen sind junge Diplomierte. Ihre Arbeitslosigkeit liegt, nach Jahren der Anstrengung um eine gute Ausbildung, bei 29,1 Prozent. Insgesamt sind mehr als 50 Prozent, also über 750 Millionen Menschen, aus der Hoffnung gefallen, mit Arbeit ihre Existenz zu verbessern.

Da offenbart sich ein Kern der Rebellion: Die Gen-Z hält die alte Politik für unfähig, die Zukunft zu gestalten. Mit den Kakerlaken holt sich die Jugend die Politik zurück. Der Erziehungsminister musste seinen Hut nehmen, die BJP verlor eine Nachwahl in einem sicheren BJP-Teilstaat (Bihar), Oppositionsführer Rahul Gandhi (vom historischen Nehru-Gandhi-Clan) eilte überrascht hinter den Kakerlaken her.

An deren Protesten nahm auch eine alte Kämpferin teil. Arundhati Roy, global gerühmte Autorin und furchtlose Aktivistin («Indiens Weg in den Faschismus»), sagte am Rande einer Demo:

Jetzt bin ich wieder stolz, Inderin zu sein.

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