Kriminologe im work-Interview
Sind die Ausländer wirklich krimineller, Herr Ajil?

Der Kriminologe Ahmed Ajil (36) kam als Kind aus dem Irak in die Schweiz, wuchs in Oftringen AG auf, arbeitete als Kriminalanalytiker bei der Bundespolizei und forscht heute an der Universität Luzern zu Radikalisierung und Terrorismusbekämpfung. Im Gespräch mit work erklärt er unter anderem, was die Kriminalstatistiken wirklich zeigen und warum in den Medien der Schweizer Täter eine Psyche hat und der ausländische eine Kultur. 

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KRIMINOLOGE AHMED AJIL: «Das Bild vom grundsätzlich, von Natur aus, kulturell bedingt problematischeren und straffälligeren Ausländer geht so nicht auf.» (Foto: Jakob Ineichen) 

work: Ahmed Ajil, Sie haben einmal gesagt, Sie hätten selber geglaubt, die Ausländer seien irgendwie krimineller. Wann war das, und wann haben Sie aufgehört daran zu glauben?
Ahmed Ajil: Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich je aufgehört habe, daran zu glauben. Obwohl ich längst weiss, dass es nicht stimmt. Aufgewachsen bin ich in Oftringen im Kanton Aargau, mit einem hohen Ausländeranteil, und die «Problemkinder» waren halt schon die «Ausländerkinder». Das nimmt man mit. Man schliesst aus dem eigenen Erleben auf gesamtgesellschaftliche Tendenzen. Und wenn man das dann von der Makroebene her immer wieder liest und hört, verfestigt sich dieser Glaubenssatz. Es gab einen Podcast, in dem ein migrantischer Podcaster den Anführer der Jungen Tat interviewt hat. Und in den ersten zehn Minuten schafft es der Rechtsextreme, ihn auf Ausländerkriminalität anzusprechen, und der Podcaster sagte sinngemäss: Ja, ja, wir sind ja schon krimineller, wir sind schon problematischer. Das ist genau die Einstellung, die ich auch aus meiner Kindheit und Jugend mitgenommen hatte: Stimmt, wir sind ja schon problematischer.

Und wann kam der Bruch?
Ziemlich bald im Kriminologiestudium in Lausanne. Dort habe ich mich mit den Quellen auseinandergesetzt: Woher kommen diese Zahlen? Was ist eine polizeiliche Kriminalstatistik konkret, welche Verzerrungen spielen rein, welche Straftaten werden überhaupt erfasst? Als ich begonnen habe, die Zahlen konkret anzuschauen, habe ich gemerkt: Dieses vereinfachte Bild «verhebt» nicht. Für mich war das immer wieder überraschend, auch ein bisschen schockierend. Natürlich gibt es Faktoren, die dazu führen, dass migrantisierte Menschen bestimmte Straftaten begehen. Aber dieses Bild vom grundsätzlich, von Natur aus, kulturell bedingt problematischeren und straffälligeren Ausländer geht so nicht auf. Und dann ist man irgendwann in einer Bubble und denkt, unter Wissenschafterinnen und sogar unter Praktikern verstehen wir ja alle: Das Ganze ist nuanciert. Für mich war dann die Aufgabe, aus diesem Elfenbeinturm rauszukommen und dort anzuknüpfen, wo diese vereinfachten Bilder sind.

Die FDP hat im Januar beschlossen, den Wahlkampf 2027 mit dem Thema Ausländerkriminalität zu führen. Die SVP bewirtschaftet es seit dreissig Jahren. Und die polizeiliche Kriminalstatistik scheint ihnen recht zu geben: 58 Prozent der Beschuldigten sind Ausländer, bei 28 Prozent Bevölkerungsanteil. Was misst diese Statistik?
Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt alle Vorfälle, die von der Polizei erfasst und dem Bundesamt für Statistik weitergegeben werden. Häufig reagiert die Polizei: Jemand wird angezeigt, sie erfasst das und ermittelt. Oder sie ist proaktiv unterwegs, geht an bestimmte Orte, kontrolliert Personen, und dann kommen Straftaten zum Vorschein. Und hier haben wir schon die erste Verzerrung: Wohin geht denn die Polizei?

Wohin geht sie?
In der Kriminologie sprechen wir von Hotspot Policing. Und was ein Hotspot ist, ist geprägt vom Gefahrenradar, den die Polizei für sich entwickelt. Das führt dazu, dass es in prekarisierten Gegenden, bei prekarisierten Teilen der Bevölkerung häufiger zu Anzeigen kommt – vielleicht auch effektiv häufiger zu Straftaten –, und das füttert sich dann gegenseitig: Wenn ich weiss, in dieser Gegend passiert immer wieder etwas, gehe ich dahin, und dann werde ich bestimmt fündig. Dazu kommt der Druck, Zahlen zu liefern. Das kennt man seit den neunziger Jahren aus New York, es heisst Compstat-Modell: Du musst zeigen, dass du aktiv bist und dass die Bevölkerung dich braucht, also brauchst du Anzeigen und Fälle. Und Fälle bekommt man eigentlich egal, wo man schaut. Alle haben schon mal eine Straftat begangen. Die Frage ist, wer und was kontrolliert wird.

Und die zweite Verzerrung?
Das Anzeigeverhalten der Bevölkerung. Wer wird eher angezeigt? Wen nimmt man als bedrohlich, als fremd wahr? Bei wem hat man mehr Toleranz, weil man das Gefühl hat, diese Person kenne ich, ich kenne vielleicht die Familie, ich fühle mich ihr näher? Konflikte zwischen Personen, die sich als nah verstehen, werden häufig ohne Polizei geregelt: Wir regeln das. Wenn dieser Bezug fehlt und die Person zudem mit problematischem Verhalten assoziiert wird, kommt es eher zu einer Anzeige. Für die Schweiz gibt es dazu wenig Forschung, aber aus anderen Ländern wissen wir: Das spielt rein.

RÄUMT MIT FALSCHEN INTERPRETATIONEN AUF: Kriminologe Ahmed Ajil. (Foto: Jakob Ineichen)

Verkürzt gesagt: Die Kriminalstatistik misst, wie fleissig die Polizei war.
Beim proaktiven Teil, also dort, wo die Polizei von sich aus tätig wird, ja. Das Interessante ist: Bei den schweren Straftaten, bei Tötungsdelikten, bei versuchten Tötungen, reagiert die Polizei auf etwas, das an sie gelangt. Dort gleicht es sich aus, dort haben wir keine grossen Unterschiede zwischen Ausländern und Schweizern. Beim proaktiven Vorgehen aber müssen wir davon ausgehen, dass die Verzerrungen der Polizei voll reinspielen. Das hat auch damit zu tun, dass unsere Polizeikorps überhaupt nicht repräsentativ für die Bevölkerung sind. Wir haben kaum Diversität in der Polizei, entsprechend wenig Verständnis der Lebenswelten. Und wir haben einen Diskurs über Ausländer und ihr kriminelles Verhalten, den wir in der Polizei verstärkt wiederfinden.

Wer sind denn «die Ausländer» in der Statistik überhaupt?
Wenn man genau hinschaut, sind das drei Kategorien, die in diese 58 Prozent gezählt werden. Erstens die ständige Wohnbevölkerung, Leute mit B- oder C-Ausweis. Das ist mit 32 Prozent aller Beschuldigten die grösste Gruppe. Vereinfacht gesagt sind Menschen mit B- und C-Ausweisen oft hier geboren, schweizerisch sozialisiert, haben hier die Schule besucht, arbeiten hier. Sie haben einfach nie den Schweizer Pass bekommen. Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der restriktivsten Einbürgerungspolitik. Das heisst, man hat bei dieser Gruppe Leute, die statistisch als Ausländer gezählt werden und nicht als Schweizer Kriminelle, obwohl sie hier aufgewachsen sind.

Die zweite Gruppe?
Asylsuchende, Personen mit N-, F- oder S-Ausweis. Das sind knapp 6 Prozent aller Beschuldigten. Also relativ wenig. Und dort muss man berücksichtigen: Asylsuchende sind viel prekäreren Lebensumständen ausgesetzt, und diese Lebensumstände sind kriminalitätsbegünstigend. Dazu kommt eine ganze Palette von Straftaten, die nur diese Personen begehen können: illegale Einreise, illegaler Aufenthalt. Wer den Aufenthaltsstatus verliert, weiterhin da ist und kontrolliert wird, erscheint in der Statistik als Straftäter. Oder jemand will in der Schweiz einen Asylantrag stellen, kommt über die Mittelmeerroute aus Italien in die Schweiz und hat mit der illegalen Einreise eine Straftat begangen, die in der Statistik aufscheint. Aber eigentlich ging es darum, einen Asylantrag zu stellen. Und das ist nicht illegal.

Und die dritte?
Personen, die gar nichts mit der Schweiz zu tun haben: Touristen, Grenzgänger, Kurzaufenthalter oder sogenannte Kriminaltouristen, die wirklich nur für Einbrüche kommen und das Land wieder verlassen. Das sind 20 Prozent aller Beschuldigten. Das Gerede von der Ausländerkriminalität nimmt die drei Kategorien und mischt sie zusammen, völlig undifferenziert. Man hat das Gefühl, man redet von den Ausländern, die hier leben. Wenn man aber nur die anschaut, die hier gross geworden sind oder hier leben, sieht man: Die sind nicht oder kaum krimineller.

Zur Person

Ahmed Ajil (36) ist promovierter Kriminologe. Im Irak geboren, kam er als Dreijähriger in die Schweiz und wuchs in Oftringen AG auf. Er studierte in Genf, Exeter, Lausanne und Québec, war Analytiker beim Bundesamt für Polizei (Fedpol) und forscht heute an der Universität Luzern zu Radikalisierung und Terrorismusbekämpfung. Gemeinsam mit dem Sozialarbeiter Kambez Nuri macht er den Podcast «Keshmesh» über Migration, Macht und Männlichkeit; gemeinsam beraten sie auf der Plattform «Vorsicht Manosphere!» Eltern von Jugendlichen, die in frauenfeindliche Onlinewelten abdriften. Ajil lebt mit seiner Tochter in Bern.

Trotzdem: Gemessen an der Bevölkerung sind es 0,6 Prozent der Schweizer und 1,2 Prozent der ausländischen Wohnbevölkerung. Das Doppelte.
Umgekehrt heisst das: Etwa 99 Prozent der Menschen tauchen nicht in der Statistik auf, unabhängig davon, ob sie einen Schweizer Pass haben oder nicht. Das wäre eigentlich die Botschaft. Und es gibt noch eine Differenz: Die ausländische Wohnbevölkerung ist jünger, und die Hauptrisikogruppe sind junge Männer. Sie ist mehr Faktoren ausgesetzt, die Kriminalität begünstigen: weniger Einkommen, schwierigere Jobs, mehr Stressfaktoren, mehr Kontrollen. Wenn ich einen 25jährigen mit C-Ausweis nehme, der im Arbeitsmarkt eingebunden ist, ein normales Einkommen hat, ein normales Umfeld, und einen 25jährigen mit Schweizer Pass in ähnlichen Verhältnissen, dann gibt es keinen Unterschied im Delinquenzverhalten. Dann ist «ausländisch» gar kein gutes Merkmal, um Unterschiede in der Kriminalität zu erklären.

Viele Menschen sind überzeugt: Selbst wenn man alles herausrechnet, bleibt ein unerklärter Rest.
Mein Ansatz ist: Räumen wir zuerst mit den Verzerrungen auf, dann sind wir irgendwo bei einer Zahl. Und wenn wir dann Alter, Geschlecht und Lebensverhältnisse berücksichtigen, verschwinden diese Reste faktisch.

Bleibt die Asylbevölkerung. Dort liegt die Rate mit über vier Prozent siebenmal höher als bei Schweizern. Das ist mit dem Alter allein nicht zu erklären.
Nein, nicht allein. Aber schauen wir, wer das ist: eine kleine Gruppe, extrem jung, fast nur Männer, ohne Arbeit, weil sie nicht arbeiten dürfen, mit Nothilfe, in Kollektivunterkünften, oft ohne Bleibeperspektive. Ein Teil der Delikte sind Kontrolldelikte: Wer täglich kontrolliert wird, taucht öfter in der Statistik auf. Und der Rest ist genau das, was die Kriminologie seit hundert Jahren weiss: Wer nichts zu verlieren hat, den hält weniger von strafbarem Verhalten zurück. Das ist kein Kulturbefund, das ist ein Befund über Lebensumstände. Lebensumstände die wir mit der Asylpolitik zum grössten Teil selber herstellen. Übrigens: 2025 ist die Zahl der Beschuldigten aus dem Asylbereich um zwölf Prozent gesunken.

Die andere Zahl, mit der gern gearbeitet wird: 73 Prozent der Menschen in Schweizer Gefängnissen haben keinen Schweizer Pass. Wer sitzt da?
Es gibt unterschiedliche Regime, wie man im Gefängnis sein kann. Ein grosser Anteil hat mit Untersuchungshaft zu tun. Untersuchungshaft ist eine strafprozessuale Haft, da ist noch keine Straftat richterlich festgestellt. Wir haben eine beschuldigte Person und sagen: Damit sie nicht wegläuft, damit sie die Ermittlungen nicht stört, damit sie sich nicht mit anderen abspricht, damit sie eine Drohung nicht wahrmacht oder die Tat nicht wiederholt, steckt man sie rein. Das sind die Kriterien. Und die werden unterschiedlich ausgelegt, je nachdem, ob die Person einen Aufenthaltsstatus hat oder nicht. Eine Person ohne Aufenthaltsstatus finden wir sehr viel häufiger in der Untersuchungshaft, weil das Risiko besteht, dass sie weggeht. Sie hat weniger zu verlieren. Bei einer Person, die eingebunden ist, die einem Job nachgeht, deren Familie da ist, wissen wir: Die haut nicht so einfach ab.

Und wer einen Schweizer Pass und einen weiteren hat?
Das ist das Interessante. Jemand mit einer zweiten Nationalität aus dem Balkan, der wegen Drogendelikten beschuldigt wird – da kommt häufig das Argument: Der hat ja eine Familie unten, der ist einmal pro Jahr dort, eigentlich könnte der flüchten. In dieser Auslegung finden wir wieder Verzerrungen: Ich gehe lieber auf Nummer sicher und stecke die Person in den Knast. Und wenn man einmal in der U-Haft drin ist, sind die Anträge meistens auf drei Monate ausgelegt, die Staatsanwaltschaften sind überlastet. Die Zwangsmassnahmengerichte akzeptieren diese Anträge zu über neunzig Prozent, in einigen Kantonen fast zu hundert. Es gibt kein Gegengewicht. Niemand will den Kopf hinhalten, wenn etwas passiert. Und wer zahlt dafür? Meistens die Personen, die weniger Ressourcen haben. Nicht der, bei dem der eine Onkel Anwalt ist und der andere CEO. Bei dem überlegt man doppelt. Die anderen wehren sich auch weniger, und die finden wir häufiger in der U-Haft.

Und im Vollzug?
Dort gibt es eine andere Verzerrung: die bedingte Entlassung. Wer eine Strafe absitzt und sich mehr oder weniger gut verhält, kommt standardmässig nach zwei Dritteln raus und verschwindet aus der Statistik. Personen ohne Aufenthaltsstatus oder mit anschliessendem Landesverweis sitzen meistens bis zum letzten Tag der Strafe. Das heisst: Bei einer zehnjährigen Haftstrafe hat man diese Person über drei Jahre länger in der Statistik, nur weil sie keinen Aufenthaltsstatus hat. Und bei denen, die ausländisch gelesen werden und denen das System die Glaubwürdigkeit abspricht, finden wir tendenziell auch mehr, die nach dem Zweidritteltermin noch drin sind. Das alles füttert die 73 Prozent.

FORSCHER UND PODCASTER: Ahmed Ajil. (Foto: Jakob Ineichen)

Welche Formen von Kriminalität sind sichtbar, werden kritisch angeschaut und kommen in die Statistiken?
Das sind häufig Formen, die von Gruppen begangen werden, die in der Gesellschaft schwächer sind: Drogendelikte, Drogenkonsum, Gewalttaten. Ich sage häufig: Der Sohn eines Anwalts muss sich nicht mit Fäusten durchsetzen. Der weiss, ich habe den Papa, der dem anderen mit dem Rechtsstaat auf die Pelle rückt. Das sind ganz andere Ausgangslagen. Es ist interessant, welche Formen toxischer Männlichkeit mit dem System in Konflikt geraten und welche sehr gut mit dem System verträglich sind und unter der Oberfläche bleiben.

In allen Kriminalstatistiken sind Männer massiv übervertreten. Warum reden wir viel öfter über Ausländerkriminalität und nicht von Männerkriminalität?
Es ist politisch viel interessanter, das Problem auslagern zu können: Das ist der Ausländer, der importiert das Problem. Das macht man auch bei häuslicher Gewalt – häusliche Gewalt sei ein Problem der Ausländer. Aber auch das geben die Zahlen nicht her. Es ist bequemer für verschiedene politische Interessen, das Problem auszulagern. Es vermittelt ein Gefühl von Sicherheit in der Logik: Ich weiss, wo ansetzen. Ich habe einen Sündenbock. Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, wie wir mit Tragödien umgehen. Wir haben ein Bedürfnis, mit dem Finger auf etwas oder jemanden zu zeigen. Einfache Erklärungen sind willkommen. Zum Beispiel: «Wir müssen eine härtere Asylpolitik machen und aggressiver ausbürgern, dann ist das Problem gelöst.» Das ist natürlich einfacher und bequemer, als sich zu fragen, wieso Männer so sozialisiert sind, dass Gewalt eine Option ist.

Es gibt neuerdings auch wissenschaftliche Stimmen von rechts, die sagen: Das ist ein kulturelles Problem. Wer Männlichkeit oder Armut verantwortlich mache, betreibe «ideologische Desinformation». 
Dann frage ich zurück: Was ist mit Kultur gemeint? Nehmen wir einen jungen Afghanen in der Schweiz. Der sagt: «Von welcher Kultur redest du? Ich habe mit meinem Vater und meinem Bruder mehr Differenzen als mit meinen Kollegen hier.» Und die allermeisten Afghanen werden nie straffällig. So wie die wenigsten Menschen im Irak und in der Schweiz. Überall ist es ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung, der Straftaten begeht. Mit einem Messer auf jemanden loszugehen ist auch in Kabul oder Bagdad nicht «Kultur».

Woher kommt es, dass beim Schweizer Femizid-Täter politisch und medial die Psyche «schuld» ist – er war verzweifelt, er wusste nicht mehr weiter – und beim Täter vom Balkan die Kultur?
Das ist auch international gut erforscht: Wir psychologisieren und individualisieren Gewalttaten, wenn sie von weissen Männern kommen. Und wir kollektivieren sie, wenn sie von Menschen kommen, die wir kulturalisieren. Aktuell sind das häufig muslimisch gelesene Menschen. Oder einfach fremd gelesene: Bei einem Schwarzen, der nicht Muslim ist, heisst es dann, das sei die afrikanische Kultur.

Warum funktioniert das so zuverlässig?
Weil es ein Entlastungsmechanismus ist. Wenn ich in meinem Umfeld den Fritz und den Pascal habe, weiss ich: Die haben alle ihre Probleme. Ich spreche ihnen Individualität zu und frage nach ihrer biographischen Geschichte. Aber die andere Gruppe kenne ich häufig nur über Stereotype, über das, was ich über Muslime oder über bestimmte Regionen zu wissen glaube. Ich habe weniger Nuancen, und meine Bereitschaft nachzufragen ist verringert. Genau bei dieser selektiven Bereitschaft nachzufragen, da kommen die Verzerrungen rein. Das ist auch ein Problem des Journalismus: Wie divers ist er? Wie sehr sind andere Lebenswelten vertreten? Und wie sehr werden kritische Perspektiven marginalisiert? Ich merke es in meiner eigenen Arbeit: Meine Perspektive macht ganz viele Menschen wütend. Und dann wird mir die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Wir müssen uns also nicht nur fragen, was wir der Gesellschaft aktiv vermitteln, sondern auch, welche Stimmen marginalisiert werden, wenn sie sich gegen diesen Diskurs wehren.

Gibt es einen Punkt, an dem diese Erzählungen zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden und migrantische Jugendliche das Bild erfüllen wollen, das man medial von ihnen zeichnet?
In der Kriminologie sprechen wir vom Etikettierungseffekt: Man nimmt die Etikette an, die konstant auf einen projiziert wird. Das beobachten wir. Als Jugendlicher versuchst du zu verstehen, wer du bist. Du lernst dich kennen über die Blicke der anderen. Und wenn durch diese Blicke immer wieder die Projektion durchsickert, du hättest eine Tendenz, dies und das zu tun, dann übernimmst du diese Projektionen. Das ist ein Schmerz, den man verarbeiten muss, auch eine Scham. Und dann hast du Vorbilder, die aus dieser migrantischen Realität ein Business machen: Rapper wie Haftbefehl etwa oder Bushido. Die Art, sich als Migrant zu behaupten, führt dort über ein aggressives Auftreten: Ich lasse mir nichts gefallen, wenn es sein muss, greife ich zu Gewalt. Das sind Entwürfe, die versprechen: «Du kannst jemand werden, auch wenn oder gerade weil das System dich ausgrenzt.» Es gibt für migrantische Jugendliche also das Angebot zu sagen: Wenn ihr mich immer zum problematischen ausländischen Jugendlichen macht, dann werde ich es halt auch.

Wann haben Sie sich zum ersten Mal als «der Ausländer» gefühlt?
Ich weiss nicht mehr genau wann, aber ich weiss, dass ich mich ungerecht behandelt fühlte – und erst viel später verstanden habe: Das war wirklich ungerecht. Wir waren als Gruppe mit dem Velo unterwegs, bei einem ist die Kette rausgesprungen, wir haben sie repariert, ich dachte, wir seien fertig, und bin mit einem anderen weitergefahren. Danach wurde ich zusammengestaucht. Mir wurde nicht zugestanden, dass ich etwas falsch verstanden haben könnte. Es hiess: Das hast du absichtlich gemacht. Damit wurde ich immer wieder konfrontiert, diese Strenge, mit der ich behandelt wurde, war nicht gerechtfertigt. Welche Jugendlichen gelten als problematisch? Und zu welchem Schluss tendieren wir im Zweifelsfall? Bei migrantisierten Jugendlichen kommt das Misstrauen häufiger vor. Ihre Glaubwürdigkeit steht immer auf dem Spiel.

AHMED AJIL: «Wir psychologisieren und individualisieren Gewalttaten, wenn sie von weissen Männern kommen. Und wir kollektivieren sie, wenn sie von Menschen kommen, die wir kulturalisieren.» (Foto: Jakob Ineichen)

Sie leben seit der Kindheit in der Deutschschweiz und haben in der Westschweiz studiert. Haben Sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht?
In der Westschweiz ist die Diversität vielleicht weiter fortgeschritten, es gibt Personen mit Migrationsgeschichte in unterschiedlichen Positionen. Noch längst nicht genug, aber mehr als in der Deutschschweiz. Interessant für mich war: Sobald wir in nationalen Gremien arbeiteten, wurde ich konstant in die Westschweiz gepresst. Man hat mich auf französisch angesprochen. Man hat mir quasi das Schweizerdeutschsein abgesprochen.

Gibt es Momente, in denen Sie auch als Bestintegrierter merken: Ein wirklicher Teil dieser Gesellschaft bin ich noch nicht?
Ich bin auch heute immer wieder überrascht, wenn ich merke, dass das Versprechen der Zugehörigkeit nicht eingelöst wird. Auch wenn ich analytisch immer besser verstehe, woher das kommt. Wenn ich auf der Strasse in gebrochenem Hochdeutsch angesprochen werde, als kleines Beispiel. Oder im Uni-Kontext automatisch auf englisch. Das ist nicht böse gemeint, die Menschen wollen entgegenkommen. Aber es gibt einem das Gefühl: Du bist anders, du gehörst nicht ganz dazu. Besonders stark merke ich das auch, wenn ich auf der Grundlage meiner Forschung systemkritische Aussagen mache. Da ist es dann völlig egal, welche religiöse Praxis ich habe. Da ist es egal, dass ich als Militärpolizeigrenadier Dienst geleistet habe. Perfektes Schweizerdeutsch, Job an Schweizer Uni – alles egal. Ich mache es fast als Experiment: Was braucht es denn alles? Und: Wenn ich mit meinen Ressourcen die Zugehörigkeit nicht hinbekomme, was bedeutet das für Menschen, die weniger Ressourcen haben als ich?

Was braucht es, damit man wirklich dazugehört?
Eine Gesellschaft, die so weit ist, dass es zum Beispiel normal ist, wenn ich mit meiner kleinen Tochter Arabisch rede und man mich dann trotzdem nicht in gebrochenem Deutsch anspricht. Dass wir wissen, Schweizerinnen und Schweizer können ganz unterschiedlich aussehen, und wir diese Vielfalt in unser kollektives Selbstverständnis integriert haben. Dann sind Personen wie ich keine Anomalien mehr. Das ist auch mein Anspruch zu zeigen: Wir sind auch Teil der Schweiz, wir sind diese postmigrantische Schweiz. Es ist nicht ein Nachteil, im Gegenteil: Es ist unglaublich wertvoll, wenn wir Menschen haben, die hier sind und Verknüpfungen in verschiedene Teile der Welt mitbringen.

Ihre Tochter ist fünf. Wird sie als junge Erwachsene die Herkunftsfrage noch gestellt bekommen?
Leider ja, ich denke schon. Diese Dinge bewegen sich langsam. Meine Hoffnung ist, dass wir in ein, zwei Generationen so weit sind. Da stehen gerade die Schulen in der Verantwortung. Sie müssen sichere Orte sein, wo Vielfalt gefeiert und nicht problematisiert wird. Ein Umfeld, wo man sich für eine andere Muttersprache nicht mehr schämen muss. Was mir jetzt schon auffällt: Meine Nichte ist acht. Mein Vater, ihr Grossvater, kam in ihre Schule – in dieselbe Schule in Oftringen, die ich besuchte –, und sie hat ihn vor allen anderen auf arabisch angesprochen. Das ist vielleicht individueller Mut meiner Nichte. Aber sie hat sich nicht geschämt. Das stimmt mich zuversichtlich.

Bern: Grosse Demo

Die Unia ruft gemeinsam mit Solidarité sans frontières und anderen Organisationen zur grossen Kundgebung für eine menschenwürdige Migrationspolitik in Bern auf: Samstag, 26. September, 14 Uhr, Schützenmatte.
Weitere Infos: demo.sosf.ch

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