Gewerkschaften fordern:
Die Löhne müssen mindestens 2,5 Prozent rauf

Die Lohnabhängigen in der Schweiz arbeiten immer produktiver. Doch real verdienen die Arbeitenden in vielen Branchen gleich viel wie vor 10 Jahren oder sogar weniger. Die Gewerkschaften wollen das endlich ändern und verlangen generell 2,5 Prozent mehr Lohn.

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UNIA-PRÄSIDENTIN VANIA ALLEVA FORDERT: Die Arbeitnehmenden müssen von der gesteigerten Produktivität ebenfalls profitieren. (Foto: Manu Friederich)

Wenn am Ende des Geldes noch viel Monat übrig ist, dann ist daran in den wenigsten Fällen ein unseriöser Lebenswandel schuld. Denn die Kaufkraft der Mehrheit sinkt, weil die Löhne nicht mit der Produktivität und der Teuerung Schritt halten. Die Lohnabhängigen in der Schweiz arbeiten Jahr für Jahr produktiver, doch der von ihnen erarbeitete Mehrwert landet bei den Firmenbesitzenden. Die offiziellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Die reale Arbeitsproduktivität stieg zwischen 1995 und 2025 um durchschnittlich 1,2 Prozent pro Jahr. Zwischen 2016 und 2025 betrug das Produktivitätswachstum sogar 1,6 Prozent pro Jahr. SGB-Ökonom David Gallusser formuliert es so:

Leider ist es nicht selbstverständlich, dass der wachsende Wohlstand auch bei den Arbeitnehmenden ankommt.

500 Franken fehlen pro Monat

Und Gallusser hat auch die Zahlen: Der Medianlohn (die eine Hälfte verdient mehr, die andere weniger) dürfte heute bei 7325 Franken pro Monat (12 Monatslöhne, 40-Stunden-Woche) liegen. Teuerungsbereinigt sind das nur 2,2 Prozent mehr als vor 10 Jahren. Also rund 160 Franken. Zum Vergleich: Hätten die Löhne seit 2016 mit der Produktivitätssteigerung Schritt gehalten, läge der Medianlohn heute um fast 500 Franken höher. Doch in den vergangenen Jahren haben die meisten Arbeitgeber die Produktivitätsgewinne kaum weitergegeben und einige sogar den Ausgleich der Teuerung verweigert. Das war nicht immer so. Vor 2016 war das Lohnwachstum stärker. Damals hielten die Löhne mit dem Produktivitätswachstum mehr oder weniger Schritt. So stieg der Medianlohn zwischen 2006 und 2016 teuerungsbereinigt um 9,7 Prozent oder 600 Franken.

Hartnäckige Tieflöhne

In der Schweiz ist immer noch jede zehnte Stelle eine Tieflohnstelle. Das heisst: eine halbe Million Menschen bekommen für einen 100-Prozent-Job weniger als 4323 Franken brutto pro Monat (x13). Besonders viele Tieflohnstellen gibt es in Branchen, in denen vor allem Frauen beschäftigt sind: Im Detailhandel ist jede vierte, in der Reinigung jede dritte und in den Branchen der persönlichen Dienstleistungen – also zum Beispiel im Coiffeurgewerbe, in Kosmetiksalons und Wäschereien – sogar jede zweite Stelle eine Tieflohnstelle. Im Gastgewerbe ist es fast die Hälfte. Schon länger ist sogar eine Berufslehre kein Garant mehr für Löhne, die zum Leben reichen. Fast jede und jeder dritte Gelernte verdient weniger als 5000 Franken im Monat. Bei den Frauen sind es 40 Prozent.

MEDIENKONFERENZ ZU DEN LOHNFORDERUNGEN DER GEWERKSCHAFTEN: (v.l.) Matthias Hartwich, Vania Alleva, Pierre-Yves Maillard und David Gallusser. (Foto: SGB)

Nicht nur bei Berufseinsteigenden

Und wer länger dabei ist, holt nicht auf. Berufserfahrung zahlt sich für Gelernte kaum aus, viele bleiben jahrelang auf demselben zu tiefen Lohn sitzen. Kurz vor der Pension arbeitet noch jede und jeder Fünfte mit Lehrabschluss für weniger als 5000 Franken. Über die Jahre wird daraus ein Minus: Der Medianlohn der über 50-Jährigen ohne Kaderfunktion sank zwischen 2016 und 2024 teuerungsbereinigt um 2 Prozent, während der Median aller Arbeitnehmenden mit plus 0,1 Prozent stagnierte. Das ist bitter: Wer ein Leben lang gearbeitet hat, womöglich noch treu bei der gleichen Firma, hat heute real weniger im Portemonnaie als vor zehn Jahren.

Fortschritte bedroht

Unia-Präsidentin Vania Alleva bringt die Situation so auf den Punkt: «Obwohl dank den Gewerkschaften die Löhne zuletzt wieder etwas aufholten, droht die diesjährige Teuerung die Fortschritte wieder zunichte zu machen.» Und:

Die Löhne sollten nicht nur mit dem Anstieg der Lebenskosten mithalten, sondern auch mit der Arbeitsproduktivität. Sonst wird der von den Arbeitnehmenden erarbeitete Wohlstand zu den Kapitalbesitzern umverteilt.

Das fordert die Unia generell…

Aufgrund der diesjährigen Teuerung, der weiter steigenden Krankenkassenprämien, der zunehmenden Arbeitsproduktivität und der 10-jährigen Stagnation der Reallöhne fordert die Unia deshalb im Lohnherbst:

  1. Erhöhung der Effektiv- und Mindestlöhne um 2,5 Prozent für alle. Insbesondere die Löhne von Frauen, erfahrenen Mitarbeitenden und in Tieflohnbranchen müssen erhöht werden.
  2. Angemessene Mindestlöhne: Keine Löhne unter 4500 Franken und mindestens 5000 Franken für Arbeitnehmende mit Lehrabschluss.
  3. Einführung eines automatischen Teuerungsausgleichs plus eines Mechanismus für regelmässige Lohnverhandlungen über den Teuerungsausgleich hinaus in allen GAV. Nur so kann die Kaufkraft der Arbeitnehmenden langfristig gesichert werden.

…und im Detail

  • In der Industrie: Die Aussichten für die Exportindustrie haben sich verbessert. Auch wenn beispielsweise die Maschinenindustrie nach wie vor unter dem starken Franken leidet, profitieren die Unternehmen von Investitionen in neue Technologien. In der Chemie- und Pharmabranche sind die Margen weiter gestiegen, trotzdem fielen die letztjährigen Lohnerhöhungen knapp aus. In der Uhrenindustrie scheinen die Aufträge nach einer schwierigeren Phase mit Kurzarbeit wieder anzusteigen. Die Produktivität nahm in allen Branchen (Ausnahme: Elektronikbranche) weiterhin deutlich zu. Die Unia-Forderung ist daher für alle Industriezweige: plus 2,5 Prozent. Die Unia will einen vollständigen Ausgleich der Teuerung, eine Vergütung der gewachsenen Produktivität, die in den Industriezweigen deutlich gestiegen ist, sowie einen Lohnausgleich, da die Löhne in den letzten 10 Jahren stagniert haben.
  • Im Detailhandel ist eine Lohnerhöhung notwendig, um die Kaufkraft der Mitarbeitenden trotz steigender Lebenshaltungskosten zu erhalten. Zudem soll das Personal an den Produktivitätssteigerungen des Unternehmens beteiligt werden. Konkret fordert die Unia in den Lohnverhandlungen mit Coop eine Erhöhung von plus 100 Franken auf die effektiven Löhne für alle Mitarbeitenden und die entsprechende Erhöhung der Mindest- und Referenzlöhne.
  • Im Gastgewerbe laufen aktuell die Verhandlungen für einen neuen Landes-Gesamtarbeitsvertrag. Das Ziel der Unia ist, die Mindestlöhne schrittweise substanziell zu erhöhen und Erfahrungszuschläge einzuführen.
  • Im Ausbaugewerbe sind die Auftragslage und auch die Aussichten gut. Jetzt sollem endlich auch jene profitieren, die diesen Boom mit ihrer täglichen Arbeit möglich machen. Deshalb fordert die Unia für die Branchen des Ausbaugewerbes generell 2,5 Prozent mehr Lohn, sowohl bei den Effektivlöhnen als auch bei den Mindestlöhnen. Die Lohnforderungen können je nach Nachholbedarf in den einzelnen Branchen verschieden hoch sein.
  • Die Löhne im Garten- und Landschaftsbau bilden seit Jahren das Schlusslicht der gesamten Bauwirtschaft. Entsprechend gross ist in der grünen Branche der Nachholbedarf. Die Unia fordert darum eine Lohnerhöhung von mindestens 2,5 Prozent.

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