Frankreich
Die Wut der Feuerwehrleute

Frankreich brennt. Doch Präsident Emmanuel Macron brettert mit dem Jet-Ski über die Wellen. Jetzt regt sich Widerstand.

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KÄMPFEN BIS ZUR ERSCHÖPFUNG: Frankreichs Feuerwehrleute treten gegen die Flammen an. (Foto: Getty Images)

29 Tage kämpften 1000 Feuerwehrleute bis zur Erschöpfung, um die Dörfer der Provence zwischen Aix und Draguignan vor den Flammen zu retten. Das gelang nicht überall, und sie riskierten dabei Kopf und Kragen: In einem kritischen Moment umzingelte springendes Feuer rund vier Dutzend der roten Camions und ihre Crews. Ein Wasserbombardement aus der Luft rettete sie in letzter Minute. 

Präsident Brumm-Brumm 

Derweil raste Präsident Emmanuel Macron in Geruchweite der Brandschwaden mit einem Jet-Ski-Boliden über die Wellen des Mittelmeers, in Macho-Pose und Pilotenlook, für ein Foto auf der Titelseite von «Paris Match». Diese Maschinen verbrennen 60 bis 80 Liter Sprit pro Stunde. Macron liebt solche Provokationen. Wir Erfolgreiche, signalisiert er damit, machen, was immer wir wollen. Auch wenn wir damit die Welt in Brand setzen. 

MACHO-POSE: Präsident Macron auf dem Jet-Ski. (Foto: Getty Images)

Für Klimabewegung und Ökologie hegt der französische Staatschef eine feindselige Verachtung. Auf internationalen Konferenzen gibt er den Hüter des Pariser Abkommens von 2015, das die Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen sollte. Doch zugleich hofiert er den Ölkonzernen. Und nirgendwo wird die Klimabewegung so brutal unterdrückt wie in Frankreich. Bis hin zu eigentlichen Feldschlachten wie am 25. März 2023 im westfranzösischen Sainte-Soline (mindestens 190 Schwerverletzte).

Doch nun erhebt sich scharfer Gegenwind. Die Farbe dieses Sommers ist verbrannte Erde. Von Kanada über Spanien (work berichtete: rebrand.ly/brände-madrid), Frankreich, Griechenland bis Indonesien. Die 1,5 Grad sind längst erreicht, zumindest in Europa, dem Kontinent, der sich am schnellsten aufheizt. Was vielen bloss eine (verdrängte) Möglichkeit schien – Feuerstürme, Tausende von Hitzetoten, verdorrte Landstriche, abbröckelnde Alpenmassive –, wird das neue Normal.

Als noch Wasser aus dem Hahn kam

Am 18.  August wurde in 74 von 96 französischen Départements Alarmstufe dunkelrot ausgerufen wegen Trockenheit. Mancherorts ist Wasser aus dem Wasserhahn bereits nur noch eine Erinnerung an bessere Zeiten. 

Also hoffen die Regierenden auf einen kühlen, nassen Herbst. Doch hinter die Erfahrung dieses Sommers kommen sie mit ihrem Gerede von «Öko-Terroristen» (Justizminister Gérald Darmanin) und «Nostalgikern der Öllampe» (Macron) nicht mehr. Das bemisst sich daran, wie kleinlaut die Klimaleugner der Rechten und Rechtsextremen nun nach neuen Sündenböcken suchen.

An der Atlantikküste Frankreichs ist die Metropole Bordeaux einem riesigen Feuersturm gerade knapp entkommen, unter höchsten Anstrengungen der Pompiers und der Bevölkerung. 220' 000 Menschen mussten evakuiert werden. Zwischen dem Cap Ferret, wo sich die Millionäre verlustieren, und Bordeaux brannten 140 '000 Hektaren ab. Als dieser Tage Regierungschef Sébastien Lecornu mit fünf Ministern für eine PR-Operation in den verheerten Ort Le Ponge fuhr, wurde der Tross gnadenlos ausgebuht. Einige, die alles verloren haben, werfen dem Präfekten vor, Le Ponge geopfert zu haben, um die Villen des Cap Ferret zu retten.

Lahme Vögel

Ihrem Zorn lautstark Luft machen die erschöpften Feuerwehrleute. Vier von ihnen sind in den Bränden umgekommen. Die 250 '000 Pompiers Frankreichs (20 Prozent Frauen) sind in neun Gewerkschaften organisiert. Zum ersten Mal haben sie sich jetzt zusammengerauft. Per Warnstreik erzwangen sie eine Aussprache mit der Regierung am 13.  August. Sie kamen mit einem dicken Pack Beschwerden: Zu wenig Personal. Keine sichere Schutzkleidung. Fehlende Löschfahrzeuge, obschon die Grossbrände (mehr als 30 Hektaren) in 20 Jahren um 3000 Prozent zugenommen haben. Sozialdumping: Profi-Retterinnen, die im Süden helfen wollten, wurden angehalten, Ferien zu nehmen und sich als «Freiwllige» zu melden. Denn die kosten nur 7 Franken die Stunde (ein Gewerkschafter: «Und dafür sollen wir unser Leben riskieren?»).

Vor allem die fehlende Luftunterstützung hätte beinahe zur Katastrophe in Bordeaux geführt. Zeitweise war die halbe Flotte der effizienten, aber überalterten Canadair-Löschflugzeuge nicht einsatzfähig. Macron hatte schon vor Jahren neue versprochen – aber das Projekt sogleich schubladisiert.

In der Öffentlichkeit reagieren seine Minister auf Vorwürfe ungehalten. Innenminister Laurent Nuñez am Radio: «Wir sind bestens gerüstet. Schluss jetzt mit diesem Frankreich-Bashing!»

Nuñez lügt wissentlich. Denn zu seinem Pech hatte ein Gewerkschafter eine Sitzung mitgeschnitten. Wir hören, wie der Minister die fehlenden Mittel einräumt. Der Brandbekämpfer darauf: «Was ist, wenn einer demnächst die 18 anruft und niemand kommt?» 18 ist die Nummer der Feuerwehr. Für den 28.  September haben die Pompiers nun einen landesweiten Streik ausgerufen.

Reiche machen die Krise

Für Sophie Binet, Generalsekretärin der Gewerkschaft CGT, illustriert die Not der Feuerwehr die Zerstörung des Service public. Pflege, Schule, Sozialversicherung oder eben Rettung, überall spiele dieselbe Strategie macronistischer Austerität. Sie ermöglicht Steuersenkungen für die Reichsten und den jährlichen Transfer von mehr als 100 Milliarden Euro zu den Konzernen.

Die Hitze dieses Sommers brachte das kaputtgesparte Gesundheitswesen an den Rand des Kollapses. Im Spital von Orléans etwa lag im Juli eine 82jährige Patientin sechs Tage und fünf Nächte auf einer Notfalltrage in einem Korridor. Wie eine neue Studie der NGO Oxfam belegt, ist die Klimakrise sozial selektiv: Die Reichen machen sie, die weniger Betuchten erleiden sie. Ungleicheit sorgt für Überhitzung. Sophie Binet: «Deshalb schreit sie nach massiven Investitionen in den Servic public. Jetzt.» 

Niemand wollte über die Klimakrise sprechen. Jetzt ist sie das erste Thema im Präsidentenwahlkampf 2027, der dieser Tage beginnt.

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