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Schreinerin Nadine Aeschlimann schmiss das Gymi, weil sie anpacken will

Etwas Schönes und Nützliches mit den eigenen Händen schaffen: Das gibt Nadine Aeschlimann (19) die nötige Befriedigung in der Lehre als Schreinerin. Sie weiss auch, wie die Branche mehr Lernende gewinnen kann.

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ANGEHENDE SCHREINERIN: Nadine Aeschlimann in ihrem Lehrbetrieb. (Foto: Isabelle Haklar)

Nadine Aeschlimann merkte schnell: Das Gymnasium ist nichts für sie. Die Noten waren gut, aber Nadine wollte anpacken. Jahrelang nur die Schulbank drücken? Nein, danke. Sie wollte am Abend sehen, was sie geleistet hat. Also schmiss sie das Gymi und suchte eine Lehrstelle.

Der Beruf Schreinerin sei aber keine Liebe auf den ersten Blick gewesen: «Ich machte ein paar Schnuppertage in einer Schreinerei. Ehrlich gesagt, hat es nicht sofort klick gemacht.» Erst nach ein paar Monaten im Berufsalltag merkte sie, dass sie hier wirklich hingehört. Den Lärm der grossen Maschinen findet sie bis heute eher unangenehm – doch die Arbeit mit Holz hat sie überzeugt. Nadine Aeschlimann wusste: Das ist ihre Zukunft. Seit 2023 lernt die junge Bernerin jetzt ihr Handwerk bei der Schreinerei Lauclair in Schüpfen BE und ist nun im vierten Lehrjahr. 

KONZENTRIERT: Nadine Aeschlimann beim Arbeiten. (Foto: Isabelle Haklar)

Massive Möbelstücke

In einem Ausstellungsraum präsentiert der Betrieb stolz die fertigen Stücke. Hier hat Nadine Aeschlimann die Geheimnisse des Holzes gelernt. «Am Anfang gab es nur einfache Arbeiten. Doch Schritt für Schritt wuchsen die Verantwortung und die Komplexität», erzählt sie. Heute arbeitet sie weitgehend selbständig an massiven Möbelstücken. In der Werkstatt bekommt sie einen Plan und setzt diesen exakt um. Von der Auswahl des Holzes bis zum Ölen der Oberflächen macht sie mittlerweile alles allein. Besonders die Arbeit an Massivholzmöbeln hat es ihr angetan. 

ARBEITEN NACH PLAN: Das ist die Grundlage der Schreinerin. (Foto: Isabelle Haklar)

Wer die 19jährige in der Werkstatt beobachtet, sieht ihre Konzentration. Sie bewegt sich sicher zwischen den Maschinen, ob Kreissäge, Bandsäge, Hobel- oder Kehlmaschinen. Sie kennt die Risiken: «Bei uns ist Arbeitssicherheit enorm wichtig. Die Maschinen sind modern und haben alle Schutzvorrichtungen.» Sie weiss: Das ist nicht überall so. «In manchen Firmen stehen uralte Maschinen ohne Schutz, das ist gefährlich. Eigentlich dürften Lernende dort gar nicht ran.» Auch menschlich habe sie den richtigen Platz gefunden: «Ich habe Glück mit meinem Team. Hier werde ich respektiert, und die Zusammenarbeit ist angenehm.» Das ist keine Selbstverständlichkeit. Im Berufsalltag und in der Berufsschule ist Sexismus für viele noch immer Realität. 

FÜHLT SICH WOHL IM BETRIEB: Nadine Aeschlimann. (Foto: Isabelle Haklar)

zu Hause stehen Brocki-Möbel

Nadine Aeschlimann fertigt Dinge an, die sie sich selbst nicht leisten könnte. Ihr Lohn im vierten Lehrjahr beträgt 1450 Franken brutto im Monat. «Privat bin ich eher mit Möbeln vom Brocki oder mit Geschenktem eingerichtet», erzählt sie offen. Doch es gibt eine wichtige Ausnahme: einen massiven Schreibtisch aus Holz. Den hat sie während der überbetrieblichen Kurse selbst gebaut. Nadine liebt die Arbeit mit Massivholz:

Es ist ein lebendiges Material. Kürzlich habe ich in meiner Freizeit ein Schachbrett fertiggestellt. Es war ein tolles Gefühl, das fertige Stück am Ende in den Händen zu halten.

NADINE AESCHLIMANNS WERK: Das hölzerne Schachbrett. (Foto: Isabelle Haklar)

Die Schreinerei Lauclair fertigt hauptsächlich Möbel, Küchen und Einrichtungsgegenstände nach den exklusiven Wünschen der Kundschaft. Im Ausstellungsraum können sich Interessierte inspirieren lassen, doch am Ende entstehen meist individuelle Einzelstücke. «Unsere Kundinnen und Kunden wollen Unikate, nichts von der Stange», erklärt die 19jährige. Das hat seinen Preis. Aeschlimann sagt es direkt: «Unsere Arbeit ist hochwertiges Handwerk. Das ist leider nicht für jeden Geldbeutel erschwinglich.»

SÄUBERLICH SORTIERT: In der Werkstatt herrscht Ordnung. (Foto: Isabelle Haklar)

Mehr Ferien für Lernende

Nadine Aeschlimann hat ihren Traumberuf gefunden. Doch sie sieht auch die Probleme in der beruflichen Ausbildung. «Die Arbeit im Betrieb ist anstrengend, für den Körper und für den Kopf. Dazu kommen die Schultage, die überbetrieblichen Kurse, der lange Arbeitsweg und für viele Lernende das Lernen am Abend. Da bleibt kaum noch echte Freizeit übrig», sagt sie. Für sie ist klar: Die Belastung ist zu hoch. Deshalb unterstützt sie die Forderung der Gewerkschaft:

Acht Wochen Ferien für Lernende sind nicht übertrieben. Sie sind notwendig, damit die Jungen motiviert bleiben.

Eigentlich wollte sie neben der Lehre die Berufsmaturität (BMS) machen. An der Schule lag es nicht, die fällt ihr leicht. Doch der Betrieb spielte nicht mit. Das Problem: Wer die BMS macht, fehlt einen zusätzlichen halben Tag in der Werkstatt. Viele Lehrbetriebe erlauben die BMS nicht, weil sie die Lernenden lieber produktiv an der Hobelbank sehen statt im Klassenzimmer. Für Aeschlimann ist das ein strukturelles Problem: «Viele Betriebe wollen nicht für die zusätzliche Schulzeit bezahlen. Man soll in erster Linie arbeiten.»

AN DER GROSSEN MASCHINE: Nadine Aeschlimann in ihrem Element. (Foto: Isabelle Haklar)

Für die angehende Schreinerin ist der Kampf für bessere Bedingungen eine Priorität. Sie ist Mitglied der Gewerkschaft Unia. Die ganze Branche müsse sich endlich bewegen. Aeschlimann sagt:

«Die Arbeitstage sind oft zu lang. Viele verlassen den Beruf kurz nach der Lehre, weil sie sich ausgebrannt fühlen.»

Umfragen der Gewerkschaft bestätigen diese Beobachtung: Genau aus diesem Grund ist die aktuelle GAV-Kampagne der Unia so wichtig. Die Verhandlungen für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag laufen hier bereits seit Februar. Eine Petition mit dem konkreten Forderungskatalog wird direkt in den Schreinereien verteilt und läuft bis Ende Oktober. Zudem finden im Frühjahr und Frühsommer regionale Versammlungen der Vertrauensleute statt, um den Druck zu erhöhen. Mehr dazu unter: rebrand.ly/schreinergewerbe.

Politik und (Kunst-)Handwerk

Nadine Aeschlimann (19) ist in einer Bio-Bauernfamilie in Uettligen BE auf­gewachsen. Dort lebt sie heute noch mit ihrer Mutter. Nach einem kurzen Gastspiel am Gymnasium entschied sie sich 2023 für einen Kurswechsel und begann ihre Ausbildung zur Schreinerin EFZ. Heute arbeitet sie in der Schreinerei Lauclair in Schüpfen BE und besucht die Berufsschule am BWZ Lyss. 

In ihrer knappen Freizeit engagiert sich Nadine Aeschlimann bei den Juso Bern. Politisch hat sie eine klare Haltung: Sie ist der Ansicht, dass der Kapitalismus für das Wohl des Planeten und der Menschheit überwunden werden muss. Nadine ist Mitglied der Gewerkschaft Unia. Einen kreativen Ausgleich zu Beruf und politischem Engagement findet sie beim Zeichnen, Basteln, in der Siebdrucktechnik sowie in der Analog­fotografie.

ENGAGIERT: Nadine Aeschlimann. (Foto: Isabelle Haklar)

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