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Musiktherapeutin Anouk Gronchi-Grosjean (56) aktiviert mit Klängen die Hirnwindungen

Als Musiktherapeutin begleitet Anouk Gronchi-Grosjean Menschen im Pflegeheim. Über die Musik und den Rhythmus schafft sie Zugang zu Bewegungen, Gefühlen und manchmal auch zur Auseinandersetzung mit dem Tod. 

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ERREICHT SCHWER BEHINDERTE MENSCHEN MIT MUSIK: Anouk Gronchi-Grosjean. (Foto: Isabelle Haklar)

Einer ihrer Patienten bewegt sich nicht und macht auch die Augen nicht auf, wenn Anouk Gronchi-Grosjean mit ihrer Therapiestunde beginnt: «Ich sehe dann nur, wie sein Atem auf die Musik reagiert, sich der Sauerstoffgehalt erhöht und sich der Puls verändert, aber ich weiss nicht wirklich, was bei ihm abgeht.»

IHRE WERKZEUGE: Die Auswahl an Instrumenten ist gross. (Foto: Isabelle Haklar)

Seit vier Jahren arbeitet Gronchi-Grosjean als Musiktherapeutin in einem Pflegeheim für Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma, Hirnschlag oder mit neurogenerativen Krankheiten, wie zum Beispiel Alzheimer oder Huntington. Die 60 Heimbewohnerinnen und -bewohner des «EMS Plein-Soleil» in Lausanne sind zwischen 25 und 85 Jahre alt und meist schwer behindert. Viele sind im Rollstuhl oder auch dauerhaft im Bett. Den Patienten und Patientinnen, die in einem komatösen Zustand sind, erzählt Gronchi-Grosjean von ihrem Alltag draussen, sie hören zusammen Musik, und sie hält ihnen die Hand und schafft so eine Verbindung zum Leben ausserhalb des Heims.

Hirnwindungen

Als Musiktherapeutin ist Gronchi-Grosjean Teil des Teams für persönliche Entwicklung, in dem auch Kochaktivitäten und Kreativkurse angeboten werden. Obwohl Gronchi-Grosjean therapeutisch arbeitet, werden ihre Leistungen nicht von der Krankenkasse finanziert. Sie sagt:

Meine Arbeit ist eigentlich sehr wissenschaftlich, denn die Hirnforschung zeigt, dass Musik nachweisbare und positive Effekte auf das Hirn hat.

ERZIELT POSITIVE EFFEKTE: Anouk Gronchi-Grosjean. (Foto: Isabelle Haklar)

Durch das Hören und Spielen von Musik können Hirnwindungen aktiviert und Verbindungen zu verletzten Hirngegenden geschaffen werden. Mit der Hilfe von Musiktherapie können gelähmte Personen so auch einen Teil ihrer Bewegungsmöglichkeiten zurückgewinnen. Durch das Halten und Spielen mit einem Schlagzeugstock wird beispielsweise die Feinmotorik geübt. Die häufige Wiederholung und der Rhythmus der Musik können beim Wiedererlernen von Bewegungen der Finger bis hin zu Gehbewegungen helfen.

Mut und Verzicht

Daneben gehe es bei ihrer Arbeit als Musiktherapeutin auch darum, eine emotionale Akzeptanz für den eigenen Zustand zu schaffen. So etwa, wenn die Patientinnen und Patienten chronische Schmerzen haben oder sich kaum noch bewegen können. Während des gemeinsamen Hörens von Musik spiele dieser Zustand keine Rolle: «Es ist vor allem ein geteilter Moment der Menschlichkeit», sagt Gronchi-Grosjean. Auch sie selber lerne immer noch viel aus diesen Begegnungen mit schwerbehinderten Menschen: über Mut, aber auch Verzicht. Das Schöne an ihrer Arbeit sei, dass vieles auch mit nonverbaler Kommunikation stattfinde und alle Menschen einen Zugang zur Musik haben könnten. Durch das Berühren und die Vibrationen der Instrumente sowie Massagen hilft sie den Patientinnen und Patienten, in ihren eigenen Körper zurückzukommen. 

ANOUK GRONCHI-GROSJEAN ÜBER IHRE ARBEIT: «Es ist vor allem ein geteilter Moment der Menschlichkeit.» (Foto: Isabelle Haklar)

Kreativ und palliativ

«Wenn du Musiktherapeutin bist, musst du auch mit allem improvisieren können: mit Instrumenten, aber auch mit allem, was du in den Räumen findest.» Einer ihrer Patienten hat ein Plastikschwein im Zimmer, das grunzt. Dieses Grunzen nutzt sie jeweils, um mit ihm in Kontakt zu treten und so über Tiergeräusche auf kreative Weise zum Spiel mit den Instrumenten zu kommen. Mit der Musik können die Patientinnen und Patienten auch ihre Emotionen anders ausdrücken: mit ihrer Wut auf die Trommel schlagen oder durch das Hören der Musik Trauergefühle zulassen. Auch die Vorbereitung auf den eigenen Tod ist ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Musiktherapie öffnet emotionale, kreative und manchmal auch spirituelle Räume. 

Protest gegen Kürzungen

Die Arbeit im Pflegeheim ist für Gronchi-Grosjean ein grosses Glück, denn sie hat nicht nur Freude am Kontakt mit den Heimbewohnerinnen und -bewohnern, sie ist auch sehr zufrieden mit ihrem Team, das regelmässig von Zivildienstleistenden unterstützt wird. Die Jobausschreibung hatte sie im Alter von 52 Jahren auf Linkedin entdeckt. Ihr Beruf sei nicht so bekannt, aber in vielen Pflege- und Altersheimen dennoch gut etabliert. Wichtig für Angebote wie die Musiktherapie sei, dass Heime ausreichend öffentlich finanziert sind und sich die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal nicht weiter verschlechtern.

FÜHLT DIE MUSIK: Anouk Gronchi-Grosjean. (Foto: Isabelle Haklar)

Mit ihrer Anstellung im Pflegeheim ist Gronchi-Grosjean auch Gewerkschaftsmitglied geworden. Eine Freundin von ihr war bereits Mitglied und hat sie von der Unia überzeugt. Inzwischen ist Gronchi-Grosjean auch Co-Präsidentin der Interessengruppe Frauen ihrer Sektion und Delegierte in der nationalen IG. Im vergangenen Herbst war sie auch mehrmals an den Grossdemos gegen die Budgetkürzungen des Kantons Waadt: «Wir haben auch bei uns im EMS eine Aktion gemacht, worauf unsere Chefs etwas irritiert waren, weil unser Transparent mit der Aufschrift ‹Das EMS Plein-Soleil gegen die Kürzungen› auf Social Media zu sehen war.» 

Anouk Gronchi-Grosjean: Ihr Weg zur Musiktherapeutin

Die Wohnung von Anouk Gronchi-Grosjean ist ihr persönlicher Resonanzraum, in dem sie auch private Therapiesessions anbietet. Im Musikraum stehen Tambure, Xylophone, Zupfinstrumente und Djembés. An der Wand hängen kunstvolle Schwarzweissportraits, die sie selbst gezeichnet hat, und verschiedene sorgfältig zusammengestellte Schreine mit indischen Gottheiten. Seit 21 Jahren lebt sie in dieser Altbauwohnung an einer steilen Flanke von Lausanne, zuerst mit ihrem Expartner und den gemeinsamen Kindern und seit zwei Jahren allein. Sie kuratiere hier jetzt ihr eigenes Museum, sagt sie. Denn Gronchi-Grosjean liebt nicht nur Musik, sondern auch Objekte und alle Formen der Kunst, insbesondere auch Malerei, Tanz und Bücher. 

TRAUTES HEIM: Einblick in die Wohnung von Musiktherapeutin Anouk Gronchi-Grosjean. (Foto: Isabelle Haklar)

GOLDSCHMIEDIN UND SÄNGERIN. Als gelernte Goldschmiedin hat sie auch ein Faible für Kunsthandwerk. Ihre grosse Passion aber gilt der Musik. Deshalb hat sie nach ihrer Lehre eine Ausbildung als Sängerin an der Jazzschule absolviert und sich danach noch zur Musiktherapeutin weitergebildet. Jazz und französische Chansons liebt sie seit ihrer Jugend. Heute hört sie auch gern klassische Musik von Bach, Rumba von Künstlerinnen aus dem Kongo, religiöse Musik aus Indien oder auch elektronische Musik, die experimentelle Räume eröffnet.

LOHN. Mit ihrem 50-Prozent-Pensum als Musiktherapeutin im Pflegeheim verdient Gronchi-Grosjean 4017 Franken brutto pro Monat. Sie arbeitet an drei Tagen pro Woche zu 6,5 Stunden im Heim und an einem Tag mit ihren privaten Kundinnen und Kunden zu Hause. Auch wegen ihrer kürzlich diagnostizierten Autismus-Spektrum-Störung schaut sie darauf, dass ihre Arbeitstage nicht zu lange und zu stressig sind. Die psychische Belastung durch den Arbeitsalltag und durch den Tod von Patientinnen und Patienten gleicht sie durch Treffen mit Freundinnen und Freunden sowie Impro-Theater aus.  

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