Serie: Kampf gegen die Mailänder Mode-Mafia, Teil 2
«Wasser im Mörser zerstampfen»

In zwei lombardischen Werkstätten stossen die Carabinieri auf chinesische Arbeiter ohne reguläre Verträge, Akkordlöhne und schwere Sicherheitsmängel. Mafia-Jäger Paolo Storari nimmt nicht mehr die Werkstattbetreiber ins Visier, sondern die Konzerne, die profitieren. Doch zum ersten Mal stellen sich ihm die eigenen Richter in den Weg.

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NICHT DIE KLEINEN: Paolo Storari nimmt die Profiteure ins Visier. (Montage: work)

Der Mailänder Staatsanwalt Paolo Storari hat sein kriminalistisches Handwerk in jahrelangen, komplexen Verfahren gegen die organisierte Kriminalität, gegen Strukturen der ’Ndrangheta und der Cosa Nostra in Norditalien gelernt. In den vergangenen Jahren übertrug er diese Methode der Verfolgung von Finanz- und Machtströmen systematisch auf legale Wirtschaftszweige: erst auf das weitverzweigte Logistikgewerbe, dann auf private Sicherheitsdienste, den grossen Detailhandel, die industrielle Landwirtschaft und schliesslich auf die Modebranche.

Früher, so erklärt Storari, hätten die Behörden nach dem klassischen Muster operiert: Die Polizei stürmte eine Fabrik und verhaftete den direkten Betreiber. Der Ausbeuter verbrachte einige Monate in Untersuchungshaft, schloss später mit der Staatsanwaltschaft einen Vergleich ab und erhielt eine Bewährungsstrafe. Doch das Problem war damit nicht gelöst. Wenige Wochen später war die alte Firma liquidiert und verschwunden, nur um am exakt selben Standort unter einem neuen Namen und mit einem neuen Strohmann als Geschäftsführer wieder aufzutauchen. Es war das gleiche Personal, es waren die gleichen Nähmaschinen, es waren die gleichen Auftraggeber. Eine solche Strafverfolgung, sagt Storari heute, sei gewesen, «wie Wasser im Mörser zu zerstampfen». Man schlägt mit grosser Wucht zu, verbraucht enorme Energien, aber der Zustand des Wassers ändert sich kein My.

Deshalb richtet Storari seinen Blick nicht mehr isoliert auf das unterste Glied, auf die kleinen Fabrikbetreiber. Er fragt nach den strukturellen Ursachen des Systems: Wer steht über den Ausbeutern? Wer vergibt die gigantischen Aufträge? Wer diktiert auf den Cent genau die Preise und die extrem kurzen Lieferfristen, die eine reguläre Produktion nach gesetzlichen Arbeitszeiten mathematisch unmöglich machen? Und vor allem: Wer profitiert am Ende ökonomisch am meisten von diesem System?

Wer profitiert wirklich?

Carabinieri-Kommandant Tiziano De Renzis ist Storaris engster Mitarbeiter auf dem Terrain. Er veranschaulicht den Mechanismus mit einer simplen Beispielrechnung: Wenn eine Werkstatt im lombardischen Hinterland eine aufwendige Ledertasche für einen Herstellungspreis von 40 Euro fertigt, genau dieselbe Tasche in der edlen Via Montenapoleone in Mailand jedoch für 7000 Euro verkauft wird und sich zwischen der Werkstatt und dem Laden fünf, sechs oder gar sieben verschiedene Firmenkaskaden und Zwischenhändler schieben, «dann funktioniert etwas in diesem System nicht».

Wobei: Das System funktioniert für bestimmte Akteure sogar ausgezeichnet. Jede einzelne Zwischenstufe in dieser Kaskade verdient ohne grossen Produktionsaufwand kräftig mit und zieht ihre Marge ab. Gleichzeitig wird mit jedem zusätzlichen vertraglichen Zwischenglied die juristische Verantwortung der Konzerne für die realen Arbeitsbedingungen immer weiter verdünnt. Ganz unten am Ende der Kette landet der geballte, brutale Preis- und Zeitdruck ungedämpft bei jenen, die sich am allerwenigsten dagegen wehren können: bei den Migrantinnen und Migranten an den Nähmaschinen, die ihre Gesundheit und Würde opfern müssen, um die absurd tiefen Stückpreise zu ermöglichen.

Bekämpfen wie die Mafia

Storari hat einen klaren ethischen Kompass. Er ist überzeugt: Der Kampf gegen die Arbeitsausbeutung muss in Italien und Europa gesellschaftlich und juristisch endlich genauso selbstverständlich und unnachgiebig geführt werden, wie es der Kampf gegen die klassische Mafia in den letzten Jahrzehnten geworden ist.

DER UNBEQUEME STAATSANWALT: Storari macht den Profiteuren das Leben schwer. (Bild: Lapressa)


Und seine Bilanz beweist, dass diese Strategie das Potential hat, ganze Branchen von Grund auf zu verändern. Seit dem Jahr 2023 wurden allein durch den Druck der Mailänder Verfahren nach offiziellen Angaben der Ermittler weit über 60 000 Beschäftigte aus der Schwarz- und Grauarbeit herausgeholt, regularisiert und mit festen, vertraglich abgesicherten Arbeitsplätzen ausgestattet. Über 1,13 Milliarden Euro an vorenthaltenen Steuern und weit über 200 Millionen Euro Sozialversicherungsbeiträge für die Lohnabhängigen mussten die Konzerne nachzahlen.

Storari erzwingt ein Stück Strukturwandel. Und zwar, wie er stolz betont, praktisch ohne spektakuläre Massenverhaftungen, ohne wochenlange Telefonüberwachungen und ohne die Arbeiter zu kriminalisieren. Sein Prinzip lautet: maximaler wirtschaftlicher und juristischer Druck auf die Kapitalgeber und Auftraggeber, minimaler Druck auf die Opfer der Ausbeutung.

Richter mit kalten Füssen

Doch je näher Storari mit seiner Methode den obersten Stockwerken der Modehäuser kommt, desto vehementer wird der juristische Widerstand, den ihm die Verteidiger der Konzerne und zunehmend auch die italienischen Gerichte entgegensetzen. Wo im vergangenen Jahr noch ein schnelles juristisches Durchgreifen möglich schien, ziehen manche Richter neuerdings engere rechtliche Grenzen.

Exemplarisch ist der Fall um den Dama-Konzern (Paul & Shark) und das Designerlabel Alberto Aspesi. Im März dieses Jahres liess Storari die Unternehmenszentralen und die Produktionsstätten dieser beiden Modehäuser durchsuchen. Die Fahnder konzentrierten sich dabei auf eine Werkstatt in der Gemeinde Garbagnate Milanese im Grossraum Mailand. In dieser von chinesischen Unternehmern geführten Fabrik nähten Arbeiter unter Hochdruck Jacken für beide Modemarken. An der Wand des Produktionsraums hing unübersehbar der reguläre Arbeitsplan des Betriebs: Die Schichten dauerten von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Sieben Tage die Woche, ohne Ruhetage.

«Ausbeutung, aber …»

Eine Funktionsjacke von Paul & Shark, die wenige Wochen später für rund 2000 Euro im edlen Modehaus hing, kostete in der reinen Herstellung exakt 107 Euro. So viel erhielt die Werkstatt in Garbagnate.

TEUER VERKAUFT: Genäht wurde für fünf Euro Stundenlohn. (Bild: mr-mag)

Eine ehemalige Mitarbeiterin der Werkstatt sagte in den Vernehmungen aus, dass keineswegs der Werkstattbetreiber die Preise kalkuliert habe; es seien die Manager von Dama und Aspesi gewesen, die den Stückpreis einseitig und hart diktiert hätten.

Über die Arbeitsbedingungen gab es vor Gericht absolut keinen Streit: Selbst die Richter erkannten an, dass die Löhne bei fünf Euro pro Stunde lagen, dass illegale Akkordarbeit erzwungen wurde, dass 14-Stunden-Tage von Montag bis Sonntag die Regel waren und dass hier Migranten ohne gültige Aufenthaltsbewilligung an ungesicherten Maschinen schuften und in Schlafräumen direkt im Fabrikgebäude hausen mussten.

Übrigens: Exakt dieselbe Werkstatt war bereits im Jahr 2023 von den Behörden kontrolliert und wegen schwerer Mängel gebüsst worden. Als Reaktion darauf wechselte die Fabrik lediglich ihren Handelsnamen auf dem Briefkopf. Der Standort, die Eigentümerstrukturen, die Maschinen, die Arbeiter und vor allem die lukrativen Aufträge von Dama und Aspesi blieben unverändert.

Konzerne in den Hinterhöfen

Die «Zusammenarbeit» mit den Modehäusern war extrem eng: Feste Angestellte von Dama und Aspesi gingen in der Werkstatt in Garbagnate regelmässig ein und aus. Sie standen nachweislich mehrmals pro Woche direkt an den Nähmaschinentischen, kontrollierten pingelig die Verarbeitungsqualität der Jacken, gaben detaillierte Produktionsanweisungen und standen mit den chinesischen Betreibern in permanentem, direktem Austausch. Für Paolo Storari und seine Co-Ermittlerin, Staatsanwältin Daniela Bartolucci, liegt die Sache klar auf der Hand: Wer dermassen eng in die Produktionsabläufe eingebunden ist, trägt die volle juristische Mitverantwortung für die Ausbeutung. Am 17. März verfügten sie deshalb in einem strafprozessualen Eilverfahren die sofortige gerichtliche Kontrolle über die beiden Modegesellschaften Dama und Aspesi und eröffneten ein formelles Strafverfahren sowohl gegen die chinesischen Betreiber als auch gegen die Geschäftsleitungen der beiden Marken.

Ein Richter stoppt Storari

Doch nur elf Tage später, am 28. März, stoppte der zuständige Ermittlungsrichter Roberto Crepaldi diese Massnahme mit einer folgenschweren Entscheidung. Crepaldi bestritt in seinem Beschluss überhaupt nicht, dass in Garbagnate brutale Arbeitsausbeutung stattfand. Er sah in den vorgelegten Akten jedoch keine genügenden juristischen Beweise dafür, dass die Manager von Dama und Aspesi die Arbeiter selbst rekrutiert und eingesetzt, ihre ungesetzlichen Arbeitszeiten diktiert oder mit den Fabrikbetreibern einen gemeinsamen, vorsätzlichen Plan zur skrupellosen Senkung der Personalkosten vereinbart hätten.

Das Versagen der Modemanager bei der Überwachung ihrer Lieferanten könne zwar moralisch verwerflich sein und allenfalls den Tatbestand einer fahrlässigen Begünstigung der Ausbeutung erfüllen. Für den Beweis des «Vorsatzes» und damit für die einschneidende Massnahme einer gerichtlichen Zwangsverwaltung der Konzernzentralen reiche dies jedoch nicht aus.

«Sieben Jahre, ohne etwas zu sehen?»

Storari legte gegen diesen Entscheid sofort Rekurs ein. Seine zentrale Frage an die Richterschaft: Wie ist es vernünftigerweise vorstellbar, dass Qualitätskontrolleure und Manager eines Modehauses über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg dreimal wöchentlich in einer Gewerbehalle ein- und ausgehen und dabei weder die illegalen Schlafräume hinter den Stoffballen noch den an der Wand hängenden 14-Stunden-Schichtplan, noch die völlig verheerenden hygienischen Zustände und Sicherheitsmängel bemerken wollen? Die Regionalzeitung «La Prealpina» brachte Storaris Frage in einer Schlagzeile auf den Punkt: «Sieben Jahre, ohne etwas zu sehen?»

In Teil 3: Wie das Überprüfungsgericht über Storaris Rekurs entscheidet – und warum die Regierung Meloni ihm sein schärfstes Werkzeug aus der Hand nehmen will.

Bisher erschienen: Teil 1 «Kronzeuge Stromzähler» (29. Juli 2026).

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