50 Jahre Katastrophe von Seveso (I)
Chemieunfall vergiftet eine ganze Region – weil die Profitgier zu gross war

Im Juli 1976 ereignete sich in Norditalien eine der schwersten Industriekatastrophen der Geschichte. Aus einer Chemiefabrik entwich eine giftige Dioxinwolke und richtete schwere Schäden an. Heute bangen die Anwohnenden wieder um ihre Sicherheit.

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SPERRZONE: Vor 50 Jahren richtete ein Chemieunfall in Italien schwere Schäden an. (Foto: Wikipedia)

Für die Bevölkerung Italiens war die Brianza das pulsierende Herz des Wirtschaftswunders. Der kleine Landstrich nördlich von Mailand galt als wirtschaftliche Lokomotive eines Landes, das sich ab den 1950er Jahren im Aufschwung befand. Das Gebiet verzeichnete erstaunliche Wachstumsraten und entwickelte sich zu einer der reichsten Regionen Europas. 

Doch während die boomende Region von aussen bewundert wurde, bahnte sich in ihrem Kern eine Tragödie an. Ganze Gebiete wurden der Industrie geopfert. Um die Wirtschaftslokomotive am Laufen zu halten, nahmen die Behörden in Kauf, dass dafür die Umwelt zerstört und die lokale Bevölkerung gefährdet wurde. Im Nordwesten der Region entstand ein regelrechtes Schadstoffviertel. Italienische Chemieriesen wie Acna und Snia errichteten in der Region hochgefährliche Fabriken, die jahrzehntelang Abgase in die Luft und Gifte in die lokalen Gewässer leiteten. 
 
Ebenfalls in der Region ansässig war die Chemiefabrik Icmesa. Diese verlegte ihre Produktion 1945 aus dem süditalienischen Neapel nach Meda in die norditalienische Lombardei. Meda grenzt direkt an Seveso, also an die Gemeinde, deren Name durch die Industriekatastrophe von 1976 in die Geschichtsbücher eingehen wird. Doch der Reihe nach.

Weniger Sicherheit für mehr Profit

Alberto Colombo ist Umweltschützer und Zeitzeuge der Seveso-Katastrophe. Im Interview mit der Tessiner Unia-Zeitung area erinnert er sich: «Die Icmesa vergiftete von Anfang an die Luft mit ihren übelriechenden Dämpfen, leitete Schadstoffe in den Bach Certesa und gefährdete die Gesundheit der Mitarbeiter.»

DAS ZENTRUM DES GESCHEHENS: Die Icmesa-Fabrik in Seveso. (Foto: Keystone)

Der Schweizer Chemiemulti Hoffmann-La Roche sicherte sich ab den 1960er Jahren erste Anteile an der Icmesa und übernahm das Unternehmen 1969 komplett. Wie Alberto Colombo festhält, änderte diese Übernahme nichts an den Umweltsünden des Unternehmens. Im Gegenteil: Hofmann-La Roche stellte in der Icmesa ab 1970 Trichlorphenol her und lieferte dieses an eine andere Fabrik des Basler Pharmakonzerns, um daraus Hexachlorophen zu gewinnen. Dabei handelt es sich um einen bakterientötenden Wirkstoff, der in verschiedenen Pflege- und Medizinalprodukten der Roche-Gruppe zum Einsatz kam. 
 
Für die Trichlorphenol-Produktion in Meda änderte Icmesa den Herstellungsprozess. Unter anderem wurde die Menge an Lösungsmitteln reduziert. Im wesentlichen ging es darum, die Produktivität zu erhöhen und Kosten zu sparen. Dafür nahmen die Verantwortlichen in Kauf, bei den Sicherheitsvorgaben Abstriche zu machen. Und das rächte sich am Samstag, 10. Juli 1976, um 12.37 Uhr: Nach dem drastischen Temperaturanstieg in einem Reaktor platzte ein Sicherheitsventil, und der giftige Inhalt entlud sich ungefiltert in die Natur – ungefiltert deshalb, weil sich das Mutterunternehmen Hoffmann La-Roche und die Werkleitung gegen den Einbau eines Auffangreservoirs entschieden hatten. Die Giftwolke wurde vom Wind verteilt und ging hauptsächlich über der Gemeinde Seveso nieder.

DIE FOLGE: Das ganze Gebiet musste evakuiert werden. (Foto: Keystone)

Doch was genau entwich an diesem Samstag vor 50 Jahren in die Luft? Ab einer Temperatur von 156 Grad wandelt sich Trichlorphenol in sogenanntes 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin um. Dieses wiederum gilt als giftigster Vertreter aus der Gruppe der Dioxine und wird heute auch Seveso-Gift genannt. An diesem fatalen 10. Juli stieg die Temperatur im Kessel auf bis zu 500 Grad, bevor das Ventil platzte und aus dem Reaktor A 101 eine Giftwolke aufstieg.

Erste Reaktion: Vertuschen!

Für den Zeitzeugen Alberto Colombo ist klar: Das war kein tragisches Unglück oder ein Unfall, den man nicht vorhersehen konnte. Vielmehr sagt Colombo:

Das war das unvermeidliche und direkte Resultat eines fortlaufenden Wirtschafts- und Umweltverbrechens.

Eine Katastrophe mit Ansage, die niemand hören wollte.

WIE VERSEUCHT IST DER BODEN? Die Behörden entnehmen Proben. (Foto: Keystone)

Und es kam noch schlimmer. Anstatt zu reagieren, die Behörden und die Bevölkerung zu alarmieren, wählten der Schweizer Pharmakonzern und die Unternehmensleitung den Weg des Schweigens und Verharmlosens. Dass ein Unfall passierte, konnte nicht unter den Deckel gekehrt werden, doch die Verantwortlichen hielten es nicht für nötig zu informieren, dass aus dem Reaktor hochgiftiges Dioxin ausgetreten war. Auch nicht, nachdem am 14. Juli 1976 die eigenen Labors in Basel die Giftstoffe bestätigt hatten. In anderen Abteilungen liess Icmesa sogar ganz normal weiterarbeiten, trotz dem Risiko für die Belegschaft.

Tote Tiere und vernarbte Kinder 

Es waren die Arbeiter, die misstrauisch wurden und das Schweigen brachen. Sie entdeckten rund um das Areal tote Tiere. Zudem wurden sie von der Unternehmensleitung angewiesen, ihre Arbeitskleidung nicht mit nach Hause zu nehmen und vor dem Verlassen der Fabrik zu duschen.

DIE ERSTEN OPFER: Anwohnerinnen und Anwohner entdecken überall tote Tiere. (Foto: Keystone)
SICHTBARE SCHÄDEN: Auch auf den Ackern wurde klar, dass etwas nicht stimmen konnte. (Foto: Keystone)

Am 16. Juli traten die Büezer in den Streik und blockierten das Werk. Am 17. Juli wurde die Fabrik dann komplett geschlossen, und die Verantwortlichen gaben zu, dass eine Giftwolke aus Dioxin in die Luft entwich. Es dauerte nochmals eine Woche, bis die Behörden die Zwangsevakuierung der Region anordneten.

Für viele kam das zu spät. Zwar gab es keine unmittelbaren menschlichen Todesopfer, doch die Auswirkungen waren fatal. Rund 200 Personen – überwiegend Kinder – erlitten schmerzhafte Hautverätzungen, sogenannte Chlorakne, die tiefe Narben hinterliess. Tausende Tiere verendeten qualvoll oder mussten notgetötet werden. Mehr als 700 Menschen verloren sofort ihr Zuhause, ganze Gebiete wurden zu Sperrzonen.

ZWANGSEVAKUIERUNG: Die Menschen werden mit Bussen aus ihrer Gemeinde weggebracht. (Foto: Keystone)
UNTER BESONDERER BEOBACHTUNG: Zahlreiche Kinder erlitten Hautverätzungen. (Foto: Keystone)
ABRIEGELUNG: Die Polizei errichtet erste Strassensperren. (Foto: Keystone)

Das Dilemma der Schwangeren

Schwangere Frauen waren mit dem Risiko von fötalen Fehlbildungen konfrontiert, die durch das Dioxin verursacht wurden. So öffnete sich in einem tief katholischen Land eine Debatte über den Schwangerschaftsabbruch, der damals per Gesetz verboten war. Die Frauen aus der Region rund um Seveso standen unter grossem Druck. Diejenigen, die sich einen Schwangerschaftsabbruch wünschten, wurden von vielen Ärzten abgelehnt. Die feministische Bewegung in Italien wurde laut und organisierte Beratungsstellen. Zudem fanden sich in Mailand mutige Mediziner, die betroffenen Frauen ihren Wunsch erfüllten. Die Katastrophe von Seveso beschleunigte in Italien die Einführung des Artikels 194, der seit 1978 das Recht auf Abtreibung im Gesetz verankert. 

IN SORGE: Schwangere Frauen warten im provisorische eingerichteten Sanitätszentrum bei Seveso auf eine gynäkologische Untersuchung. (Foto: Keystone)

Arbeiter organisieren sich

Die Tragödie markierte in Italien auch das politische Wiedererstarken der Arbeiterschaft, die sich vermehrt organisierte und den Arbeitskampf aufnahm. Die Arbeiter von Seveso, unterstützt von den italienischen Gewerkschaftsverbänden, erreichten etwa, dass sie in anderen Unternehmen des Roche-Konzerns wieder Arbeit fanden. Zudem übten sie Druck auf das Unternehmen aus, auch finanziell für seine Taten geradezustehen. Von 1981 bis 1983 entschädigte Icmesa in aussergerichtlichen Vergleichen die betroffenen Gemeinden Desio mit 748'900 Euro, Cesano Maderno mit 1,47 Mio. Euro, Meda mit 671'400 Euro und Seveso mit 7,75 Mio. Euro. 

PROTEST: Büezer und Einwohnerinnen von Seveso gehen nach dem Chemieunfall auf die Strasse. (Foto: Keystone)

Der Kampf der Arbeiter und der ganzen Region gegen die Chemiekonzerne zog weite Kreise und führte 1982 in Europa zur Einführung der Seveso-Richtlinie. Dabei handelt es sich um das erste europäische Regelwerk zur Verhütung schwerer Industrieunfälle. Die wichtigsten Säulen der Richtlinie sind Sicherheitsanalysen, Notfallpläne und die Information der Öffentlichkeit. 

Die Angst kommt zurück

Und was passierte mit dem giftverseuchten Boden? Wie sieht es in der Region Seveso heute aus? Aus dem einstigen Katastrophengebiet ist ein grosser Naturpark entstanden. Auf 43 Hektaren wurde ein öffentlich zugänglicher Waldpark mit vielen Eichen angelegt, der sogenannte Bosco delle Querce. Tief darunter, in einer Betonwanne eingeschlossen, liegen rund 200'000 Kubikmeter kontaminierte Erde, Gebäudereste und Materialien aus der Zeit des Unfalls begraben.

ALLES MUSS WEG: Arbeiter mit Schutzanzügen bei den Aufräumarbeiten in Seveso, ein Jahr nach der Katastrophe. (Foto: Keystone)

Und als hätten sie nicht schon genug durchgemacht, müssen die Bewohnerinnen und Bewohner der Region gegenwärtig wieder kämpfen. Ein Autobahnprojekt führt durch den Randbereich des Naturparks. Anwohner haben Angst, dass die massiven Baggerarbeiten verbliebenes Dioxin wieder freisetzen könnten. Die Proteste dagegen laufen und haben sich anlässlich des 50. Jahrestages der Seveso-Katastrophe nochmals massiv zugespitzt. 

ZWEI WELTEN: Der idyllische Naturpark Bosco delle Querce steht auf einem Gebiet, das früher von der Chemie verseucht wurde. (Foto: Wikipedia / Massimiliano Mariani)

*Dieser Beitrag ist zuerst in der italienischsprachigen Unia-Zeitung «area» erschienen und wird hier in einer überarbeiteten Version publiziert.

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