Sind Sie überrascht über dieses Schweigen?
Wirklich überrascht war ich über die ablehnende Reaktion im Parlament nach dem Urteil aus Strassburg. Das wäre in den 90er Jahren, als ich für die Grünen im Nationalrat sass, unvorstellbar gewesen. Damals war die FDP noch eine staatstragende Partei. Heute beobachten wir nicht nur Bergstürze, sondern auch eine Erosion der Demokratie. Aber jetzt bin ich vor allem genervt, dass sie nicht dazulernen und nicht gewillt sind hinzuschauen. Sie bemühen sich nicht um Veränderungen und wollen den Leuten auch nicht die Wahrheit sagen.
Hat das auch juristische Gründe?
Das geschieht sicher aus Kalkül. Leider denken die Bürgerlichen beim Klima immer noch in einem parteipolitischen Schema: Die Anliegen von SP und Grünen sind per se schlecht. Das ist fatal. Die rechte Mehrheit hat noch nicht geschnallt, dass wir alle von den Folgen des Klimawandels betroffen sind und dass sich Klimaschutz auf die Dauer in jeder Hinsicht lohnt, auch finanziell. Ich weiss nicht, was noch passieren muss, damit sich das ändert.
Wie geht es mit dem Urteil des EGMR jetzt noch weiter?
Die Schweiz muss alle sechs Monate einen Bericht an das Ministerkomitee des Europarates schreiben. Das im Urteil bemängelte Globalbudget fehlt weiterhin: Die Schweiz will also nicht transparent machen, wie viele Emissionen zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens in der Schweiz noch ausgestossen werden dürfen. Das Ministerkomitee hat auch empfohlen, dass ein wissenschaftliches Gremium zur Umsetzung des Urteils geschaffen wird. Der Bundesrat wird bestimmen, wie dieses Gremium zusammengesetzt wird. Diesen Dezember wird es auch auf politischer Ebene im Parlament des Europarats eine Beurteilung des Falls geben. Wir müssen verhindern, dass der Fall einfach geschlossen wird.
Und welche Ratschläge geben Sie der jüngeren Generation?
Ihr müsst selber in die Politik gehen und unbedingt andere Leute wählen. Die junge Generation hat den Vorteil, dass sie die Fakten und die globalen Dimensionen des Problems viel besser kennt, vielfach auch aus der Schule. Wir Klimaseniorinnen sind der Beweis, dass auch eine NGO sehr viel erreichen kann. Man braucht Fachwissen, Geld und internationale Vernetzung. Das hatten wir, auch dank der Zusammenarbeit mit Greenpeace.