Jean Ziegler ist tot. Wird er wiederkommen?
Einer, wie keiner mehr

Protestant, Marxist, Revolutionär, Katholik – und bis zuletzt ein «communiste de cœur». Alles mit allem und noch viel mehr: Unser langjähriger Kolumnist Jean Ziegler war einfach zu viel für die Schweiz! 

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VON CHE GUEVARA BEEINFLUSST: Der kubanische Revolutionär riet Jean Ziegler, von der Schweiz aus zu kämpfen, wo «das Gehirn des Monsters» sei.  (Foto: Getty Images)

«Es scheint mir nicht möglich, dass bei all dieser Liebe das Leben im Nichts endet!» Das sagte der damals 90jährige Jean Ziegler im work-Interview im April 2024. Es gebe so viel Liebe auf dieser Welt, «der Guerrillero, der sein Leben hingibt für die Gerechtigkeit, der politische Gefangene, der unter der Folter schweigt, um die Gefährten zu schützen. Die Liebe der Eltern für ihre Kinder. Die Liebe zu einer Frau oder zu einem Mann.» Diese Liebe müsse von irgendwoher kommen. Er, Jean Ziegler, glaube darum an die Auferstehung. 

Jetzt, zwei Jahre später, ist der weltberühmte Soziologe, ehemalige SP-Nationalrat, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrats gegangen. Er, der es immer mit seinem Mentor Jean-Paul Sartre hielt und den Tod als Mord bezeichnete. Als inakzeptables Skandalon, weil das Bewusstsein für die Unendlichkeit bestimmt sei, für das Sein. Heisst das, dass Ziegler wiederkommen wird? Zuzutrauen wär’s ihm!

Schande für die Schweiz!

Jeannot (wie ihn seine Freunde nannten) hatte es nicht leicht in der Schweiz: Während er im Ausland geschätzt und bewundert wurde, während sie ihn in Frankreich quasi adoptierten, war sein Weg in der Schweiz dornenreich. Insbesondere in der Deutschschweiz. Schon nur, dass er ein Intellektueller war, ein Humanist, einer, der sich für die Conditio humana interessierte, für die grossen Themen der Menschheit, für Tod und Leben, Freiheit und Verantwortung, Sein und Schein, das machte ihn verdächtig. Ganz zu schweigen davon, dass er seine Geschichten und Anklagen auch noch mit grossen Gesten und biblischer Sprachgewalt vortrug. Schliesslich war und ist der Prototyp des Intellektuellen in der Schweiz der Ingenieur – ein Vermesser, ein Homo faber – und nicht etwa der Philosoph wie anderswo! 

Doch Ziegler wollte nicht nur vermessen und technisch mit Zahlen hantieren, er wollte die Weltordnung verändern. Er empörte sich, er störte den kapitalistischen Gottesdienst und kämpfte. Comandante Che Guevara sei Dank, schritt Ziegler zwar nie zur «letzten Tat», er zog nie bewaffnet in den Befreiungskampf. 

Er kämpfte mit scharfen Worten, mit seinen Büchern und Auftritten. Und zwar hier, im Kopf des Monsters. 1976 schlug er zu mit einer explosiven Bombe: seinem Bestseller «Eine Schweiz über jeden Verdacht erhaben». Ziegler zeichnete darin die Verflechtungen der Schweizer Banken-Oligarchen mit Diktatoren und ausländischen Fluchtgeldern auf. Darum wiesen die «Gnomen der Bahnhofstrasse» ihre Vertreter im nationalen Parlament auch an, die parlamentarische Immunität von Ziegler aufzuheben. Um ihm das Maul zu stopfen. Letzteres ist ihnen nie gelungen! 

Im Land der Reisläufer, des Bankgeheimnisses und der Multis kommt so viel Unbeirrtheit bei den Tonangebenden, den «Geldsäcken», schlecht an. Sie beschimpften Ziegler als «Nestbeschmutzer». Sie versuchten ihn mit Klagen mundtot zu machen. 

Doch Ziegler empörte sich nur noch mehr: In seiner work-Kolumne, die er ab 2004 bis fast zu seinem Tod Ausgabe für Ausgabe unter dem Titel «La Suisse existe» schrieb, notierte er im März 2022:

Was mich empört, sind nicht die astronomischen Saläre und Boni der Bankmoguln und auch nicht ihre permanente Verletzung der schweizerischen Bankgesetze. Vielmehr ist es das fürchterliche menschliche Elend, das ihr Tun in der ganzen Welt anrichtet!

Und er nannte als Beispiel Ägypten: «Der Diktator Husni Mubarak, seine Frau und seine beiden Söhne Gamal und Alaa parkierten 739 Millionen Franken bei der Credit Suisse. Im Januar 2011 demonstrierten Tausende friedlich auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Mubarak schickte Panzer und liess Hunderte seiner Landsleute ermorden.»

Doch auch mit der Ungleichheit in der Schweiz rechnete Ziegler regelmässig ab, mit ihrem Geiz, wenn es um die Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit ging, oder ihrer Schuld, wenn sie durch die Lieferung von Waffen an blutigen Konflikten und Kriegen verdiente und diese damit verlängerte. 

Jean Ziegler war einer der mutigsten Kritiker der israelischen Regierungs- und Kriegspolitik. Auch darum wurde er immer wieder beschimpft: als «Antisemit». Er jedoch empörte sich weiter und fragte im April 2025 im work:

Was bleibt von uns übrig, wenn wir zulassen, dass Israel die Palästinenser im Namen des Westens aus der Menschheit ausschliesst? Wie können wir noch hoffen, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus zu besiegen, wenn wir die Zerstörung des Menschenrechts und des internationalen Rechts billigend hinnehmen?

Der Fensteröffner zur Welt

Paris, Sartre, Beauvoir und der Existentialismus, Afrika, Antikolonialismus und Antiimperialismus, Befreiungstheologie und Befreiungskriege, Che Guevara und Fidel Castro. Bereits in den 1960er Jahren engagierte sich Jean als Uno-Experte in Afrika. In Kongo unter Diktator Mobutu. Und die halb verhungerten Kinder, Frauen und Männer, die er dort sah, veränderten sein Leben. Er schwor, sich nie auf die Seite «der Henker» zu stellen. Und der Hunger war fortan sein Herzensthema. Er bezeichnete ihn als «absoluten Skandal unserer Zeit», weil er, bei gerechterer Verteilung von Geld und Gütern, vermeidbar wäre. Und würde er nichts gegen den Hunger tun, so meinte er, könnte er nicht mehr in den Spiegel schauen: «Ich will nicht Komplize dieser Morde sein!»

SEIN HERZENSTHEMA: Jean Ziegler engagierte sich als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. (Foto: Keystone)

Stattdessen stellte er sich auf die Seite der Hoffnung und der Hoffnungsträger: Ahmed Ben Bella und Abd al-Aziz Bouteflika (Algerien), Thomas Sankara (Burkina Faso), Salvador Allende (Chile), Desmond Tutu und Nelson Mandela (Südafrika), Hugo Chávez (Venezuela), Luiz Inácio Lula da Silva (Brasilien) usw. 

Ziegler hat viele von ihnen persönlich gekannt und an sie geglaubt. Manchmal auch dann noch, wenn auf Hoffnung Ernüchterung folgte. Das Böse das Gute wieder einmal besiegt hat. 

Und nein! Ich werde mich jetzt nicht über seine tatsächliche oder auch nur vorgeworfene heisse Nähe zum einen und anderen autoritären Regime auslassen. Darüber haben sich andere zur Genüge ihr ideologisches Mütchen kühlen können. Nach dem Motto: «Sie sagen also, der Kapitalismus erzeuge Hunger, Herr Ziegler! Aber wie steht’s denn mit dem Sozialismus, hä? Wie ist es denn mit Nordkorea, Herr Ziegler? Wo geht es den Leuten besser, in Süd- oder Nordkorea, hä, hä, hä?» Zieglers Antworten gingen jeweils in den lärmigen Angriffssalven der kalten Journalisten-Krieger unter. Denn sie wollten gar nicht hören, nur senden. Sie wollten den Ziegler am Boden sehen. Auch dafür, dass sie im Grunde wussten, dass er in so vielen und grundlegenden Dingen recht hatte. Doch einer wie er durfte einfach nicht sein.

Pas comme il faut

Und dann war dieser Ziegler auch noch schlagfertig, charmant und gut gekleidet! Ihren Nachruf auf ihn übertitelte die NZZ mit: «Revolutionär im Massanzug», was wohl auf einen Widerspruch hinweisen soll. Auf Inkonsequenz. Auf einen Cüpli-Revolutionär. Jedenfalls auf einen zu Schillernden für die Schweiz. 

In ihrem Nachruf in der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» schreibt Journalistin Lorène Mesot, Ziegler sei ein Schweizer «wie kein anderer» gewesen: «un Suisse pas comme il faut». Ein ganz unschweizerischer Schweizer also. Und das stimmt auch: Er war Protestant, dann wurde er Marxist und schliesslich Katholik (dank einem Jesuitenpater) und blieb doch immer ein «communiste de cœur», ein Herzenskommunist. 

Als Beleg für ihre «Pas comme il faut»-These erzählt Mesot, was am 17. März 2009 im sehr ordentlichen Saal des Genfer Rathauses passierte, als Ziegler von der Rhonestadt gewürdigt werden sollte. Kaum stimmte die Violinistin vor den geschlossenen Rängen all der bürgerlichen Politiker die Internationale an, wollte sich Ziegler schon erheben, wollte bestimmt die Faust in die Luft werfen. Doch konnte ihn seine Frau Erica Deuber gerade noch bremsen. Journalistin Mesot ziemlich ironisch: «Was das wieder für eine Unordnung gegeben hätte in dieser konservativen Bastion des industriell-militärischen Komplexes!»

SEINE GROSSE LIEBE: Jean Ziegler mit Ehefrau Erica Deuber. (Foto: Keystone)

Szenenwechsel und wieder eine Faust: 2017 lag Jean Ziegler zur Behandlung in einem Spitalzimmer in Havanna. Zu bewundern ist diese Szene im Dokfilm «Jean Ziegler – der Optimismus des Willens» des Regisseurs Nicolas Wadimoff. Und Ziegler leidet, wirkt geschwächt und dann plötzlich hellwach, als er nämlich sieht, dass er gefilmt wird. Da schnellt der Arm hoch, und die Faust fährt in die Luft. Und niemand der anwesenden Pflegenden schaut schräg. Nur Erica Deuber, die neben dem Bett steht, beobachtet ihren Jean mit sorgenvollem Blick. 

Wieder auf dem Damm und zurück in der Schweiz, vermeldet Ziegler in der nächsten work-Kolumne: Das kubanische Gesundheitssystem sei eines der besten der Welt. Er könne davon Zeugnis ablegen, denn er sei in Kuba wegen unbekannter Bakterien plötzlich schwer krank geworden. Und jetzt kommt’s: «Im Spital Cira Garcia in Havanna erhielt ich eine Bluttransfusion, die mir das Leben gerettet hat. Nun fliesst kubanisches Blut in meinen Adern. Ich hoffe nur, der Spender sei kein dumpfer Bürokrat gewesen.» Der Jeannot hatte also auch Humor. 

Chercher la femme

Hinter jedem grossen Mann steht (mindestens) eine grosse Frau. Das war auch bei Jean Ziegler so: Hinter ihm stand seit 1999 seine zweite Frau, Erica Deuber. Auch sie ist eine Intellektuelle, eine Kunsthistorikerin und auch sie politisch aktiv: Für die PdA politisierte sie im Genfer Grossen Rat und war Kulturbeauftragte der Stadt Genf. Aus dem Hintergrund regelte sie alles für ihren Jean, der keine Ahnung von Computern hatte. In Wadimoffs Film sagt Ziegler über Deuber: «Erica konfrontiert mich immer mit der Realität.» Und sie tue das auch dann, wenn er lieber wegschauen möchte. Offenbar hat Deuber den Ziegler immer mal wieder vom Kopf auf die Füsse gestellt – und ihn so auch vor Blamagen geschützt. 

Blöd nur, dass sie bei der ärgerlichsten und erst noch sexistischen Peinlichkeit noch nicht an seiner Seite stand. 1993 nämlich, als Ziegler bei der Macho-Schlammschlacht gegen SP-Bundesratskandidatin Christiane Brunner mitmachte. Da hätte er es dringend nötig gehabt, dass ihn jemand auf den Boden der Realität zurückholt. Und ihm die Ohren langzieht.

Das hätte Erica Deuber frei nach ihrem Lebensmotto bestimmt auch getan. Sie verriet es mir vor Jahren in einem Interview. Sie sagte, sie sei «für Toleranz und Ironie in unwichtigen Dingen, aber für Intoleranz und radikale Kritik in wesentlichen Fragen wie Rassismus und Sexismus!». Voilà!


Es geht das Gerücht, work-Kolumnist Ziegler sei gestorben. Unsinn! Zwar gibt es auf dem Genfer «Friedhof der Könige» ein Grab mit seinem Namen. Doch:Jean Ziegler lebt!

von Oliver Fahrni

IN JUNGEN JAHREN: Der damalige SP-Nationalrat Jean Ziegler 1973 im Bundeshaus. (Foto: Keystone)

In der Nacht zum 27. September 1990 stach in Barcelona ein Schiff namens «Hoggar» in See, mit Kurs auf Algier. Es brachte Ahmed Ben Bella aus dem Exil zurück, den ersten Präsidenten (1962 bis 1965) des befreiten Algerien. Jean Ziegler schlenderte über Deck. An der Reling diskutierte Otelo Saraiva de Carvalho, Kopf der portugiesischen Nelkenrevolution, mit Kubanern, Befreiungskämpferinnen aus Angola und Bolivaristen aus Lateinamerika. Italienische Operaisten und griechische Kommunistinnen stritten mit. Unter einer Deckleuchte feilten Leute an einer Protestnote, weil Spanien die palästinensische Delegation an der Reise gehindert hatte. 

Fossilien det Weltrevolution

Und Ziegler mittendrin. Umarmungen, über Deck gerufene Grüsse, Erkundungen nach der Familie, spielerische Wortgefechte zeugten vom Respekt für den Professor der Soziologie, den kämpfenden Autor, den Genossen, den man in der Schweiz mit Hass, übler Nachrede und ruinösen Prozessen überzog. Als wir bis zum Bug spaziert waren, drehte er sich um und sagte: «Schau dir das an. Wir sind die Fossilien der Weltrevolution.» Dann lachte er über sich selbst.

Ziemlich lebendig (und kokett) für ein Fossil. Es war eine Epoche globalen Umbruchs. Die Sowjetunion zerfiel. Die triumphierende «kannibalische Ordnung» des Kapitals streckte ihre Greifer in die hintersten Ecken der Welt. Ziegler ahnte, wie die Dinge standen, denn er war ein Professor, der seine Thesen immer wieder im Feld auf die Probe stellte. Wobei ihn, den «Thuner Kleinbürger», neben Wut manchmal auch helle Panik befiel, auf klandestinen Dschungelpfaden, in der Wüste, in den wuchernden Grossstädten des Globalen Südens oder auch mal in einem «schrecklichen» Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos. Seine afrikanischen und lateinamerikanischen Studierenden hielt er an, dasselbe zu tun. Hunderte sind durch seine Schule am Afrikanischen Institut in Genf und am renommierten Institut für Internationale Studien (ebenfalls in Genf) gegangen. Hin und wieder sassen auch Staatschefs in seinen Vorlesungen. 

Resignation ist keine Option

Später in jener Nacht auf der «Hoggar» sprach Ziegler über die Abwesenden. Über Thomas Sankara, den die Jugend von Burkina Faso bis heute den «Che ­Afrikas» nennt: mit 37 Jahren in Ouagadougou ermordet. Über Amilcar Ca­bral, 1973 in Conakry gemeuchelt, nur Tage vor der Unabhängigkeit. Über Pa­trice Lumumba, den kongolesischen Regierungschef, 1961 in Katanga erschlagen und in Säure aufgelöst. Mehdi Ben Barka, Marokkaner, 1965 in Paris entführt und zu Tode gefoltert. Samora Machel, Guerrillachef und Poet … und viele andere bekannte oder weniger bekannte Opfer, welche die postkolonia­le Unterdrückung gefordert hat. Eine ganze Generation afrikanischer Hoffnungsträger ausradiert. 

Weil so viele Tote seinen Lebensweg säumten, nahm Ziegler die Lebenden besonders resolut in die Pflicht. Sich selbst, den «unbeschreiblich Privilegierten» zuvorderst. Regeln:

Schlage dich niemals auf die Seite der Henker. Suche überall die Hoffnung, die Möglichkeit. Niemals aufgeben, beklage dich nie.

Schon sehr früh, kaum einer «sehr glücklichen Kindheit» entwachsen, packte ihn «der Horror» über den Weg, der ihm vorgezeichnet schien. Juristerei, dann vielleicht Gerichtspräsident und Oberst in der Garnisonsstadt Thun wie sein Vater. Jean brach aus. Paris, kommunistische Jugendgruppe, die Nachmittage bei Jean-Paul Sartre an der Rue Bonaparte, die strenge Fürsorge Simone de Beauvoirs. Dann in Kongo ein Job für die Uno. Das Land war frisch befreit, nach langer belgischer Kolonialherrschaft, die Historiker als «besonders grausam» beschreiben. Es war Zieglers Begegnung mit dem ganz realen Horror von Elend, Hunger, Krieg, Chancen­losigkeit. 

Um ihn war es endgültig geschehen: Im Kampf gegen den kapitalen Totentanz erkannte er seinen persönlichen kategorischen Imperativ: «Wer die Humanität des anderen zerstört, zerstört seine eigene. Ich bin der andere, der andere ist ich.» Unbeirrbar, ein Leben lang. 

Zieglers Wärmestrom

Ziegler geht von den Bedürfnissen aus, keiner kalten Systemkritik. «Wärmestrom» nannte der deutsche Philosoph Ernst Bloch diese Methode. Wenn jedes Jahr Millionen verhungern und noch mehr Menschen für immer handicapiert bleiben, weil Lebensmittelspekulation und kapitalistische Mechanik ihnen das Essen verweigern, muss der Kapitalismus beseitigt werden. Alles klar. Und dann beginnt die Kleinarbeit, in die sich Ziegler zwischen 2000 und 2008 als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung mit ganzer Kraft reinhängt. Immer auf der Suche nach Lücken, die der Teufel lässt: Ihn interessierten die Möglichkeiten, die sich trotz erdrückender ökonomischer Logik vielleicht dennoch auftun. Beeindruckt schrieb Francesca Albanese, Uno-Beauftragte für ­Palästina: «Er war nicht nur ein Vorläufer, er war ein Riese.»

Die subversive Freundin

Entlarvend, wie die Wahrnehmungen zu diesem Mann kontrastieren. Landesverräter in der Schweiz, Denker und Diplomat von hohem Rang in Frankreich, Skandinavien oder Deutschland, verlässlicher «grosser Bruder» in vielen Ländern des Südens. Seine Banken-Bücher wurden weltweit millionenfach verkauft. 

Nur, er selbst favorisiert «Die Lebenden und der Tod». Was Wunder: Ziegler war in den 1970er Jahren aufgebrochen, die Totenrituale im schwarzen Brasilien zu erkunden. Daraus wurde ein brennend aktuelles Manifest. Unsere Endlichkeit, schreibt Ziegler in der Essenz, ist Skandal und subversive Freundin zugleich. Im Kapitalismus ist der Tod zum blossen Ende der Produktionsfähigkeit degradiert. Bekommt er aber seinen Platz in der Gesellschaft, «macht der Tod uns zu verantwortlichen Subjekten der eigenen Existenz», schreibt er. Er hole uns aus der Betäubung: «Um die Angst vor dem eigenen Tod etwas zu mindern», versuche er «jeden Tag so viel Freude für sich und die anderen, so viel Sinn wie möglich zu erschaffen». 

Und dann fällt das Wort von der «Humanisierung des Menschen». Wie bitte? Jagt da eine Katze den eigenen Schwanz? Nein, es ist ein Schlüsselsatz zu Zieglers Engagement. Er meint: Die Grundbedingung menschlichen (Über-)Lebens ist Kooperation. Also Solidarität. Und die braucht Empathie. Nicht Marx hat das erfunden und auch kein Jesuit, das lehrt uns die Anthropologie. Unsere fernen Vorfahren wären um ein Haar ausgestorben. Gerettet hat sie Zusammenarbeit, Sprache, gegenseitige Hilfe. Sie haben den Homo sapiens produziert. Solidarität ist in unsere Gene eingeschrieben. 

Er hat es geschafft

Seinem Soziologiekollegen Ueli Mäder, der mit einem feinen Gehör ausgestattet ist, hatte Ziegler anvertraut: «Ich will lebend sterben.» Das ist ihm geglückt.

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