1x1 der Wirtschaft
Endlich Strom in meiner Lieblingsfarbe!

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Von den Krankenkassen kennen wir das: Jedes Jahr werden die Ver­sicherten nach der Prämienbekanntgabe mit teuren Werbekampagnen zum Wechseln animiert. Werbung für ein neues oder besseres Produkt könnte man ja noch verstehen. Aber das «Produkt» der Kassen ist im Kern überall exakt das gleiche: der gesetzlich festgelegte Leistungskatalog. Entsprechend dreht sich die Werbung auch nicht um das Produkt, sondern etwa darum, bei welcher Kasse der Mensch wirklich am meisten im Zentrum steht.

Karussell

Noch viel uniformer als der KVG-Leistungskatalog ist Strom: es ist elektrische Wechselspannung, die zu 230 Volt aus der Steckdose kommt. Ohne Farbe, ohne Geruch, ohne Geschmack. Ein im Konsum äusserst banales Produkt also. Doch nun soll beim Strom exakt jenes Wechselkarussell eingerichtet werden, das wir schon von den Krankenkassen kennen: Mit der vollständigen Marktöffnung im Rahmen des mit der EU ausgehandelten Strommarktabkommens sollen Kleinkundinnen und -kunden zunächst jedes Jahr und irgendwann sogar alle 24 Stunden den Stromanbieter ­wechseln können. Klingt verlockend? Nicht wirklich. Die meisten Leute werden wohl dringlichere Alltags­sorgen haben als die Frage, ob das Logo ihres Stromanbieters nun blau oder gelb sein soll. Was hingegen ziemlich vielen spätestens seit der «Stromkrise» vor drei Jahren wichtig sein dürfte, ist, dass der Strom stets zu fairen und stabilen Preisen aus der Steckdose kommt.

Blauäugig

Doch genau das ­entscheidet sich nicht auf der Verbrauchs-, sondern auf der Produktions- und Regulierungsseite: Wie stellen wir sicher, dass die Schweiz die Energiewende hin zu Nettonull 2050 möglichst bald und für alle bezahlbar hinkriegt? Zum Beispiel mit einer öffentlichen Investitionsoffensive, mit einem beschleunigten Netzausbau, mit regulierten und gegen grosse Schwankungen abgesicherten Preisen. Sprich: mit einem starken und agilen Service public im Strombereich. Und ja: Dafür gibt es heute viel Verbesserungspotential. Zu meinen, diese Verbesserungen ergäben sich aber automatisch über eine durch die Marktöffnung herbeigeführte «Flurbereinigung», ist aber mehr als blauäugig. Und ziemlich ­altmodisch: siehe die Vielzahl der gescheiterten Beispiele der Vergangenheit im In- und Ausland.

Reto Wyss ist Ökonom beim ­Schweize­rischen Gewerkschaftsbund (SGB).

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