Interview mit Grossunternehmer Simon Michel
«Wir sind in der Schweiz auf Offenheit angewiesen»

Ypsomed-Chef und FDP-Nationalrat Simon Michel über den Kampf gegen rechte Abschottungs­politik, neue Fabriken für Insulinpens und ­darüber, wie er es schafft, in Solothurn aus seiner ­Bubble rauszukommen.

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SIMON MICHEL: «Abschottung ist das Kernprogramm der SVP. Das ist problematisch für die Schweiz.» (Foto: Keystone)

work: Herr Michel, auf welche Schweizer Qualitäten sind Sie besonders stolz?
Simon Michel: Präzision und Zuverlässigkeit. Die Schweiz hat als Design-und-Engineering- Standort immer noch einen erstklassigen Ruf. Zuerst waren es Uhren, dann Medtech und Pharma, und jetzt sind wir in einer super Ausgangslage für Robotik. Wir haben die Feinmechanik, Metallverarbeitung, und bei der Software gibt es ebenfalls viel Know-how.

Und was aus der Welt würden Sie gern in die Schweiz importieren?
Offenheit, Toleranz, Multikulturalität. Teams, die diverser sind, bringen deutlich bessere Leistungen. Das stelle ich auch bei uns im Unternehmen fest. Wenn wir nicht offen für Neues sind, dann fehlt ein wichtiger Pfeiler für unseren zukünftigen Erfolg. Unsere Vorfahren, die hatten diese Offenheit. Sie gingen in die Welt hinaus und haben auch Menschen und Innovationen in die Schweiz geholt.

Geht es mit der Offenheit in der Schweiz bachab?
Meine Wahrnehmung ist, dass die Offenheit abnimmt, und ich sehe politische Ursachen dafür. Christoph Blocher drehte den Kurs der konservativen Bauern- und Gewerbepartei hin zum Rechtspopulismus. Seither verfolgt die Partei zwei Ziele: den Kampf gegen die Institutionen, in erster Linie die europäischen, aber immer mehr auch die schweizerischen. Und das zweite ist die Ausländerfeindlichkeit. Wenn man das 30 Jahre lang macht und immer grösser wird, dann geht die Offenheit Stück für Stück verloren. Abschottung ist das Kernprogramm der SVP. Das ist problematisch für die Schweiz, denn wir sind als kleines Land in fast jeder Hinsicht auf Offenheit angewiesen.

Wie erleben Sie den Abstimmungskampf um die SVP-Initiative?
Der Abstimmungskampf ist aggressiv. Ich werde persönlich angegriffen. Aber das gehört wohl zu meinem Job als Nationalrat. Ich tue es für die Sache, für unser Land, weil ich überzeugt bin, dass der Abschottungskurs falsch ist. In den letzten Wochen habe ich einen Umschwung erlebt, auch ausserhalb meiner Bubble. Immer mehr Leute erkennen die Schäden, welche die Initiative ver­ursacht.

Wo gehen Sie aus Ihrer Bubble raus?
Das passiert in der Schule unserer Kinder, im Quartier, auf dem Markt in Solothurn. Wir haben auch mit der Unia einen Event zur 10-Millio­nen-Schweiz bei Ypsomed organisiert. Da haben wir die möglichen Auswirkungen der Initiative auf die Arbeitnehmenden und auf Ypsomed ­besprochen. Da gab es nicht nur Zustimmung. Und da kam auch die Diskussion auf über steigende Mieten und immer vollere Züge. Wir haben auf jeden Fall Handlungsbedarf nach dem 14. Juni.

Aber im Parlament arbeitet die FDP oft mit der SVP zusammen. Zum Beispiel bei den Mieten.
Beim Thema Mieten geht es mehr um die kanto­nalen Vorgaben. Wir brauchen strenge Bauvorschriften, aber wenn die eingehalten werden, muss man bauen können. Da haben einzelne unzufriedene Bürger zu viele Einsprachemöglichkeiten.

Was hat Sie dazu veranlasst, Politiker zu werden?
Als wir nach Solothurn umgezogen sind, stand ­eines Morgens ein Herr im grauen Anzug mit Brot und Konfitüre vor der Tür. Das war Kurt Fluri, er war Nachbar und Stadtpräsident von Solothurn. 2023 bin ich dann als sein Nachfolger in den Nationalrat gewählt worden. Zuvor war ich schon im Vorstandsausschuss von Economiesuisse. Zusammen mit Petra Gössi, Elisabeth Schneider-Schneiter, Magdalena Martullo-Blocher und Martin Schmid vertrete ich im Parlament für ­Economiesuisse die Sicht der Wirtschaft.

Aber bei der aktuellen Initiative gibt es ja eine grosse Differenz mit Magdalena Martullo-Blocher.
Ich schätze sie bei vielen Themen sehr. Sie bringt viel Sachwissen zu Freihandelsabkommen und Steuerfragen mit, und sie hat viel Erfahrung als Arbeitgeberin. Beim EU-Dossier ­haben wir aber eine diametral andere Sicht. Aber das ist das Erbe ihrer Familie, unternehmerisch macht das überhaupt keinen Sinn.

Fühlen Sie sich als Unternehmer manchmal nicht etwas einsam an der Nein-Front?
Nein, gar nicht. Das Nein wird sehr breit getragen. In den Medien bin ich oft im Rampenlicht, aber in den Handelskammern und Wirtschaftsverbänden haben wir überall die Mehrheit. Und auch bei der FDP ist eine klare Mehrheit gegen die Initiative.

Es gibt auch EU-Skeptiker in der FDP, etwa Fredy Gantner mit der Kompass-Initiative.
Hinter der Kompass-Initiative stehen keine Unternehmer im eigentlichen Sinn. Das sind Investoren. Sie legen das Geld von Pensionskassen und vermögenden Menschen in Unternehmen an. Diese Unternehmen brauchen die bilateralen Verträge nicht, da bis auf zwei alle im Ausland domiziliert sind. Sie haben einfach Angst, dass eines Tages eine Steuer entstehen könnte, welche die Schweiz übernehmen müsste. Das ist natürlich völlig absurd.

Was wäre für Sie das Hauptproblem, wenn die SVP-Initiative angenommen würde?
Als Unternehmer ist man verantwortlich gegenüber den Mitarbeitenden, den Aktionären und den Kundinnen und Kunden. Wir haben auch eine gesellschaftliche Verantwortung: Wir müssen unsere Insulinspritzen jederzeit liefern ­können. Als ich 2014 als CEO bei Ypsomed begonnen habe, hatten wir im Ausland noch keinen Franken investiert. Heute sind es jährlich 250 Millionen Franken im Ausland und 50 Millionen in der Schweiz. Es sind also nur noch 20 Prozent, die wir für Infrastruktur und Produktionsanlagen in der Schweiz ausgeben. Das tut weh. Aber das ist auch eine Konsequenz der Abschottung. Wir bauen diese Fabriken nicht für fünf Jahre, sondern für dreissig Jahre.

Wie wichtig ist die Personenfreizügigkeit für Sie als Unternehmer?
Das ist ein wesentlicher Punkt für Standortentscheide. Wer würde im Falle der Wiedereinführung von Kontingenten zuerst die Leute bekommen? Die Pflege, das muss so sein. Dann die Landwirtschaft, weil sie die beste Lobby im Parlament hat. Und dann erst die Wirtschaft, also Gewerbe und Industrie. Ich möchte unbedingt verhindern, dass wir in ein Konkurrenzverhältnis zwischen Landwirtschaft und Wirtschaft oder Industrie und Gewerbe geraten. Das schadet!

Und dennoch haben Sie Sympathien für eine Zuwanderungsabgabe. Widerspricht sich das nicht?
Eine solche Abgabe habe ich vor zwei Jahren sogar selber vorgeschlagen. Ich bin der Meinung, dass die Wirtschaft auch einen Beitrag leisten muss. Meine Idee war, dass die Unternehmen ­für EU-Kontingente zahlen. Aber bei den Pflegeverbänden, bei der Tourismusbranche und auch ­bei Economiesuisse wollte man davon nichts wissen. Wenn wir in gewissen Branchen eine ­Arbeitslosigkeit von über drei bis vier Prozent hätten, bin ich weiterhin für eine solche Abgabe, das ist ganz anders als eine Deckelung der Be­völkerung.

Wie wird sich Ypsomed in den nächsten Jahren entwickeln?
2030 werden wir 50 Prozent der Produktion in Deutschland machen. 25 Prozent in der Schweiz. Und je 12,5 Prozent in den USA und China. Wir verlagern keine Stellen, aber das Wachstum findet weniger in der Schweiz statt. Der Hauptsitz der Firma bleibt aber in der Schweiz. Das ist steuerlich interessant. Die Produktionsstandorte sind im Ausland, und die Gewinne repatriieren wir in die Schweiz. Die Schweiz profitiert, ohne dass wir Ressourcen benötigen.

Und warum bauen Sie die neuen Fabriken gerade in Deutschland und den USA?
Der Ausbau der Produktion in Schwerin hat verschiedene Gründe. Initial war es die Auf­hebung der Euro-Franken-Bindung. Die Währungsunterschiede haben uns zu viel gekostet. Und wir haben Orte gesucht, wo es genügend Fachkräfte hat. In Mecklenburg-Vorpommern und in North Carolina gibt es sehr gute Fachhochschulen. Die Zölle von Trump und die ­SVP-Politik bestätigen, dass wir mit den neuen Standorten richtig liegen.

Und was bedeutet für Sie die Sozialpartnerschaft mit den Gewerkschaften?
Wir arbeiten auf Betriebsebene mit keinen Gewerkschaften zusammen. Ich habe die Unia vor drei Jahren eingeladen, und wir haben den Arbeitnehmerschutz angeschaut und das bei uns getestet. Wir kamen zum Schluss, dass wir für unser Unternehmen keine Vorteile sehen und dass die Beteiligung über die Personalkommission gut funktioniert. Das ist auch in Deutschland so, dort haben wir auch keinen Betriebsrat.

Wie ist sonst die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften?
Die Diskussionen im Vorfeld der Bilateralen III waren notwendig. Wir konnten Kompromisse finden. Die Massnahmen 13 und 14 sehe ich als sinnvolle Ergänzung. Ich finde den Schutz von Personen bei unrechtmässigen Kündigungen sehr wichtig. Die Forderung der Gewerkschaft ist eigentlich selbstverständlich.

Wo steht die Schweizer Industrie in zehn Jahren?
Es wird weiterhin in vielen Nischen geforscht und produziert. China holt aber extrem auf, auch mit sogenannten Dark Factories, wo alle Arbeitsschritte voll automatisiert sind. Unsere neue Fabrik in Schwerin geht auch in diese Richtung. Mit der Automatisierung verdoppeln wir die Produktivität, und die Mitarbeitenden sind mehr in der Steuerung der Maschinen tätig. Wir haben auch in eine Schule investiert, die mit der Stadt und dem Bundesland betrieben wird. Dort werden die Leute für diese neuen Aufgaben ausgebildet, und sie verdienen auch mehr.

Ist das Ihr wichtigstes gesellschaftliches Engagement?
Wir müssen das BIP pro Kopf steigern! Wenn wir das machen, dann können wir mehr umverteilen, so einfach ist das. Das ist die Formel und der Kern meines politischen Engagements.

Umtriebig: Die vielen ­Ämter des Simon Michel

Seit 2014 ist Simon Michel (49) CEO des ­Medtech-Unternehmens Ypsomed mit Hauptsitz in Burgdorf BE und 1600 Mitarbeitenden in der Schweiz. Die Firma produziert Injektionsgeräte für flüssige Medikamente, die bei Krebsthera­pien zum Einsatz kommen, oder auch Insulinpumpen für Diabetikerinnen und Diabetiker. ­Gegründet wurde das Unternehmen von Willy ­Michel, dem Vater von Simon Michel. Seit 2023 sitzt Simon Michel für die FDP Solothurn im ­Nationalrat. Er ist zudem im Vorstands­ausschuss des Wirtschaftsdachverbandes ­Economiesuisse und Präsident der Organisation Progresuisse, die sich für ein gutes Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU einsetzt. ­Ausserdem vertritt Michel als Inlandmitglied der Organisation ASO die Interessen der Auslandschweizerinnen und -schweizer im Bundeshaus.

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