Die Arbeitslosenkassen haben aufgeholt, aber:
«Die Mitarbeitenden sind nun müde und erschöpft»

Anfang Jahr stellten die Arbeits­losenkassen auf ein neues ­IT-System um – Asal 2.0 –, es kam zur nationalen ­Riesenpanne mit Folgen bis heute. ­Gewisse Prozesse des Systems seien nach wie vor zu umständlich, sagt ALK-Chef Timur Öztürk.

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TURBULENTE ZEIT HINTER SICH: Timur Öztürk und sein Team in der Unia-Arbeitslosenkasse mussten in den letzten Monaten viel Sondereffort leisten. (Foto: Manu Friederich)

Asal 2.0 hat in den letzten Monaten vielen Menschen Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte ­bereitet: Arbeitslosen, die auf ihr Geld warten mussten, und den Mitarbeitenden der Arbeitslosenkassen. Das neue IT-System, über das Arbeitslosenanträge vom RAV und sämtlichen Arbeitslosenkassen seit Anfang Januar bearbeitet werden, lief mit diversen Pannen an. Ein System, das eigentlich die Abläufe für sämtliche Betroffenen vereinfachen sollte, sorgte erst mal für Chaos und massive Verzögerungen bei den Auszahlungen. Viele Versicherte berichteten, dass sie ihr Arbeitslosengeld nicht bekommen hätten und deswegen in Zahlungsschwierigkeiten, etwa bei der Miete oder der Krankenkasse, geraten seien. Auch die Unia-Arbeitslosenkasse (ALK) – neben den kantonalen Trägern die grösste in der Schweiz – war von der Panne betroffen, konnte aber einiges mit Gegenmassnahmen abfedern, dank guter Vorbereitung und ausserordentlichem Einsatz der Unia-Mitarbeitenden. So wurde bereits vor der Umstellung zusätzliches Personal eingestellt, das in Schulungen auf Asal 2.0 vorbereitet wurde. Timur Öztürk von der Unia-Geschäftsleitung und Chef der ALK, sagte im Fe­bruar gegenüber work:

Wir hatten keine wirk­lichen Probleme bei der Nutzung, auch wenn es noch einige Aspekte gibt, die verbessert werden müssen. Aber es ist auch klar, dass man angesichts einer Panne wie der aktuellen nicht viel ausrichten kann, trotz allen getroffenen Vorkehrungen.

Mehr Personal nötig

Wie sieht es heute aus, rund fünf Monate nach der Umstellung? Hat sich die Lage normalisiert? «Das System ist grundsätzlich stabil, und seit längerem erleben wir keine Systemausfälle mehr», sagt ­Timur Öztürk. Die Systemperformance habe sich ebenfalls merklich verbessert. «Die Kassen konnten einen grossen Teil der Rückstände abarbeiten und haben laut Seco durchweg das Vorjahresniveau erreicht.» Aber:

Das ist den Kassen durch Sondereffort, Samstagseinsätze und Überstunden gelungen. Die Mitarbeitenden sind nun müde und erschöpft.

Als Folge mussten die Kassen mehr Personal einstellen. Einerseits, um die Angestellten zu entlasten, andererseits, weil Asal 2.0 ak­tuell ein höheres Arbeitspensum erfordert.

Umständliches System

«Die grösste Problematik ist zurzeit, dass gewisse Prozesse des Systems viel zu umständlich sind und unnötige Zwischenschritte erfordern. Das muss zwingend unverzüglich vom Seco angegangen werden», sagt Timur Öztürk. Von einer «normalen Situation» könne deshalb noch nicht gesprochen werden.

Noch sind die Kassen mit dem neuen System also nicht gleich effizient wie mit dem alten. Timur Öztürk findet die Umstellung dennoch richtig und wichtig.

Das alte System war ein einfaches Eingabesystem. Die Mitarbeitenden hatten das ganze Regelwerk zu Ansprüchen und Zahlungen im Kopf. Dabei wurden natürlich zwangsläufig viele Flüchtigkeitsfehler und gröbere Fehler gemacht.

Beim neuen System sei das Regelwerk in die Prozesse integriert, was die Fehlerquote enorm verringere. «Dafür muss die Sachbearbeiterin oder der Sachbearbeiter neu aber viele Daten pflegen, was die Prozesse umständlicher macht.» Das Ziel müsse deshalb sein, eine Vereinfachung zu erreichen, ohne dass auf die positiven Elemente des neuen Systems verzichtet werden müsse.

Schnell und unkompliziert

Arbeitslose, die noch immer auf ihr Geld warten, sollten unbedingt eine Reklamation bei der entsprechenden Stelle der Kasse einreichen und Vorschüsse beantragen. Die Arbeitslosenkasse der Unia etwa verfügt über ein Beschwerdemanagement. «Betroffene melden sich via Mail bei uns (quality.alk@unia.ch). Dann prüfen wir schnell und unkompliziert, weshalb es noch zu keiner Auszahlung kam», sagt Timur Öztürk.

Es sei aber auch wichtig zu erwähnen, dass nicht immer die Kasse oder die neue Software schuld seien, wenn noch kein Bescheid vorliege. «Es kann auch daran liegen, dass die Anspruchsabklärungen, die in der Regel 30 bis 45 Tage und bei komplexeren Fällen durchaus auch länger dauern, noch nicht abgeschlossen sind, zum Beispiel, weil noch Dokumente oder Informationen fehlen von Versicherten, Arbeitgebern oder anderen Behörden.»

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