Erstes Buch von Parshad Esmaeili: «Mama müde, Papa weg. Ich laut»
Das Leben einer Alleinerzogenen

So wie Parshad Esmaeili (29) ­aufgewachsen ist, ergeht es Tausenden: Der ­Vater ist weg, die Mutter schuftet, Armut und Einsamkeit sind ­hartnäckige Begleiter.

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UNTERHÄLT AM BILDSCHIRM UND ALS AUTORIN: Parshad Esmaeili schreibt über ihre Kindheit mit einer ­alleinerziehenden Mutter, die Lektüre ist alles andere als deprimierend. (Foto: Keystone)

In diesem Moment geht der Lebenstraum eines Mädchens in Erfüllung: Parshad Esmaeili betritt in einem violetten Rüschenrock und einem hautengen Lederkorsett tanzend die Bühne. Ihre schwarzen langen Haare sitzen wie eine Eins. Ihr Markenzeichen, die graue Strähne, perfekt inszeniert. Es ist ein grosser Moment für die Entertainerin: Sie moderiert Ende März zum ersten Mal ihre eigene Gameshow «Neo Match Up» bei ZDF. Warum dieser Moment für Parshad so viel Bedeutung hat? Genau solche Moderatorinnen und Shows haben sie in ihrer eigenen Kindheit vor der erdrückenden Einsamkeit gerettet.

Parshad wächst in einer Kleinstadt bei Hessen (D) in schwierigen Umständen auf. Der Vater ist weg, die Mutter ständig bei der Arbeit. Ihr konstanter Begleiter gegen das Alleinsein: der Fernseher. Sie beschreibt in ihrem Buch eine Szene aus ihrer Kindheit wie folgt:

Ich schüttle die quälenden Gedanken ab und begebe mich auf die Suche nach meiner Rettung. Auf die Suche nach dem Instrument, das mich zum Licht am Ende dieses angsteinflössenden Tunnels führt, und ich finde es hinter der Couch: die Fernbedienung für den Fernseher.

So, wie Parshad gross wird, ergeht es Tausenden Kindern. Ihr Bruder und sie werden von der Mutter allein aufgezogen, die Armut und die Diskriminierung aufgrund ihrer iranischen Herkunft erschwert der Familie täglich das Leben. In ihrem ersten Buch beschreibt sie eindrücklich die Scham über die Armut und den Spagat zwischen Liebe und Wut ihrem Vater gegenüber. Ihr Ventil: Comedy. Denn Parshad ist überzeugt: «Entertainment rettet!»

Humor als Schutzschild

So ist denn auch Parshads Buch keineswegs eine deprimierende Lektüre, trotz den schweren Themen. Parshad zeigt, wie ihr eigener Humor ihr als Schutzschild gegen die schwierigen Lebensumstände dient. Mit Hilfe der Komödie jede Tragödie kompensieren. Parshad schreibt:

Um irgendwie mit dem ganzen Shit klarzukommen, mache ich sehr oft Witze über die gesamte Situation mit meinem Papa. Sobald ich stolpere oder irgendetwas anderes völlig Weirdes passiert, fällt oft der Satz: Mit Vater wäre es anders.

Die vielen Stunden vor dem Fernseher haben bei Parshad eine Faszination und eine Motivation hinterlassen, Menschen zum Lachen zu bringen. Erste Comedy-Sketches veröffentlichte Parshad auf Social Media. Auf Tiktok und Instagram unterhält sie ihr Millionenpublikum zu lustigen Videos über Pickel, Sexualisierung im Internet und nervige Autofahrer. Auf Youtube hat Parshad ihr eigenes Format bei Funk, wo sie Challenges auf die Beine stellt. Beispielsweise ordnet sie 10 Personen nach Beziehungsform oder Lieblingssportart an, indem sie lustige Fragen stellt. Erst das eigene Format bei Funk, jetzt die eigene Fernsehshow bei ZDF. Läuft bei ihr! Doch so einfach war es nicht.

Einfach echt

Den Erfolg als Entertainerin ist Parshad nicht in den Schoss gefallen. Mit ihrer Migrationsgeschichte und dem Aufwachsen in Armut hat sie viel Diskriminierung erlebt. Umso grösser war der Druck, gut in der Schule zu sein. Sie schreibt: «Eine Eins in Englisch wird sicher nicht dazu führen, dass wir alle zusammen einen Ausflug in den Europapark machen, aber mir dabei helfen, eines Tages einen Platz an meiner Traum-Uni zu ergattern, um schneller an das Ziel zu kommen, so viel Geld zu verdienen, dass Mama nur noch wenig arbeiten muss.»

Ein vielschichtiges Werk, das die Leserschaft gut unterhält, zum Lachen bringt und all den Kindern von Alleinerziehenden eine Stimme gibt. Die einzige Challenge beim Lesen: die Jugendsprache im Tiktok-Slang. Doch genau dieses Stilmittel zeichnet Parshads Arbeit aus: Sie ist einfach echt.

Parshad Esmaeili: Papa weg. Mama müde. Ich laut. 224 Seiten, Knaur-Verlag, Fr. 28.90. Auch als Hörbuch erhältlich.

Alleinerziehende: Familie als Armutsrisiko

In der Schweiz sind 26,2 Prozent der Allein­erziehenden von Armut betroffen, schreibt Caritas. ­Zudem ist mehr als jede fünfte Familie mit drei oder mehr Kindern von Armut gefährdet. Armut ist gerade bei Familien mit vielen Kindern, mit sehr kleinen Kindern oder bei Alleinerziehenden ein grosses Risiko.

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