Saisonnier-Ausstellung in Zürich
Ihre Arbeit – unser Wohlstand

In der Ausstellung «Wir, Saisonniers…: Zürich 1931 bis 2026» erzählen ­Betroffene von ihren Erfahrungen. Zum Beispiel Delfina Gonzalez Gander (66), die mit 16 Jahren aus Spanien in die Schweiz kam. work hat sie getroffen.

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DELFINA GONZALEZ GANDER: «Ich habe erst später realisiert, wie schwer es für andere war.» (Foto: Linus Rieser)

Die ehemalige Saisonnière Delfina Gonzalez Gander sagt: «Ich habe mich mit 16 Jahren für eine Saisonstelle beworben, im Gastgewerbe. Mit dem Zug bin ich von Spanien in die Schweiz gereist. Eineinhalb Tage war ich unterwegs, der Zug war voller Migrantinnen und Mi­granten. In Genf musste ich die sanitäre Grenzkontrolle passieren. Man musste sich oben nackt ausziehen und warten und dann durch eine Art Viehgatter gehen. Es hatte Frauen, die weinten. Ihnen war es peinlich, sich so zu entblössen, oder sie waren enttäuscht, weil sie wegen Krankheit oder Schwangerschaft zurückgeschickt wurden.» Das war 1976.

«Stets gut gelaunt und fleissig»

Gonzalez arbeitete in der Gastronomie auf der Göscheneralp, auf dem Weissfluhjoch oberhalb von Davos und im Tessin. In einem Video in der Ausstellung erzählt sie von ihren ersten Jahren in der Schweiz:

Mein Arbeitgeber hat geschaut, dass die Nationalitäten untereinander blieben – beim Übernachten, am Tisch, bei der Arbeit. Die Saisonniers, die schon länger hier waren, hatten den Auftrag, uns Neue zu begleiten. Sie hatten das gleiche erlebt wie wir, sie standen auch einmal alleine hier. Ich habe von ihnen viel Solidarität erfahren.

Nach fünf Sommer- und Wintersaisons zog Gonzalez Gander nach Zürich, erhielt die Aufenthaltsbewilligung B und heiratete einen Schweizer, mit dem sie bis heute zusammenlebt. Auch ihr früherer Ausländerausweis und Arbeitszeugnisse sind in der Ausstellung zu sehen. Im Arbeitszeugnis steht: «Sie ist stets gut gelaunt und fleissig.»

Spanien unter Franco

Zu ihrer Motivation, in die Schweiz zu kommen, sagt Gonzalez Gander: «In Spanien hatte ich mit 14 die obligatorische Schule beendet. Arbeit gab es keine, und für eine weiterführende Schule hatten meine Eltern kein Geld. Sie waren selber nicht gebildet, aber Bildung war ihnen wichtig. Als ich zuerst als Haushaltshilfe zu Verwandten in die Schweiz kam, habe ich gemerkt: Hier habe ich Chancen. In Spanien bin ich unter Franco aufgewachsen, in einer frauenfeindlichen, repressiven Gesellschaft. Den einzigen Beruf, den ich Frauen in Spanien ausüben sah, war Fischerin oder Bäuerin. In der Schweiz sah ich, dass Frauen im Büro oder als Lehrerinnen arbeiten können.» Gonzalez Gander holte in Zürich die Matur nach. Mit diesem Abschluss konnte sie im Alter von 33 Jahren eine höhere Ausbildung abschliessen und arbeitete als Sozialpädagogin in verschiedenen Institutionen, unter anderem im Hort. Gonzalez Gander sagt:

Das Saisonnier­statut war für mich persönlich eine Chance. Ich habe erst später realisiert, wie schwer es für andere war.

AUFBEWAHRT: Gonzalez’ Ausländerausweis von 1976. (Foto: Linus Rieser)

Traumata der versteckten Kinder

Die strengen Gesetze gegen den Familiennachzug hätten sie als alleinstehende Frau nicht direkt betroffen. Aber rückblickend erkenne sie vor allem die Gesetzgebung und die Behörden als fremdenfeindlich. Die Geschichten und Traumata der Zehntausende illegalisierten und versteckten Kinder müssten in der Schweiz noch aufgearbeitet werden. In der Ausstellung sind auch Briefwechsel zwischen Saisonniers und der Fremdenpoli­zei ausgestellt, welche die Unnachgiebigkeit und Härte der Behörden dokumentieren. Für die Ausstellung in Zürich haben die Kuratorinnen Anja Suter und Nicole Peter neben ehemaligen Saisonniers auch ein Kind von ehemaligen Saisonniers und eine ehemalige Sans-papiers interviewt. Diese Zeitzeugnisse ergänzen als «Living Library» die eindrücklichen Schwarzweissfotografien von Arbeitssituationen und Barackensiedlungen im Niemandsland von Schweizer Industriegebieten.

Fortsetzung der Geschichte

Von 1934 bis 2002 erteilten die Schweizer Behörden mehr als 7 Millionen Arbeitsbewilligungen unter dem Saisonnierstatut. Auf dieser Arbeit ist der Wohlstand der Schweiz gebaut. Die Kuratorinnen sagen zu work: «Alle Regionen der Schweiz profitierten von der Arbeit der Saisonniers. Deshalb wollen wir diese Ausstellung, die bisher in Genf und Biel zu sehen war, in der ganzen Schweiz zeigen.» Und die prekären Arbeitssituationen seien auch heute noch da, oft in den gleichen Bereichen wie damals: In der Care-Arbeit, in der Hotellerie und Gastronomie und in der Landwirtschaft ist die Schweiz massiv auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Ein Raum der Ausstellung ist deshalb auch ganz der Gegenwart gewidmet, mit den zwei aktuellen Initiativen zum Thema Migration und Bürgerrecht. Die SVP-Chaosinitiative will zurück zu Kontingenten und das Recht auf Familie wieder abschaffen. Die Demokratieinitiative, die von der Unia unterstützt wird, will Einbürgerungsverfahren vereinfachen und in der ganzen Schweiz vereinheitlichen.

«Wir, Saisonniers…: Zürich 1931 bis 2026», 26. März – 21. Juni, Photobastei, Sihlquai 125, Zürich.

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