Mechaniker Mario di Benedetto
Sein Rat gegen düstere Zeiten: Zusammenhalten und gärtnern!

Der Zürcher Mario di Benedetto (77) ist ein angefressener Schreber­gärtner alter Schule. Und ein überzeugter Gewerkschafter. Eine Parzellenbesichtigung zum 1. Mai!

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STOLZ AUF SEINE TULPEN: Mario di Benedetto ist jeden Tag in seinem Schrebergarten anzutreffen. (Foto: Raja Läubli)

Ob auf Balkonen, im Urban-Gardening-Projekt oder im Vorgärtli: Überall wird emsig angepackt und der grüne Daumen strapaziert. Mario di Benedetto muss manchmal schmunzeln beim Anblick dieses Rummels. Dabei hat der Zürcher volles Verständnis für den Anbautrieb. Er selbst ist von der Hortikultur regelrecht angefressen: «Gärtnern ist klar meine grösste Passion», sagt der pensionierte Maschinenmechaniker. Selbst im Winter komme er her, «einfach zum Schauen». Und jetzt in der warmen Jahreszeit gehöre der Garten zu seiner Tagesroutine: «Hier hast du keine Sorgen und bist immer beschäftigt.» Was man auch sieht.

Di Benedetto bewirtschaftet einen der schönsten Flecken des Familiengartenvereins Zürich Aussersihl, gelegen an einem viel frequentierten Fussweg inmitten des Sihlfeld-Friedhofs. «Jesses, schau diese Tulpen!» goisst eine Spaziergängerin zu ihrem Dackel, als sie seine Parzelle passiert. Wenig später macht eine Touri-Gruppe ebendort Selfies.

Di Benedetto lässt so was kalt. Ihm geht es nicht um Aussenwirkung oder Ästhetik. Sondern «einfach um das Sein im eigenen Garten», wie er sagt. Und ganz offensichtlich auch um Produktion. Denn selbstverständlich gehört di Benedetto nicht zur invasiven Art des urban-hippen Neo-Schrebergärtners, der auf ­seiner Parzelle pro Forma ein paar Kräuter streichelt und sonst vor allem Prosecco-Parties feiert. Nein, di Benedetto ist ein Vertreter der alten Schule.

Im Blaumann am Beet

Nur schon optisch: In seinem kleinen Paradiso trägt er stets Blaumann und Arbeitsschuhe mit Stahlkappen. Dazu nicht etwa einen Strohhut, wie er wieder in Mode wäre, sondern ein sonnengebleichtes Unia-Käppi. Oder alternativ ein noch antikeres der Vorgängerin GBI.

ARBEITSOUTFIT: Das verblichene Unia-Chäppi von Mario di Benedetto. (Foto: Raja Läubli)

Und dann der Garten: Die Reben sind geschnitten, der Rasen gemäht, das Cheminée abgedeckt. Kurz: Es herrscht Ordnung. Aber keine dieser pathologischen Vorgärtli-Ordnungen mit Plastikzwergen und anderem Kitsch. Di Benedetto pflegt eine ganz pragmatische, zweckorientierte Ordnung: Fast die gesamte Parzelle hat er in den letzten dreissig Jahren in eine urbare Fläche verwandelt, fürs Grillieren und Ausruhen bleiben ihm und seiner Frau nur ein paar Quadratmeter. Mit Hilfe eines Metallgerüsts baut er sogar dreidimensional an. Bohnen, Erbsen oder Himbeeren etwa. Auch Zucchini, Peperoncini und Tomaten wachsen. Zudem Lauch, Kartoffeln, Zwiebeln, Mangold, Erdbeeren, Kaki. Und all das üppig: «Im Sommer muss ich eigentlich nichts kaufen.»

Auch Raritäten spriessen: Cavolo toscano ist ein hübsch aufschiessendes Gemüse und heisst auf deutsch Palmkohl. Kardy wiederum ist mit der Artischocke verwandt, in der Schweiz aber kaum erhältlich. Und der Radicchio di Treviso ist eine mildere und knackigere Art des roten Chicorées. All das hat di Benedetto aus seiner Heimat mitgebracht, der süditalienischen Provinz Salerno.

2.95 Franken als erster Lohn

Von dort brach er 1967 auf – und landete als junger Mechaniker in der Schweiz des Saisonnierstatuts. «Ich hatte aber Glück», sagt di Benedetto. Denn er habe sofort eine Stelle als Hilfsdreher gefunden und seinen Status des Jahresaufenthalters immer wieder erneuern können. Der Lohn war mit 2.95 Franken pro Stunde zwar mager, aber seine Mansarde war für Stadtzürcher Verhältnisse ebenfalls günstig: 80 Franken im Monat.

IN SEINEM REICH: Mario di Benedetto im Schrebergarten. (Foto: Raja Läubli)

Später wurde er Schleifer in einer Armaturenfabrik, dann wechselte er in die Zahnradfabrik Maag. «Die haben damals fast nur Schweizer angestellt, weil sie nur Spezialisten wollten.» Oder spielte auch Fremdenfeindlichkeit mit? «Damit hatte ich nie Probleme», sagt di Benedetto. Wobei: «Klar hat man uns Italienern damals überall weniger gezahlt als den Einheimischen.» Aber beleidigt oder beschimpft sei er nie worden. Geholfen habe ihm wohl seine gute Vernetzung. Zwanzig Jahre lang war di Benedetto in einem Judo-Club. Und fast so lange im Vorstand des Gruppo Alpinistico Italiano Zurigo, eines von Emigranten gegründeten Skiclubs. Nach 17 Jahren in der Maag wechselte er zur Werkzeugfabrik Reishauer, wo er bis zur Pensionierung blieb. Di Benedetto steht unter seinem Pfirsichbaum und strahlt: «Ein Superbetrieb mit vorbildlichen Sozialleistungen!» Trotzdem trat er in dieser Zeit der GBI bei.

Meloni interessiert nicht

Gab es etwa Lämpen? Das nicht, aber die Gewerkschaft habe einfach sehr viel gemacht: «Es gab ständig Treffen und Demos, aber auch Feste und Boccia-Turniere!» Mitglied zu bleiben sei für ihn auch als Pensionierten eine Selbstverständlichkeit. Zumal in diesen Zeiten: «Seit Corona geht es nur noch abwärts!» Putin, Trump und Netanjahu seien die zurzeit «schlimmsten Verbrecher» der Welt. Und wie hält er’s mit Meloni? «Non mi interessa!» Er habe immer den Partito Comunista gewählt. Doch die heutige Nachfolgepartei PD überzeuge ihn nicht so recht.

«HIER BESTIMME ICH», sagt Mario die Benedetto. (Foto: Raja Läubli)

Auch in der Limmatstadt laufe vieles krumm: Di Benedetto wohnt in der Genossenschaftssiedlung Seebahnhöfe. Erst letzten November sagte die Bevölkerung Ja zu Abriss und Neubau. «Höchste Zeit», findet di Benedetto. Es brauche dringend mehr zahlbaren Wohnraum. Doch ob dereinst wirklich gebaut wird, steht für ihn noch in den Sternen. Seine Frau und er seien aber bald auf einen Lift angewiesen und müssten daher wohl umziehen. Bloss wohin? Für «marktübliche» Neuwohnungen reiche seine Rente kaum. Und Autobesitzer wie er seien etwa in der neuen Riesengenossenschaft «Kochareal» nicht zugelassen.

Was also tun? Für Mario di Benedetto ist sonnenklar: «Wenn wir zusammenhalten, dann erreichen wir etwas.» Und falls doch nicht? Dann bleibe ihm noch sein Garten. «Hier bestimme ich!»


SchrebergärtenEinst ging’s um Erziehung

Mindestens 23'000 Schrebergärtnerinnen und -gärtner gibt es laut dem Schweizer Familiengärtnerverband. Und es könnten noch Tausende mehr sein. Denn die Sehnsucht nach dem eigenen Pflanzblätz liegt gefühlt auf einem Langzeithoch. Entsprechend voll sind die Wartelisten. Doch gerade in Städten braucht es künftig noch mehr Geduld. Viele Gartenareale liegen auf attraktiv gewordenem Bauland. Manchmal sollen die Privatgärtli auch der öffentlichen Nutzung zugeführt werden. So im Fall von Mario di Benedetto: Die Stadt Zürich behält sich vor, den anliegenden Fussweg zu verbreitern und alle Schrebergärten aufzu­lösen. Gemeinschaftliche Nutzung statt privates Werkeln wird zunehmend gefördert. Das war einst gerade andersrum.

Gegen «Schausport»

Der deutsche Orthopäde und Hygieniker Moritz Schreber (1808–1861) begriff seine Gärten als volkspäd­agogische Orte, die zudem die Gesundheit fördern sollten. Noch in den 1930er Jahren konkurrierten die Zürcher Schrebergartenvereine als «gesündere» Alternative zu den modernen Sportarten, erst recht zum populären «Schausport».

Für die Heimat

Zugleich war das Kleingartenwesen immer eine klassistische Angelegenheit: Ursprünglich angestossen hatten es Angehörige der Eliten. Freilich nicht für ihresgleichen, sondern für Arbeiterfamilien, die den Grossteil ihres Lebens in feuchten Mietskasernen und staubigen Fabriken verbringen mussten. Dabei ging es nicht primär um die Kompensation ihrer Hungerlöhne durch Eigenanbau. Sondern darum, dass die Arbeiter ihre Freizeit nicht etwa in Beizen vertrödelten. Oder schlimmer noch: an Gewerkschafts- und Parteiversammlungen. Sondern zurückgezogen mit der Familie und einer «sinnvollen» Tätigkeit, die nebenbei noch die Verbundenheit zur «heimischen Scholle» fördere. 

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