Lisa Rossi (29) leitet neu die Unia Oberwallis
Achtung, Machos: Jetzt legt Lisa los!

Sie ist jung, feministisch, links. Sie legt sich auch mal mit mächtigen Männern an. Und das im konservativen Oberwallis. work stellt die neue Sektions-Leiterin Lisa Rossi vor. 

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LISA ROSSI: «Für junge Menschen mit linken Anliegen, die nicht in die Politik einsteigen wollen, gibt’s im Oberwallis eigentlich nur die Unia.» (Foto: zvg / Alain Amherd)

Lisa Rossi sitzt in ihrem Büro vor einer auffällig grünen Tapete: «Hier sieht es aus wie in der DDR», witzelt die 29jährige. Sie selbst aber ist ganz im Hier und Jetzt, und zwar im Unia-Büro in Brig. Rossi hat Anfang Jahr die Leitung der Unia-Sektion Oberwallis übernommen und ist damit erst die zweite Frau in dieser Funktion. Eine junge Frau in einer Führungsposition im konservativen Oberwallis: immer noch eine Rarität. Wie geht Rossi damit um? «Es gibt Vor- und Nachteile», sagt sie. Als eine Art Pionierin mache sie auch von sich reden: «Das gibt den Anliegen der Frauen Sichtbarkeit.» Und dies sei wichtig, «denn es gibt noch viel zu tun in Bezug auf die Gleichberechtigung! Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten.» Generell hat Rossi den Eindruck, als junge Frau doppelt so viel leisten zu müssen wie ein Mann:

Für die gleiche Anerkennung, die einem Mann einfach in den Schoss fällt.

Doch manchmal wirke es sich auch positiv aus. Rossi erlebt es so: «In Schlichtungsverhandlungen werde ich von der Gegenpartei – meist vertreten durch einen älteren Mann – manchmal unterschätzt. Das konnte ich auch schon zu meinem Vorteil nutzen.» 

Der Fall Buttet

Lisa Rossi. Kein ganz unbekannter Name, zumindest in der Deutschschweiz. Sie hat 2024 eine Petition mitangestossen, die Yannick Buttet zu Fall brachte. Der Ex-CVP-Nationalrat war wegen sexueller Belästigung und Nötigung verurteilt worden. Trotzdem hätte er als Präsident der Walliser Tourismuskammer das Image der Feriendestination Wallis repräsentieren sollen. Und er wäre der direkte Vorgesetzte einer jener Frauen geworden, die ihn angezeigt hatten. Rossi sagt: «Dass Buttet für diese Position überhaupt in Betracht gezogen wurde, zeigt exemplarisch, wo wir in Sachen Gleichberechtigung stehen.» Macho-Seilschaften seien noch immer eine Realität. 

Der historische Streik

Feminismus und soziale Gerechtigkeit sind zwei Dinge, die Rossi von Kindesbeinen an geprägt haben. «Mein Vater stammt aus Frankreich und war in der kommunistischen Jugendpartei. Meine Mutter hat sich schon immer für Gleichstellung engagiert und ist sehr weltoffen.» Dass Rossi der Unia-Jugend beitritt, scheint da fast logisch: «Für junge Menschen mit linken Anliegen, die nicht in die Politik einsteigen wollen, gibt’s im Oberwallis eigentlich nur die Unia.» Für feministische Anliegen sensibilisiert habe sie auch der grosse Frauenstreik von 2019. Sie war damals auch an der Gründung des feministischen Kollektivs Oberwallis beteiligt.

Aus dem malerischen Bergdorf

Lisa Rossi (29) ist dort aufgewachsen, wo andere Ferien machen: in Saas-Fee. In ihrer Freizeit ist ihr der Kontakt zur ihrer Familie und ihrem Freundeskreis sehr wichtig. Deshalb reist sie noch immer regelmässig ins malerische Bergdorf. Und sie ist begeisterte Fussballerin: «Allerdings nur auf der Zuschauertribüne!»

Nach dem Studium der Sozialen Arbeit, Sozialpolitik und Soziologie begann sie 2022 ihre Arbeit bei der Unia. Zuerst als Leiterin der IG Jugend. Und sie war für die Lonza zuständig. Der globale Pharmakonzern hat in den letzten Jahren seine Produktionskapazitäten in Visp massiv ausgebaut, auch im Zuge der Herstellung des Corona-Impfstoffes Moderna. Der 1897 im Wallis gegründete Konzern beschäftigt weltweit 18'000 Mitarbeitende, 4500 davon im Oberwallis. Er ist damit der grösste Arbeitgeber in der Region. 

Der Boom

Überhaupt erlebt das Oberwallis wirtschaftliche Boom-Jahre. Seit der Corona-Pandemie betrug die Arbeitslosigkeit nie mehr als 2 Prozent. Nebst der Lonza floriert auch die Scintilla AG, die in St. Niklaus im Mattertal für den deutschen Technologiekonzern Bosch-Sägeblätter herstellt. Eine wichtige Branche für Wirtschaft und Gewerkschaft ist auch der Bau. Im gewerkschaftlichen Fokus stehen hier die Grenzgänger aus Italien. Nebst überlangen Arbeitstagen aufgrund der langen Arbeitswege ist jetzt auch noch eine Gesundheitssteuer in Italien angedacht, obwohl sie ohnehin schon in der Schweiz und in Italien Steuern zahlen. Rossi erklärt: «Die Steuern in der Schweiz und in Italien fressen den Grenzgängerinnen und Grenzgängern immer mehr vom Lohn weg.»

Auch der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig im Oberwallis. Im Gastgewerbe kommen die meisten Mitarbeitenden von selbst auf die Unia zu. Viele von den immer gleichen Gastrobetrieben. Rossi erklärt: «Meistens geht es um ausstehende Lohnzahlungen, fristlose Kündigungen oder um Fälle von Krankheit.» Bei der Kollegin, die einmal pro Woche in Zermatt Sprechstunden anbiete, sei der Ansturm riesig. Dasselbe in Leukerbad. Ein grosses Problem für die Gastromitarbeiterinnen ist auch die sexuelle Belästigung. Sexistische Sprüche, auch von Gästen, gehören für viele zum Alltag. Und gleichzeitig stehen sie immer unter dem Druck, trotzdem freundlich bleiben zu müssen. Deshalb liegt Rossi auch die nationale Unia-Kampagne gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz am Herzen. Sie sagt:

Damit die Arbeitnehmerinnen die Anlaufstellen kennen und sich besser wehren können, auch die Chefs das Problem anerkennen und endlich flächendeckend eine Null-Toleranz-Politik einführen.

Diese Kampagne sieht Rossi als einen Schwerpunkt ihrer Arbeit im Oberwallis. Aber klar ist: «Wir wollen auch in der Lonza und in anderen Industriebetrieben weiterhin präsent sein und wachsen, so wie auf dem Bau und in Branchen wie Gastro, Verkauf oder Pflege.»

Und was plant die Unia Oberwallis für den 8. März? Da gibt es einen feministischen Brunch, für den Austausch, zum Kraft tanken.

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