Nachhaltig reisen
Faire Ferien – geht das überhaupt?

Kann Reisen «politisch korrekt» sein? Also nicht klimaschädigend, sozialverträglich, fair und menschenfreundlich? Ja, das geht – zumindest können wir vieles falsch, aber eben auch vieles richtig machen. work zeigt, wie.

LUXUS PUR. Aber hinter der Ferienidylle steckt oft Ausbeutung von Mensch und Natur. Foto: Canva

Die Pauschalreise nach Ägypten war ein Schnäppchen. Flug und Hotel schnell gebucht, direkt bezahlt, ab in die Ferne – im grossen Hotelkomplex gibt’s Erholung «all inclusive», die Sorgen bleiben zu Hause. Oder doch nicht ganz? Leise melden sich Gewissensbisse: Sind die Hotelkosten vielleicht so tief, weil das Personal unter prekären Arbeitsbedingungen und zu einem Hungerlohn arbeiten muss? Sind das die hohen CO2-Emissionen einer Flugreise wirklich wert? Wer ohne schlechtes Gewissen und möglichst klimaschonend und fair Ferien verbringen möchte, muss nicht auf Fernreisen verzichten, sollte aber ein paar Dinge beachten. work gibt Tipps – von der Wahl des Ferienziels über die Buchung bis zu Unterkunft und Verhalten vor Ort.

Das Reiseziel

Faire Ferien beginnen bei der Planung: Was ist mir in den Ferien wichtig? Will ich Natur, Action, Erholung? Will ich Berge, Meer oder lieber eine neue Stadt entdecken? Gute Vorbereitung und eine überlegte Wahl des Reiseziels beugen Enttäuschungen vor und erhöhen die Chancen auf unvergessliche und erholsame Ferientage. Und: Bereits bei der Reiseplanung entscheidet sich, wie gross oder klein der ökologische und soziale Fussabdruck der Ferien wird. Natürlich ist eine Zugfahrt klimaschonender als ein Flug. Wenn ein Flug aber unvermeidbar ist, sollten Sie direkte Verbindungen bevorzugen. Bei Flügen wie Unterkünften gilt: Sind die Preise extrem günstig, liegt der Verdacht nahe, dass die Arbeitsbedingungen schlecht und Billiglöhne im Spiel sind. Um sich generell über den «Zustand» des potentiellen Ferienlands zu informieren, helfen zum Beispiel der Internationale Korruptionsindex  oder der Human Development Index. Wer zusätzlich noch wissen möchte, wie glücklich die Menschen im Land sind, führt sich den World Happiness Report zu Gemüte. Ratsam ist es auch, unbekanntere Ferienziele zu wählen und nicht den Hotspot aus den Social Media anzusteuern wie Millionen andere Reisende auch. An Orten, die besonders beliebt sind, herrscht oft Übertourismus: Die Bevölkerung profitiert dann teilweise vom Tourismus, ein Grossteil leidet aber auch darunter. So steigt unter anderem das Konfliktpotential, Wohnraum für Einheimische wird knapp und teurer, die Natur leidet, viele Touristen produzieren viel Abfall und so weiter.

Die Anreise

Wenn ein Flug nötig ist, um das Ziel innerhalb vernünftiger Zeit zu erreichen, macht neben der Entscheidung für einen Direktflug auch die Wahl des Flugzeugs einen Unterschied: Modernere Flugzeuge verbrauchen weniger Treibstoff. Je weniger Flugkilometer, desto besser. Also nutzen Sie den Flug, um die ganz grossen Distanzen zu überwinden, und setzen dann auf Regionalverkehr – also Zug und Bus – statt Inlandflüge und Mietwagen. Damit lässt sich der CO2-Ausstoss schon deutlich reduzieren. Es hilft auch, die Langsamkeit zu zelebrieren, den Weg als Ziel zu verstehen: Also warum nicht mit dem Fahrrad oder zu Fuss reisen? Auf diese Weise lernen Sie ein Land ganz anders kennen und kommen leichter mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt. Das kann eine Reise enorm aufwerten und schafft besondere Erlebnisse.

Die Unterkunft

Ziehen Sie kleine, lokale Betriebe grossen Hotelketten vor. Auch Airbnb schadet mittlerweile mehr, als es nützt, vor allem in touristischen Gebieten und in Städten. Das authentische und oftmals günstige Übernachten bei Einheimischen ist zwar grundsätzlich eine schöne Idee, allerdings werden immer mehr Wohnungen von Immobilienverwaltungen und Zweitwohnungsbesitzern für Airbnb benutzt und verschwinden damit vom normalen Wohnungsmarkt. So wird Wohnraummangel gefördert, und die Einheimischen werden aus den Städten vertrieben, weil die Mietpreise steigen. Wenn Sie auf Familienpensionen oder kleinere Biohotels setzen, können Sie davon ausgehen, dass das Geld in der Region bleibt und der lokalen Bevölkerung nützt. Zertifizierte Unterkünfte geben Sicherheit, was Arbeitsbedingungen und ökologische Betriebsführung betrifft. Der Global Sustainable Tourism Council (GSTC) legt globale Standards für nachhaltiges Reisen und Tourismus fest und führt weltweite Listen mit zertifizierten Betrieben. Der GSTC ist eine gemeinsame Initiative von verschiedenen Organisationen wie zum Beispiel der Stiftung der Vereinten Nationen, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der Weltorganisation für Tourismus (UN Tourism). Er setzt sich weltweit für die Förderung verantwortungsbewusster Tourismuspraktiken ein. Einen verantwortungsvollen Betrieb erkennen Sie zum Beispiel daran: Er spart Wasser und Energie, trennt und vermeidet Abfall, verzichtet auf Einwegplastik und nutzt Ökostrom. Ausserdem zahlt er faire Löhne, schult die Mitarbeitenden regelmässig und versucht, sie langfristig im Betrieb zu halten. Das alles kostet Geld und lässt sich nicht mit extrem günstigen Zimmerpreisen realisieren. Hotels, die umweltschonend und menschenfreundlich handeln, kommunizieren das meistens auch, so lohnt sich ein genauer Blick auf die Website. Zertifikate, Labels, spezielles Engagement – wer darauf Wert legt, will es auch bekannt machen. Weltweit gibt es über 200 Labels für Nachhaltigkeit. Einordnung und Überblick bietet zum Beispiel der Tourismus Label Guide.

Das Verhalten

Anreise und Unterkunft sind das eine. Das andere ist, wie sich Reisende in einem Land verhalten. Wer lokales Handwerk unterstützt, in kleinen Läden, auf Märkten und in Hofläden einkauft, einheimische Reiseleiterinnen und Reiseleiter bucht, macht einen grossen Unterschied für die Menschen vor Ort. Auch in Sachen Umwelt- und Naturschutz können Einzelne viel bewirken: Die Frotteewäsche im Hotel mehrfach verwenden, die Klimaanlage möglichst wenig laufen lassen, auf Plastik verzichten, Naturschutzgebiete respektieren und Tiere nicht unnötig stressen, sondern sie lieber aus der Ferne beobachten. Und schliesslich: Faire Ferien zu verbringen bedeutet auch, sich über Sitten und die Kultur des Gastlandes zu informieren und sich respektvoll zu verhalten. Wenigstens «guten Tag» und «danke» in der Landessprache zu beherrschen, ist ein Muss – und kann Türen öffnen für neue Bekanntschaften und unvergessliche Begegnungen.

Nützliche Links

www.fairunterwegs.org: Eine Schweizer Non-Profit-Organisation, die sich seit 1977 für faires und umweltfreundliches Reisen einsetzt. Mit vielen konkreten Tipps.  

https://www.unwto.org/: Die Weltorganisation für Tourismus, englisch UN Tourism, ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Madrid.

https://www.gstc.org/: Der Global Sustainable Tourism Council (GSTC) verwaltet die globalen Standards für nachhaltiges Reisen und Tourismus und vergibt internationale Akkreditierungen für Zertifizierungsstellen für nachhaltigen Tourismus.

https://tourismus-labelguide.org/: Der Labelführer im Tourismus.

Eine Auswahl nachhaltiger Buchungsplattformen finden Sie hier: https://fairunterwegs.org/fair-unterwegs/buchen/buchungsplattformen/.

Gut Wetter machen mit CO₂-Kompensation?

Wer fliegt und etwas «wiedergutmachen» möchte, kann die CO2-Emissionen des Fluges durch einen Beitrag an Klimaschutzprojekte freiwillig kompensieren. Mit der CO2-Kompensation kann die Reise nicht «ungeschehen» gemacht werden. Trotzdem ist es sinnvoll, konkrete Klimaschutzprojekte zu fördern, die CO2-Emissionen einsparen. Auf der Website von My Climate können Sie den CO2-Fussabdruck Ihres gebuchten Fluges berechnen lassen und direkt den passenden Betrag an Klimaschutzprojekte spenden. Die Berechnung stützt sich auf durchschnittliche Verbrauchsdaten typischer Kurzstrecken- und Langstreckenflugzeuge. Es wird dabei mit eingerechnet, um welchen Flugzeugtyp es sich handelt und ob Sie Economy, Business oder First Class fliegen.
Die CO2-Emissionen Ihres Fluges hier berechnen.

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