25 Jahre work
Die prägenden Figuren hinter der Gewerkschaftszeitung

Eine Präsidentin, die jeden Artikel liest, ein Geschäftsleitungsmitglied, das work supportet, ein Gründervater sowie die frühere und die derzeitige Chefredaktorin von work: Sie alle sind prägende Figuren hinter der Gewerkschaftszeitung. Welche Schlagzeile sie nie lesen wollen, wen wir zum Interview treffen sollen und welche Fragen sie noch nie beantwortet haben,  verraten die fünf im Jubiläumsgespräch. 

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Vania Alleva, Unia-Präsidentin 

(Foto: Gaëtan Bally)

work: Wo lesen Sie work am liebsten: online, auf Social Media oder im Print?
Vania Alleva: Die Posts und Videos auf Instagram gefallen mir sehr gut, da schaue ich regelmässig rein. Und natürlich die Printausgabe.

Was lesen Sie in der Printausgabe am liebsten, und wo blättern sie eher weiter?
Zuerst geniesse ich jeweils die catchy Titelseite, danach blättere ich die Zeitung kurz durch. Und später lese ich dann die ganze Zeitung, von vorn bis hinten. 

Wirklich die ganze Zeitung? 
Ja, klar! Manche Artikel vielleicht etwas zügiger, aber ich lese eigentlich alles. 

Das freut uns natürlich sehr! Aber: Bei welchem work-Artikel mussten Sie zuletzt tief durchatmen? 
Da kommt mir auch bei längerem Nachdenken nichts in den Sinn. Hingegen muss ich immer wieder lachen. 

Erinnern Sie sich an einen konkreten Artikel?
Ja. Zum Beispiel bei der Titelseite von Ende Sommer mit dem Satz: «Wir schwitzen nicht alle im selben Boot.» Im Bild waren Badende mit bunten Schwimmringen zu sehen. Das ist work: ein durchaus ernstes Thema – die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arbeitnehmenden – lustvoll präsentiert. 

Welche Schlagzeile möchten Sie in den nächsten 25 Jahren unbedingt im work lesen? 
200'000 und kein Ende in Sicht: Die Unia knackt Rekordmarke bei den Mitgliederzahlen:

Welche auf keinen Fall?
Zahme Gewerkschaft: Arbeitgeber fürchten die Unia nicht mehr.

Welche Frage hat Ihnen work noch nie gestellt, obwohl Sie sie gerne beantworten würden?
Ich habe zwei!

Bitte, die erste?
Was mir an der Gewerkschaftsarbeit gefällt. 

Und, was gefällt Ihnen?
Ich schöpfe viel Energie aus der Zusammenarbeit mit engagierten Menschen. Gemeinsame Ziele zu verfolgen, die allen Menschen zugute kommen, das gefällt mir an der Gewerkschaftsarbeit. Gemeinsam einen Beitrag zu leisten für mehr soziale Gerechtigkeit. 

Und die zweite Frage?
Was es mit den Bürokollegen auf Instagram, den Kakteen, auf sich hat. Das war ein Schmähpreis der Schweizer Illustrierten. 

Mit welcher Person, lebend oder gestorben, würden Sie gerne ein work-Interview lesen?
Mit der quicklebendigen Punk- und Rockmusikerin Patti Smith. Ihr Song «People have the power» begleitet uns in der Gewerkschaftsbewegung seit Jahren. Und er bewegt mich immer wieder. 


Marie-Josée Kuhn, Ex-Chefredaktorin work

(Foto: zvg)

work: An welche Geschichte(n) erinnern Sie sich besonders gerne?
Marie-Josée Kuhn: Oh, an viele, sehr viele! Aber wenn ich jetzt Rosinen picken muss, dann sicher, was wir rund um «50 Jahre Schwarzenbach-Initiative» 2019 und 2020 produziert haben. Das war nicht nur ein Artikel, sondern ein ganzer Schwerpunkt zu diesem gewerkschaftlichen Kernthema. Plus das separate work-Bilder-Lesebuch «Baracken, Fremdenhass und versteckte Kinder», das die Unia als Herausgeberin grosszügig finanzierte und unter die Leute brachte. Das heisst, es waren drei Broschüren in Deutsch, Französisch und Italienisch. Das Ganze war konzeptuell ziemlich gut durchdacht, mit Tiefgang, Pepp und Sprengstoff. Dies in einer Zeit, als dieses wohl hässlichste Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte in der breiten Öffentlichkeit noch fast unbekannt war. Und klar blieben wir nicht im Historischen hängen, sondern spannten den politischen Bogen bis ins Hier und Jetzt unter dem Motto: «50 Jahre Fremdenhass: Von Schwarzenbach bis SVP». 

Das war ein starkes Stück Handwerk. 
Ebenso wie das Frauen-Bilder-Lesebuch und alle anderen Artikel, die wir zusammen mit der Unia rund um den historischen Frauenstreik 2019 und alle nachfolgenden publizierten. Während damals die bürgerlichen Medien den grössten Jahrhundert-Reinfall prophezeiten, glaubten wir im work von Anfang an ans Gelingen. Das lag an unserem kräftigen feministischen Standbein. Die Unia spielte damals bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Massenmobilisierung ja auch eine zentrale Rolle. Nicht zuletzt dank ihrer ersten Frau an der Spitze, Unia-Präsidentin Vania Alleva. Der zweite Frauenstreik wurde schliesslich zum spektakulären Erfolg. Und alle nachfolgenden ebenso.

Was hätten Sie im work lieber nie gelesen?
Schwierig zu sagen…, work hat meines Wissens, und anders als andere Medien, keine Leichen im Keller, wenn ich das so sagen darf. Wir gewannen auch praktisch alle Prozesse gegen uns vor Gericht. Ok, ich sag’s mal so: Was ich lieber nie gelesen hätte im work, waren flaue Artikel ohne Zugkraft, Richtung und Herzblut, die weder ausrecherchiert noch gut geschrieben daherkamen. Und die auch durch eine starke Redigierhand nicht zu veredeln waren. Das kam selten vor, aber es kam vor. Das ist jetzt allerdings etwas Déformation professionnelle.

Was war die grösste Panne in den 20 Jahren, in denen Sie work verantwortet haben?
Wie gesagt, keine Leichen und auch keine grossen Pannen: work ist nie nicht erschienen. Aber kleine und mittlere Pannen gab’s schon. Zum Beispiel musste ich mal in aller Herrgottsfrühe den Druck einer Frontseite stoppen lassen, das heisst die Druckmaschine anhalten lassen. Das sehen sie in der Druckerei nicht gerne, und das kostet. Aber unsere Anwältin Regula Bähler und ich befürchteten eine Klage der UBS wegen «unlauteren Wettbewerbs», dieses Keulengesetzes gegen kritischen Journalismus. Und das wäre dann noch viel teurer geworden. Das war im Jahr 2008, und auf dem Cover präsentierten wir einen gepfefferten Leitartikel von mir anlässlich der 68-Milliarden-Rettung der UBS mit der Stossrichtung «Oben abzocken und unten geizen: 68 Milliarden für die UBS und kein Geld für die AHV!».

Welche Entwicklungen in der Redaktion haben Sie besonders gefreut?
Dass diese immer weiblicher geworden ist und farbiger, was Wurzeln und Werdegang der Redaktorinnen und Redaktoren anlangt. Und dass ich Anne-Sophie Zbinden als meine Nachfolgerin gewinnen konnte, die diese Entwicklung nun kräftig vorantreibt. Und klar auch die Transformation von work ins digitale Zeitalter, die Anne-Sophie ebenfalls mutig an die Hand genommen hat, seit sie Chefredaktorin ist. Aktuell surfen im work vor allem drei junge Redaktorinnen hart, elegant und erfolgreich am launigen Wind des Algorithmus. Da kann ich nur sagen: Chapeau!

Mit welcher Person, lebend oder gestorben, würden Sie gerne ein work-Interview lesen?
Mit Elly Schlein (41), der mega-umtriebigen linken Oppositionsführerin Italiens. Aufgewachsen ist die Chefin des italienischen Partito Democratico im Tessin mit jüdischen und antifaschistischen Wurzeln, heute aber lebt die studierte Juristin mit Frau und Hund in Rom. Und gibt Italiens postfaschistischer Ministerpräsidentin Meloni regelässig Saures. Elly Schlein brandredet in der italienischen Abgeordnetenkammer. Oder sie brandmarkt an Demonstrationen die Massaker der israelischen Regierung in Gaza, um wenig später die Festa dell’Unità in Bologna zu rocken. Auf Highspeed reist sie und trifft und redet mit Pedro Sánchez, Luiz Inácio Lula da Silva, Ursula von der Leyen, Barack Obama usw. Dies alles, bevor sie in die Mailänder Scala spurtet, wo die italienische Gewerkschaft CGIL ihren 120. Geburtstag feiern kann. Sie kam, sah und sang gleich mit fester Stimme das Widerstandslied «Bella Ciao» mit. Alles zu verfolgen auf ihrem Ellyesse-Insta-Account mit 489'000 Followerinnen und Followern. Ja, das wär doch mal was für work, aber bitte auf mindestens vier work-Seiten! Und digital auf allen Kanälen.


Nico Lutz, Mitglied der Unia-Geschäftsleitung und Präsident des work-Beirates

(Foto: Yoshiko Kusano)

work: Was lesen Sie in einer neuen work-Ausgabe zuerst? 
Nico Lutz: Ich lese work in mehreren Etappen. Zuerst schaue ich die Front an und mache mir ein Bild über die Schwerpunkte der Ausgabe, dann lese ich das Edito und den worktag. Und wenn ich work dann zum zweiten Mal in die Hand nehme, lese ich vor allem die gewerkschaftspolitischen Artikel. 

Bei welchem work-Artikel mussten Sie zuletzt tief durchatmen? 
Beim Artikel über die Finanzierung der 13. AHV-Rente. Die VPOD-Basis hat dagegen gestimmt, obwohl eine klare Mehrheit der Delegierten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes sich dafür ausgesprochen hat. Der Artikel hat dies dann auch so wiedergegeben. Aber bei der Schlagzeile musste ich doch kurz durchatmen. 

A propos Schlagzeile: Welche Schlagzeile möchten Sie in den nächsten 25 Jahren unbedingt im work lesen? 
Das Hoch hält an: Unia verzeichnet erneut einen Mitgliederrekord.

Welche auf keinen Fall?
Kein Ende des vertragslosen Zustandes in Sicht. 

Welche Frage hat Ihnen work noch nie gestellt, obwohl Sie sie gerne beantworten würden?
Wieso ich diesen Job seit 30 Jahren gerne mache. 

Also gut. Nico Lutz, was treibt Sie an?
Es ist nach wie vor einer der spannendsten Jobs, die ich mir vorstellen kann. Ich habe viel mit Menschen zu tun, und wir können gemeinsam solidarische Ideen entwickeln und umsetzen. Es ist oft anspruchsvoll und auch sehr anstrengend. Aber ich würde die genau gleiche Laufbahn nochmals wählen. 

Mit welcher Person, lebend oder gestorben, würden Sie gerne ein work-Interview lesen?
Mit Sophie Scholl, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Ihre Zivilcourage, ihre Unerschrockenheit, ihr Mut zum Handeln und ihre klaren Werte könnte diese empörungs- und wutgetriebene Welt gut gebrauchen. Und dazu hätte Sophie Scholl vermutlich einiges zu sagen.


Andi Rieger, work-Co-Gründer und ehemaliger Unia-Präsident

(Foto: Jasmin Frei)

work: Hätten Sie damals bei der Gründung gedacht, dass work jemals das 25. Lebensjahr erreicht? 
Andreas Rieger: Dass es work noch immer gibt, freut mich sehr! Die Idee, die wir gemeinsam mit André Daguet entwickelt haben, war sicher ein längerfristiges Zeitungsprojekt. André kam von der Metallergewerkschaft Smuv, ich von der Gewerkschaft GBI. Das Projekt ist im Zusammenhang mit dem Umbau der Gewerkschaften zu verstehen, der zur Gründung der Unia geführt hat. 

War work eine Schnapsidee? 
Schnaps war keiner im Spiel. Der Hintergrund der work-Gründung war der Niedergang der Presse der Arbeiterbewegung, der linken Zeitungen und der Gewerkschaftszeitungen. In den 1990ern gab es dann viele innovative Zeitungsprojekte, die diese Lücken füllen wollten. In der Deutschschweiz haben aber einzig die WOZ und work überlebt. 

Und wie ist work entstanden?
Die Idee war eine Zeitung mit Geschichten von unten, welche die Arbeitenden ins Zentrum rückt. Professionell gemacht, journalistisch, sauber recherchiert. Und dies im Boulevard-Stil. Damit stellte work einen Bruch dar zur traditionellen Gewerkschaftspresse mit viel Text und wenig Bild. Wir wollten kein Pfarrblatt mit Verlautbarungen der Organisation, sondern eine eigenständige, linke, gewerkschaftsnahe Publikation. 

Ein Schnapsidee war hingegen, mit work eine breite Publikumszeitung zu schaffen. Wir wollten work am Kiosk verkaufen und Zehntausende Abos. Doch das hat nicht funktioniert. Wir hatten zu wenig Inserate – weil Print-Inserate sowieso zurückgingen und weil viele Unternehmen nicht in einer linken Zeitung inserieren wollten. Damit wiederum fehlte das Geld für Marketing und damit wiederum für die Abo-Werbung. Deshalb mussten wir das Konzept bereits nach einem Jahr an die Realität anpassen. Die Gewerkschaftsmitglieder wurden zum Hauptpublikum, aber work wird auch von  anderen Interessierten gelesen.

Welche Entwicklungsschritte haben Sie besonders gefreut?
Nach diesem schwierigen ersten Jahr hat Marie-Josée Kuhn die Chefredaktion übernommen. Sie hat die Zeitung stabilisiert und entscheidend geprägt. Ein zweiter wichtiger Schritt war der Übergang zur neuen Generation, mit Anne-Sophie Zbinden als Chefredaktorin. Es hat mich gefreut, dass dies ohne journalistischen Bruch gelungen ist. Auch die neuste Entwicklung von work auf den digitalen Plattformen ist erfreulich. 

Was wünschen Sie work für die nächsten 25 Jahre? 
Ich wünsche work weiterhin eine gute Kombi von Online und Print. Und ja, dass es weiterhin einen kreativ gestalteten Printteil gibt. 

Mit welcher Person, lebend oder gestorben, würden Sie gerne ein work-Interview lesen?
Mit meinem Co-work-Vater André Daguet. Ich würde gerne lesen, was er über die heutigen politischen und gewerkschaftlichen Entwicklungen zu sagen hat.


Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin work

(Foto: Yoshiko Kusano)

work: An welche Geschichte(n) erinnern Sie sich besonders gerne?
Anne-Sophie Zbinden: An alle, die mit Herzblut geschrieben oder gefilmt wurden. Geschichten über Menschen, die sich mutig für ihre Rechte einsetzten. Und ich freue mich ganz besonders über sämtliche Beiträge, die Gleichstellung zum Thema machen. 

Was hätten Sie im work lieber nie gelesen? 
In die April-Ausgabe 2024 – kein Scherz – hatte sich doch tatsächlich eine für eine Gewerkschaftszeitung unübliche Forderung eingeschlichen: Prämien rauf, Renten runter! Und das, obwohl mindestens acht Augen die Seite kontrolliert haben.

Was steht in der Stellenanzeige für Ihren Job in 25 Jahren? 
Gesucht wird eine Person, die täglich den Spagat übt zwischen Journalismus und Kommunikation, zwischen Print und allem, was bis 2051 erfunden wurde. Sie beherrscht alle Kanäle, die es heute noch gar nicht gibt. Sie kann kritisch fragen und gleichzeitig loyal sein, und sie unterscheidet zuverlässig zwischen dem Text einer Kollegin und einem, den eine künstliche Intelligenz geschrieben hat (Hinweis: Bei Letzterem fehlen meist die Tippfehler). Sie ist für alles verantwortlich, was geschrieben, gepostet, gefilmt oder missverstanden wird. Auch für das, was eine KI in ihrem Namen veröffentlicht. Aber: Es besteht Anspruch auf grenzenlosen Stolz, wenn die Inhalte ankommen, in welcher Form auch immer. 

Welche Entwicklungen haben Sie besonders gefreut?
Dass es uns gelungen ist, work jünger, vielfältiger und digitaler zu machen. Unsere Präsenz auf Social Media lässt sich sehen. 

Mit welcher Person, lebend oder gestorben, würden Sie gerne ein work-Interview lesen?
Mit der Schneiderin Rosa Parks. Sie blieb 1955 in den USA zu Zeiten der Rassentrennung im Bus sitzen, obwohl ihr Platz von einem Weissen beansprucht wurde. Mit diesem mutigen Protest brachte sie eine riesige Protestbewegung gegen Diskriminierung und Rassentrennung in Gang. 

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