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An Konzerten ist Backlinerin Martina Stutz unsichtbar – und unabdingbar 

Martina Stutz lebt für die Musik. Als Backlinerin begleitet sie Bands auf Tournee, schleppt Verstärker und sorgt für den reibungslosen Ablauf der Konzerte. Nun wird die 38jährige Mutter. Schwangerschaft und Rock ’n’ Roll: Geht das?

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BACKLINERIN MIT BABYBAUCH: Martina Stutz bleibt ihrem Job treu. (Foto: Stefan Bohrer)

Das Baby von Martina Stutz hat diesen Sommer schon mehr Konzerte erlebt als mancher Musikfan. Es war an Festivals in St. Gallen, am Bodensee, auf dem Bundesplatz sowie im Hallenstadion. Immer mittendrin. Immer Backstage. Und immer gut geschützt in Martinas Bauch. «Meine Hebamme sagt, wer in der Schwangerschaft viel Action habe, werde vielleicht ein Baby haben, das nachher viel Unterhaltung brauche», sagt die 38jährige und lacht. Sie sitzt im Bistrot Walther in Basel, direkt am Rhein. Die Spätherbstsonne scheint auf ihren kugelrunden Bauch.

Martina Stutz ist eine der wenigen Backlinerinnen in der Schweiz. Sie sorgt dafür, dass an Konzerten rund um die Instrumente alles reibungslos läuft. Sie schleppt Gitarren und Verstärker auf die Bühne, baut Drums auf, verkabelt und verklebt. Während des Konzerts steht sie direkt neben der Band. Für das Publikum unsichtbar. Für die Musikerinnen unabdingbar. Stutz sagt:

Wir ziehen neue Gitarrensaiten auf, verfolgen den Konzertablauf, reichen auch mal ein Bier oder halten die Jacke beim Kleiderwechsel.

Es ist ein wildes Leben. Rock ’n’ Roll. Backstage. Lange Tage. Noch längere Nächte. Dazu harte körperliche Arbeit. Drei Tonnen Material von einer Bühne zur nächsten transportieren. Am Steuer des Kleinlasters sitzt Martina Stutz selbst. Und wenn der Applaus verebbt, das Publikum nach Hause geht, beginnt für sie der Abbau. 

MARTINA STUTZ IST FÜR JEDEN FALL GERÜSTET: Die Backlinerin sorgt an Konzerten dafür, dass für die Musikerinnen und Musiker alles reibungslos läuft. (Fotos: Stefan Bohrer)

Stop-Knopf als Option 

Kein ideales Umfeld für Familien: «Ich arbeite seit 20 Jahren in der Eventbranche. In all den Jahren bin ich noch nie einer Schwangeren begegnet», sagt sie nachdenklich. Nicht mal das dreiwöchige Montreux Jazz Festival, eines der grössten und renommiertesten Festivals mit über 2000 Freiwilligen, ist auf Care-Arbeit sensibilisiert. Kinderbetreuung für Mitarbeitende? Fehlanzeige! Stutz sagt:

Jedes Fitnesscenter, jedes Einkaufszentrum hat betreute Spielecken. An Festivals ist das kein Thema.

SIEHT NACHHOLBEDARF BEI FESTIVALS: Backlinerin Martina Stutz. (Foto: Stefan Bohrer)

Wenig verwunderlich, dass ihr Kinderwunsch existentielle Fragen auslöste. Wird sie ihre Karriere aufgeben müssen? Ihre Leidenschaft, ihr Leben, ihr Netzwerk, das sie sich über Jahre aufgebaut hat? Obendrauf kommt finanzielle Unsicherheit. Sie ist selbständigerwerbend. Während der Schwangerschaft sieht das Gesetz bei Arbeitsausfall keine Ersatzzahlungen vor; die teure Krankentaggeldversicherung greift oft erst nach 60 Tagen. «Eine Schwangerschaft ist in der Schweiz für Angestellte mit Bürojobs vorgesehen. Oder noch besser: solche, die ohnehin zu Hause sind», moniert die gebürtige Nidwaldnerin. 

Als sie den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, war für sie klar: Sie will aktiv bleiben. Ein Zeichen setzen. Ihren Bauch stolz auch an den Festivals zeigen – immer mit der Option des Stop-Knopfes, sollten sie und ihr Baby sich während eines Einsatzes nicht mehr wohl fühlen. Sie kommunizierte früh und aktiv mit ihren Auftraggeberinnen. Sie hörte auf ihren Körper. Schleppte nicht mehr jede Kiste selbst. Setzte sich öfter hin. Und stand im engen Austausch mit ihrer Hebamme, die ihr einige Ängste nahm. Beispielsweise wegen der Lärmbelastung an Konzerten: «Im Bauch ist es sowieso immer laut», sagt die gebürtige Nidwaldnerin. 

Bands entzaubern sich

Die Bands und Veranstalter unterstützten sie. Und vertrauten ihr. Auch deswegen, weil Stutz in der Branche fest verankert ist. Bereits mit 14 Jahren organisierte sie in Nidwalden, wo sie aufwuchs, erste Konzerte und half an allen möglichen Kulturveranstaltungen mit. «Für mich war früh klar: Die Musik ist meine Welt. Mein Kosmos.»

Später zog sie nach Basel, um Jazzgitarre zu studieren. Nebenbei arbeitete sie als Stagehand an Events, spielte selbst Konzerte. Ihr umfassendes Wissen ist heute gefragt, ebenso ihre Tatkraft und ihr Organisationstalent. Doch fast noch wichtiger ist die Empathie. «Die Sozialkompetenz einer Backlinerin wird oft unterschätzt», sagt Stutz. 

IST IN DER BRANCHE FEST VERANKERT: Martina Stutz. (Foto: Stefan Bohrer)

Das Bandleben sei weniger glamourös, als es sich die meisten vorstellten. Übermüdete Gitarristen, erschöpfte Sängerinnen. Es brauche ein Gespür für Stimmungen, die richtigen Worte, das richtige Schweigen im richtigen Moment. Und nicht immer entspricht das Bild, das sie sich von einer Band gemacht hat, der Realität: «Manche Bands entzaubern sich selbst», sagt sie.

Flexibel bleiben

Im Moment freut sie sich erst einmal auf die Auszeit. Die erste in ihrem Leben. Die letzten Projekte hat sie übergeben: Elf verschiedene Schwangerschaftsvertretungen sind aufgegleist. Finanziell abgesichert sind die ersten 14 Wochen nach der Geburt. In dieser Zeit erhält sie von der Ausgleichskasse 80 Prozent ihres bisherigen Einkommens. Wenn sie Aufträge hat, sind das im Schnitt pro Tag 500 Franken pauschal. Danach nimmt sie ein oder zwei Monate unbezahlten Urlaub. 

«Dann steige ich langsam wieder ein», sagt sie. Wie viel Arbeit neben dem Familienleben Platz haben wird, muss sich zeigen. Sie will sich Zeit geben und herausfinden, was für sie und ihre Familie funktioniert. So, wie sie in der Schwangerschaft ihren eigenen Weg ging, wird sie auch als Mutter ihren Weg gehen. 

Martina Stutz: Lesen, Frauen, Yoga

Wer seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, braucht offenbar nicht mehr viele Hobbys. Zumindest muss Martina Stutz erst einmal überlegen. Und noch etwas länger über­legen. «Na ja, Yoga mache ich gern. Und ich lese viel. Ohne Buch gehe ich nicht aus dem Haus», sagt sie und lacht. Vieles, was andere Freizeit nennen, gehört bei ihr ohnehin zum Alltag: Musik, Konzerte, unterwegs sein, gemeinsam etwas auf die Beine stellen.

Auch ihr Engagement beim Verein Changeover ist eng mit der Eventbranche verbunden. Mit Workshops, Vernetzung und praktischer Unterstützung hilft der Verein Frauen, trans, intergeschlechtlichen, nonbinären und agender Personen beim Einstieg in die ­männerdominierte Branche. «Ich habe mir meinen Platz erkämpft. Heute möchte ich Türen für andere öffnen.»

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